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nur mit scheuer Zurückhaltung und mit stets ge­senkten Lidern gesehen, jetzt die Augen weit geöffnet, und neben ihr ein junger Mann, den sie lächelnd und vertraulich, fast zu vertraulich anblickte, und der in gleicher Weise, ja, noch mehr, wie ein Verzückter die Blicke erwiderte! Wie? War ihm Jemand zu­vorgekommen? Harte sich ein Anderer schon dort warm gebettet, wo er ruhen, ausruhen wollte nach den wilden, leidenschaftlichen Stürmen des Lebens? Wer war der unleugbar hübsche, junge Mann, der nach dem wahrscheinlichen Geschmack eines so jungen Mädchens etwas Wesentliches vor ihm voraus hatte, nämlich die Jugend? Seines Wiffens hatte die Familie Wolter keinen nahen Verwandten, dem gegenüber eine solche Vertraulichkeit gerechtfertigt und erklärlich erschienen wäre. Wer konnte es also sein? Sollte er den Plan wieder aufgeben müssen, den er wohldurchdacht sich zurecht gelegt und zu dessen Ausführung er heute schon die einleitenden Vorder itungen treffen wollte?

Das waren die Gedanken, die ihn bestürmten und beunruhigten, während er von den vorstellenden Gastgebern umhergesührt wurde und sich unaufhörlich verbeugen mußte.

Es kam auch die Reihe an Siegfried. Mit Spannung erwartete Felix die N-nnung von dessen Namen. Als er hörte, daß derjenige, der so plötz­lich seine Eifersucht erregt hatte, nur der Direkior des Gesangvereins sei, also ein Mann von einer Lebensstellung, die ihn nicht berechtigte, um die Tochter eines Millionärs zu werben, schien ihm die Sache weniger bedenklich, aber gleich hinterher fiel ihm ein, daß er ein Künstler sei, der nach Frau Al«xandra's Meinung eine große Zukunft habe, und daß bei der allgemein verbreiteten Schwärmerei der jungen Mädchen für Künstler, zumal wenn diese hübsch sind, nichts so große Schwierigkeiten bereite, als einen solchen aus einem Herzen, in welches fein eitles Bild eingezogen, wieder zu verdrängen. Nur einen kurzen Mdment ruhten seine Blicke durch­bohrend auf Siegfried, dann sprach er freundlich und liebenswürdig zu ihm, bat ihn, seinen künftigen Direktor, beim Singen etwa« Nachsicht mit ihm zu haben und sagte, daß er sich freue, heute noch einen Vortrag von ihm zu hören, der, wie man ihm all. fettig versichert, ein wirklicher Kunstgenuß sein würde.

Seine Worte klangen natürlich und fast herzlich, sodaß er auf Siegfried einen sympathischen Eindruck machte.

Felix hatte mit der festen Absicht den Saal be­treten, Frieda als Tischdame zu gewinnen. Nach der gemachten Beobachtung änderte er jedoch seinen Plan, näherte sich der Baroneß Schleiden und bat dieselbe um die Ehre, sie zu Tisch führen zu dürfen. In diesem Augenblick machte der Diener die Meldung, daß srrvirt sei. Die Paare traten zusammen, der General mit Alexandra voran, dem der Geheimrath mit der Baronin von Schleiden folgte. Siegfried bot Frieda den Arm. Je mehr der genossene Wein den Geist anregte, desto animirter wurde die Unter-

< Haltung, Toast folgte auf Toast und in der ange­regten Conversatton hatte Frieda Gelegenheit, da« Gedicht von Siegfried unbemerkt zu lesen:

Als ich zum ersten Mal gesehen

Dein liebes, holdes Angesicht.

Da war es gleich um mich geschehen, Doch wir'« geschah, das weiß ich nicht

Ich fühlte nur, wie eine Wells

So rasch, so heiß zum Herzen drang, Und wie darin so rein, so Helle, Ein ganzer Jubelchor erklang.

Ist Dir er ähnlich so geschehen?

Pulst rascher auch bei Dir das Blut

Als mich Dein Äug' zuerst gesehen?

O sage Ja und dann ist's gut!

Dies eine Ja bedeutet Liebe,

Dies kleine Wort ist Schwur und Eid, Es heißt, ich fühl' die gleichen Triebe, Sei mein, fei mein in Ewigkeit!

Siegfried zitterte ein wenig, als er sah, daß Frieda mit dem Lesens seines Gedichtes begann. War er nicht wiederum zu kühn gewesen? Der Inhalt war ein unverblümter Liebesantrag, wie würde sie ihn aufnehmen? Plötzlich gewahrte er, daß sich ihr Gesicht wie mit Blut übergoß, und ihre Hände leise bebten. Langsam legte sie, nachdem sie das Gedicht zu Ende gelesen, das Notenheft wieder zusammen und blickte starr und wie abwesend vor sich nieder.

Hat da« Gedicht Ihren Beifall nicht gefunden, gnädiges Fräulein?" fragte Siegfried.

Ich kann Ihnen heute noch nicht darauf ant­worten, ich habe e» zu flüchtig gelesen, nach einiger Zeit sollen Sie meine Meinung darüber hören, ich muß er auch erst einmal durchsingen.

O, gnädiges Fräulein, sagen Sie mir nur da» Eine: Fühlen Sie sich durch das Gedicht verletzt?" Verletzt?" rief Frieda aus, wobei wieder ein schelmische» Lächeln um ihre Lippen spielte.Wie könnte ich da», da Sie es doch nur zu dem Zweck gemacht haben, um e« zu componiren?"

Und wenn es noch einen anderen Zweck gehabt hätte?"

Der Papa will reden, er sieht zu uns herüber, ich wette, der Toast gilt Ihnen."

Und dem war so, der Geheimrath ließ den Direktor de» Gesangverein» leben, der in so kurzer Zeit sich allseitig die Anerkennung seiner Fähigkeiten erworben.

Frieda stieß zuerst mit Siegfried an, wobei sie ihm zuflüsterte:Jetzt keine Frage mehr, Herr Direktor, wenn ich da» Gedicht geprüft habe, werde ich Ihnen sagen, ob ich e» für würdig halte, in einem Journal gedruckt zu werden."

O, Sie sind grausam mit Ihrer Ironie."

Vielleicht verbiete ich Ihnen auch die Veröffent­lichung und behalte e« für mich, und wenn ich mir

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