8?Ö

Er hat mir verziehen. Da Du sagst, Du hast Mir nichts zu verzeihen, Blanche, so laß mich hören, daß Du mich liebst!"

Er schaute mit leidenschaftlicher Innigkeit zu ihr auf. Aber das liebliche Gesicht umwölkte sich, die ernsten Augen schauten trübe und traurig und die schönen, rothen Sippen zuckten in unendlichem Schmerze.

Guy", sagte sie sanft,ich kann die Worte nicht sprechen, die Du hören willst."

Diese fluchwürdige Geschichte hat mir also Deine Liebe gekostet?" fragte er wild.

Guy, ich weiß gar nicht, ob ich Dich je geliebt habe", sagte das Mädchen in sanftem, mitleidsvollem Tone.Ich will ganz offen und rückhaltslos mit Dir sprechen. Als ich Deine Briefe an Sir Arthur las, als ich die Geschichten von Deinem Muthe, Dei­ner Ehrenhaftigkeit, Wahrhaftigkeit und Selbstver­leugnung hörte, hielt ich Dich für einen hochsinnigrn und ritterlichen Mann, für einen ungewöhnlichen Menschen kurz, für einen wahren Romanhelden. Und als Du nach Hause kamst und Dich mit allen eingebildeten Eigenschaften meines Jdeal-Guy's um­gabst, erröthete ich, wenn Du zu mir sprachst, war ich von Deiner Zuvorkommenheit und Beachtung ge­schmeichelt, und ich glaubte Dich zu lieben. Aber in derselben Stunde, als Du mich um meine Hand batest, wurde ich mir eines eisigen Gefühles von Enttäuschung bewußt. Meine Glückseligkeit war nicht so, wie ich sie erwartet hatte; eine unbestimmte Un­zufriedenheit bemächtigte sich meiner."

Du bist wirklich schmeichelhaft!" sagte Lowder bitter.

Ich rede die Wahrheit. Zuweilen war ich seit unserer Verlobung nahe daran, mich glücklich zu fühlen; aber innerlich fühlte ich mich nie so recht befriedigt. Ich entdeckte nur vor einigen Tagen, Guy, daß ich Dich nicht so liebe, wie eine Gattin lieben sollte. Die Wahrheit hat sich mir langsam nach und nach aufgedrängt, aber endlich kenne ich mein Herz genau."

Und Du willst mich nun zurückstoben I" rief Lowder mit wilder Stimme aus.Du kannst viel­leicht eine glänzendere Partie machen. Ich bin kein fehlerloser Romanheld, und der Jrrthum, den ich be­gangen habe, soll mich nun für immer von dem Pfade btt Tugend aurfchließen. Die willst eine romantische Grille zwischen uns treten lassen. Du könntest mein Schutzengel, mein besseres Selbst, meine Führerin und Erlöserin fein, aber Du entscheidest Dich, mich kalt bei Seite zu stoßen und vorüber zu gehen."

O Guy, es ist nicht dieses Fehlers halber, daß ich aushörte, Dich zu lieben. Ich habe Dich in Wahrheit nie geliebt."

Und soll Dein Versprechen nichts gelten? Gestern Abend sagte mir mein Vater, daß er fürchte, Du werdest wünschen, die Hrirath wegen dieser Angele­genheit aus ein Jahr zu verschieben. Er sagte, Du seiest die Tochter seines verstorbenen Freundes und pr müße Dich beschützen, was immer es auch ihn

und mich kosten möge. Ich sagte ihm, wie sehr ich Deines liebevollen Einflusses und Deiner Führung bedurfte. Er erwiderte, daß er es wiffe, daß es aber wenige Frauen gebe, die sich für einen Anderen opfern würden. Er wollte Dich fragen, ob Du die Hochzeit nicht lieber verschieben wolltest, fügte jedoch hinzu, daß es sein geheimes Beten und Hoffen sei, daß Du zu mir stehen und Dich entscheiden werdest, Dein Versprechen einzuhalten. Er sagte, daß mein einziger Jrrthum mir seine Liebe nicht rauben würde und daß er bete, Blanche möge mir treu und stand­haft bleiben."

Das Gesicht des Mädchens wurde noch bleicher.

Hat er das wirklich gesagt?" fragte sie in schmerzlichem Tone.

Ja. Er sagte, daß sein sehnlichster Wunsch sei, Dich seine Tochter zu nennen, er würde der glück­lichste Mensch der Welt fein, Zeuge unserer Verbin­dung zu sein. Er sagte, daß er über meine Zukunft, mein moralisches Wohl und meinen Ruf beruhigt wäre, wenn Du meine Gattin werden wolltest. Und dennoch", fügte er hinzu,würde er Dir lieber zu einem Aufschübe der Hochzeit rathen, weil er feine Pflicht gegen fein verwaistes Mündel ganz getreu erfüllen wollte."

Diese wahrscheinlich klingende Lüge fand bei Blanche vollkommen Glauben. Sie begrub ihr Ge­sicht in ihren kleinen, weißen Händen, dann sagte sie mit schwankender Stimme:

Guy, ich wollte Dich eben bitten, der bereits angeführten Gründe halber unsere Verlobung aufzu- lösen. Aber ich habe meinen Entschluß geändert. Sir Arthur's Wünsche sind mir heilig. Ich weiß, daß ein Sohn von ihm nie wirklich schlecht sein kann. Ich liebe Dich wohl jetzt noch nicht, aber die Liebe wird mit der Zeit schon kommen. Und und ich schätze Sir Arthur so hoch, daß ich mich freudig opfern würde, um seine Wünsche zu befrie­digen : Ich will Dich im Februar an dem bestimm­ten Tage heirathen."

Und wenn mein Vater in Dich dringt, zu warten?"

Werde ich es ihn nicht merken kaffen, daß ich feine geheimen Hoffnungen kenne. Ich will mein Dir gegebenes Versprechen halten. Und jetzt, Guy, laß uns nach Hause gehen. Es ist ungewöhnlich kalt an diesem Morgen."

Lowder half ihr mit vor Freude glühendem Ge­sichte von der Treppe herunter und sie kehrten in das Schloß zurück. Sir Arthur begegnete ihnen in der Halle, und lud Blanche ein, in die Bibliothek zu kommen. Lowder begab sich im Vertrauen auf seinen Sieg, nach dem Salon, um den Ausgang der Unterredung abzuwarten. Sir Arthur schloß die Blbliothekthür und führte feine junge Mündel zu einem Sitze neben dem Kamin. Ec rückte sich einen Stuhl zu dem ihrigen hin und sagte:

Hat Guy über die unglückselige Geschichte mit Dir gesprochen?"