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Ein Klopfen an der Thür weZts den Gsheim- rath ans feinem tiefen Nachdenken, er schrack zu­sammen und erst nach einigen Secunden war er im Stande, Herein zu rufen. Es war der alte Comptoirdiener Bernhard Struck, welcher schon bei Wolter's Vorgänger und des Letzteren Vater diesen Posten bekleidet hatte, der ins Zimmer trat und meldete, daß eine Arbeiterin den Herrn Gehsimrath zu sprechen wünsche.

Es kam dem Fabrikhsrrn in diesem Augenblick sehr erwünscht, den qualvollen Grübeleien, denen er sich in der letzten Zeit immer häufiger hingab, ge­waltsam entrissen zu werden.

Wer ist es, die mich zu sprechen wünscht?" fragte Wolter.

Die Auguste Brandt."

Lasten Sie sie eintreten."

Struck entfernte sich und gleich darauf überschritt die Arbeiterin die Schwelle.

Auguste Brandt hatte in dem Frauensaal, wo medicinische Kräuter ausgesucht und sortirt wurden, den Posten einer Aufseherin, die Arbeiterinnen an­zuweisen und deren Arbeiten zu controliren.

Wolter kannte saft jeden seiner Untergebenen bei Namen und von Vielen deren nähere Familienver- häünifle.

Ah, Fräulein Brandt", rief er der Eintretenden entgegen,was führt Sie zu mir"

Herr Geheimrath, ich bitte um Verzeihung" Wie befindet sich Ihre Frau Schwester?" Leider nicht gut, und ich komme deshalb zu Ihnen, um Sie abermals um einige Tage Urlaub zu bitten."

Hat sich ihr Zustand verschlimmert?"

Ihr körperlicher Zustand eigentlich nicht, aber sie ist geistig so sehr erregt, wie in vielen Jahrm nicht; sie behauptet, Jemanden, der ihr früher sehr nahe gestanden, flüchtig zwar, aber ganz bestimmt gesehen zu haben. Ich bin überzeugt, daß sie stch geirrt hat, denn von dem Fenster unserer Wohnung aus will ste an dem großen EingangSthor, das auf den Klosterhof führt, d Betreffenden in einem Wagen, der rasch vsrüb chren, erblickt und er­kannt haben. Nun zittrrt sie vor Angst, daß er ihren Aufenthalt entdecken. er ste aufsuchen könne, und einer solchen g wären ihre Nerven allerdings nicht gewachst. Ach, Herr Gehsimrath, was meins arme Schm? st und auch ich durch diesen Mann gelitten haben, kann ich Ihnen in Worten nicht ausdrücken. Er allein hat unser ganzes Un­glück verschuldet. Und nun, Herr Geheimrath, flehe ich Sie an wir haben Niemanden hier, an den wir uns mit einer solchen Bitte wenden könnten schützen Sie uns, schützest Sie meine Schwester vor diesem Manne!"

Schützen? Ich bitte sich deutlicher zu erklären! Sie sagten soeben, Fräulein Brandt, daß er Ihrer Frau Schwester sehr nahe gestanden war er viel- leicht M Verwandter oder wohl gar?"

Er war ihr Gatte. Darf ich Ihnen, Herr Gcheimrath die traurige Geschichte meiner arme» Schwester erzählen? Störe ich Sie nicht bei der Arbeit und wird es Ihre Zeit nicht zu sehr in An­spruch nehmen?"

Durchaus nicht. Ich bin jetzt nicht beschäftigt, und wäre ich es, so würde ich doch keinen meiner Leute in einem Au genblick sortschicken, wo ste mich um Schutz anrufen."

Sie sind so gütig gegen Alle, und das gisbt auch mir den Muth, mich Ihnen anzuoertrausn."

Setzen Sis sich, liebes Fräulein."

Auguste Brand nahm auf dem nächsten Stuhl Platz und nun begann ste:

Meins Schwester war in ihrer Jugend sehr schön und eine Künstlerin ersten Ranges. Ihre be­deutenden Einnahmen befähigten sie, auf großem Fuß zu leben, eine hübsche Villa zu miethen und Equipage und Dimerschaft zu halten. Unzählige Männer bewarben sich um ihre Gunst und unter allen Denen, die ihr huldigten und sie vergötterten, mußte gerade ihr Herz für den Unwürdigsten eine leidenschaftliche Liebe faffen. Ich sah ihn zum ersten Mal an den Tage, an welchem meine Schwester sich mit ihm vermählte. Er war unleugbar ein sehr schöner Mann, mit eleganten, seinen Manieren, aber ich sand in seinem Gesicht einen eigenthümlichen Zug, den ich nicht definiren konnte, der mir aber nicht sympathisch war, und ich fragte mich sogleich, ob der Charakter meines Schwagers wohl ein wirk­lich grundguter sei. Was mich von vornherein gegen ihn einnahm, war der Umstand, daß er seine bis­herig« Lebensstellung aufgegebm und keine Miene machte, eine anders zu ergreifen, sondern geradezu erklärte, daß er bei der großen Einnahme seiner Frau nicht nölhig habe, sich von irgend Jemanden abhängig zu machen, und daß er als deren Secretär, der alles Geschäftliche ordne und leite, eins hin­reichende Beschäftigung fände. Ich konnte ihn nicht vollkommen als Mann achten, weil er sich, ohne daß es ihm im Mindesten unwürdig erschien, von seiner Frau ernähren lassen wollte. In der ersten Zeit, als dis Honorare für dis Gastspiels reichlich flössen, war das Verhältniß zwischen den beiden Eheleuten leidlich gut. Aber schon, als meins Schwester in ihrem öffentlichen Auftreten eine Pause eintreten lassen mußte und hiermit die brillanten Einnahmen aufhörten, trat eine Mißstimmung ein. Sie hatten stch nach dem letzten glänzenden Gastspiel in St. Petersburg in ihrs Villa daheim von der Welt zu­rückgezogen, um hier den Eintritt eine« freudigen Ereignisses zu erwarten. Meine Schwester war ge­zwungen das Haus zu hüten, ihr Gatte saber ver­brachte j-tzt fast seine ganz; Zeit außer demselben, kehrte erst spät in der Dcht zurück, verbrauchte un­geheure Summen und man sagte ihm nach, daß er häufig hazardtrs. Bei dem leicht erregten Tempera­ment meiner Schwester gab er von nun an fast täglich unerquickliche Scenen, die namentlich eines