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Kin HaugemchLs.

Die Geschichte eines Künstlers. Von KarlNeumann-Strela.

(Fortsetzung.)

Einst litt die Prinzipalin an Unwohlsein. Ihr war der frische und noch warme Rosinenkringel übel bekommen, den ihr ein Bäcker zum Präsent gemacht. Sie hatte zuviel davon genossen, saß mit kläglichster Miene im Stuhl und nahm Tropfen auf Zucker, die ihr Mariechen in gewissen Pausen reichte. So vergingen die Stunden, ohne daß die Patientin nur einmal in den Laden kam. Der Zufall fügte, daß auch nur wenige Käufer erschienen und Dank dem Kringel, der Madame an die Stube bannte, konnte sich Daniel des Zeichnens wieder nach Herzenslust erfreuen. Blättchen auf Blättchen füllte er mit neuen Ideen. Die Züge des Vaters und der Mutter suchte er im Geiste festzuhalten, auf das Papier zu bringen, und erfreut über das Gelingen nahm er in gleicher Weise noch den Seifensieder vor. Auch mit diesem Bildchen zufrieden, schob er es gleich den andern in die Tasche, und da die Gelegenheit günstig war, so überlegte er, wer jetzt an die Reihe kommen sollte. Die Prinzipalin! Hurtig ein neues Blatt genommen, das Blei gespitzt. Einer! Moment schloß er die Augen und sann über das Antlitz Madame Sello's nach. Bald war ihm Alles gegenwärtig: die dicken Lippen der gestrengen Dame, die niedere Stirn und auf der breiten Nase die stattliche Warze mit Härchen besetzt. Kaum war eine kurze Zeit vergangen, da sah ihn Madame im Bilde an. Er hob die Zeichnung auf und legte sie noch einmal näher dem Fenster auf den Ladentisch, um sie in besserem Lichte zu be­trachten. So in sein Werk vertieft, überhörte er das Oeffnen der Thüre. Erst als plötzlich ein Schatten quer über den Boden fiel, schrack er auf und zusammen. Die Gestrenge in eigener Person! Die Tropfen hatten ihr gut gethan, die Beschwerden waren gewichen und nach einem Schläfchen fühlte Madame sich kräftig genug, um wieder nach dem Rechten zu sehen. Auf das höchste verwirrt wagte sich Daniel nicht zu regen, das Bildchen gleich den andern in die Tasche zu stecken.

Da blieb es in voller Beleuchtung liegen und wenn Madame zum Tische käme und ihre Züge er» blickte! Wie würde es dem jungen Künstler dann ergehen!

Aber die Prinzipalin wandte sich dem Eingänge zu, denn eben sagte ein kleines Mädchen guten Tag. Das war der Frau Hubermüller liebliches Töchterlein, welches Schwefelfaden begehrte. Madame zeigte auf den einen Kasten und befahl Daniel, das Gewünschte zu besorgen. Sie sah ihn dabei an, sie achtete auf ihn; sie hätte also bemerken muffen, wenn er wagte, das verhängnißvolle Blättchen doch noch zu entferu.'n. Er mußte es im Stich lassen, den Tritt besteigen,

den Kasten öffnen und aus ihm den Schwefel nehmen. Wie klopfte ihm das Herz! Doch Madame hatte jetzt die Augen anderwärts, sie sprach mit dem Spröß- ling der Hubermüller und fragte nach der Mutter, dem Bruder, dem Onkel. Mit einem Satz war Daniel wieder vom Tritt herab. Rasch griff er nach einer der Düten, die an einer Schnur neben der Wagschale hingen. Dem kam Frau Sello aber zuvor. Denn plötzlich wandte sie den Blick nach rechts, bemerkte das bewußte Papier aus dem Tische und sagte, auf dasselbe deutend:Das reicht ja für diese Kleinigkeit, das kannst Du nehmen."

War es nicht dem armen Lehrling, als wenn ihn siedendes Wasser überströmte ? Im nächsten Moment überlief es ihn wieder eisigkalt. Das Blatt mit ihrem Kontrefei sollte er in fremde Hände geben, es in den Besitz der Hubermüller gelangen lassen, die ihr bekannt, befreundet war? Wenn man die Zeichnung bemerkte, wenn darüber gelacht, geredet würde, dann gab es sicher ein mächtiges Geschrei! Doch blieb ihm eine Wahl? Er mußte gehorchen, obgleich ihm die Hand bebte, als er nun in dieses Papier den Schwefelfaden legte! Ein tiefer Seufzer stieg lautlos aus feiner Brust, er packte ihn gleichsam mit hinein und sah dem Töchterchen der Hubermüller traurig nach, als sie jetzt, das Päckchen in der Hand, lustig und singend den Laden verließ. Bis zum Abend fühlte sich Daniel wie zerschlagen. Der Ge­danke an Frau Sello's Portrait lag ihm wie Blei in den Gliedern, wie ein Centner auf der Brust. Dann aber, allein in seiner Kammer, kehrte ihm Ueberlegung und Ruhe zurück. Mau hat den Schwefel aus dem Umschlag genommen, dachte er, das Papier wohl nicht weiter beachtet, und das Bild ist vermuth- lich in eine Ecke gerathen, wird ausgekehrt und zwischen Lumpen geworfen. Damit ist es dann für immer entfernt und eine Entdeckung nicht weiter zu befürchten. Diese Hoffnung wiegte ihn in den Schlummer, und die nächsten Tage vergingen, ohne daß er über das Schicksal des verwünschten Bildes nur das Geringste erfahren hätte.

So kam der Sonntag heran. Rach der Kirche erschien die Magd der Fran Sekretarius Kasten, um im Namen ihrer Herrin Frau Sello zu einem Schälchen Kaffee zu laden. Madame sagte natürlich freudig zu, und als es Drei geschlagen, ging sie in gehobener Stimmung dem Kaffee, den Kaffeeschwestern und dem unausbleiblichen Stadtklatsch entgegen. Ein wenig später trat Mariechen in den Laden. Die Zeit wurde ihr lang, sie sehnte sich mit Daniel zu plaudern. Bald fehlte aber der Unterhaltungsstoff und das Mädchen fragte, was man beginnen könnte?

Ich werde Sie zeichnen," rief der Jüngling, ohne das Gewagte seines Einfalles zu überlegen.

Er mich zeichnen?" erstaunte Marie.Ach rich­tig," fügte sie hinzu,jetzt entsinne ich mich. Der Seifensieder sagte damals zur Mutter, Er verstände sich auf diese Narrheit."

(Fortsetzung folgt.)

Redaction: A, Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.