6
Diese Nachlässigkeit trug ganz allein die Schuld an seinem Unglück! Noch am Abend vorher halte er ohne Frage mit seinen eigenen Würfeln gespielt. War er auch schließlich mit einem ansehnlichen Gewinn nach Hause gegangen, so hatte vorher das Spiel doch die gewöhnliche Physiognomie gehabt, bald hatte der Eine, bald der Andere die höchste Zahl geworfen, heute Abend aber waren seine Würfel von der ersten Minute an nur mit vier, fünf und sechs Augen und nicht ein einziges Mal darunter gefallen. Die Verwechselung mußte also in den letzten vierundzwanzig Stunden geschehen sein! Aber wer hatte fie vollführt, er selbst? Das war gänzlich ausgeschlossen, so mußte e« ein Anderer gethan haben, und hatte dieser es absichtlich oder unabsichtlich gethan? Daß diese Würfel früher im Besitz eines Kameraden gewesen sein sollten, war nach feiner Meinung ebenso sicher ausgeschlossen. Sein Diener, der Morgens seine Kleider reinigte, konnte die Verwechselung auch nicht aus eführt haben, denn seitdem er einmal einen untreuen Burschen gehabt, verschloß er Alles, was er in den Taschen hatte, in seinem Schreibtisch und legte den Schlüssel unter sein Kopfkissen, dar hatte er am Abend vorher ebenso gemacht.
Indessen alles Denken, aller Grübeln war umsonst, auf keine der vielen Fragen fand er auch nur eine einzige Antwort, die eine Spur von Wahrscheinlichkeit enthielt.
Für einen Augenblick, aber auch nur für die Dauer weniger Sekunden kam ihm ein anderer Bedanke:
Seit einiger Zeit gastirte in dieser Stadt die anerkannt berühmteste und gefeiertste Sängerin Deutschlands, Fräulein Elfriede Bach. Dieselbe logirte nicht in einem Hotel, sondern wohnte bei einem Kunstwäeen, dem Baron von Bleiken, der die Künstlerin eingeladrn hatte, für die Dauer ihres Gastspiels in seinem Hause Aufenthalt zu nehmen. Thalhnm, der mit dem einzigen, bei Erstürmung der Düppeler Schanzen gefallenen Sohne des Barons zusammen auf der Kadettenanstalt gewesen und mit ihm innig befreundet war, verkehrte fast täglich in dem Bleiken'schen Hause und wurde von dem Baron, sowie von dessen Gemahlin gleich hoch geschätzt. Hier sah er die schöne Sängerin häufig und zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er für ein weibliches Wefen mehr als sonst.
An den Abenden, an welchen die Künstlerin in der Oper nicht» zu thun hatte, war im Hause des Barons meistens große Gesellschaft, wozu immer viele Osficiere, unter diesen auch Stolzenberg, geloben wurden. Bald gewahrte Thalheim mit tiefem Schmerz, daß Elfriede Bach ihm wohl eine liebenswürdige Freundlichkeit bewies, aber offenbar in weit höherem Grade für den bildschönen Dragonerlieutenant von Stolzenberg sich interesstrte, der kein Hehl daraus machte, daß er in die Sängerin bis zum Rasendwerden verliebt sei.
War es denkbar, daß er auf dir kleinen Aus
zeichnungen, deren Thalheim sich von Seiten der Sängerin rühmen konnte, eifersüchtig war, und hatte die Eifersucht ihn getrieben, sich des Kameraden zu entledigen, um freie« Feld zu bekommen?
Doch nein, so wie er nur diesen Gedanken gefaßt hatte, so verwarf er ihn auch schon wieder. Mochte Stolzenberg wegen seines hochfahrenden, schroffen Wesens bei seinen Mstoificieren nicht gerade beliebt sein, aber eine Niedrigkeit traute ihm Niemand zu, noch viel weniger einen so abgefeimten Schurkenstreich. Eine solche That zu begehen, war einfach unmöglich, er kam auch gar nicht zum zweiten Mal auf diesen Gedanken zurück.
Länger als eine Stunde hatte er in seiner Sophaecke gesessen. Je mehr er über den Vorfall nachdachte, desto wahrscheinlicher schien es ihm, daß das Ehrengericht seinen Worten Glauben schenken und ihn von dem Verdacht de» beabsichtigten Betruges freisprechen würde. Er mißtraute keinem Menschen, er dachte von Keinem schlecht, am wenigsten von seinen Kameraden, und so meinte er, könne man auch von ihm nicht« Schlechtes denken.
Nachdem er durch diese sanguinische Annahme sich einigermaßen beruhigt hatte, entkleidete er sich und bestieg sein Lager. Aber den erhofften Schlaf fand er trotzdem nicht, er kam immer wieder mit seinen Gedanken auf da» Räthsel der Würfelverwechselung zurück, und als er endlich, nachdem die Sonne schon geraume Zeit durch die Fenster geschienen, zu der Ueberzeugung gelangt war, daß der Versuch zum Einschlafen ihm doch nicht mehr gelingen würde, verließ er das Bett und kleidete sich an.
Sein Bursche, der um acht Uhr ins Zimmer trat, wunderte sich nicht. wenig, daß sein Herr an einem Sonntag Morgen, wo er gewöhnlich bis in den Hellen Vormittag hinein zu schlafen pflegte und erst um zwölf Uhr zum Appell anzutreten brauchte, so früh schon auf den Beinen war. Rasch besorgte er das Frühstück, von dem Thalheim aber nichts genießen konnte, als eine Tasse Kaffee.
Um zehn Uhr klopfte es an die Thür. Nachdem der Lieutenant ahnungsvoll „Herein" gerufen hatte, erschien ein dienstthuender Unterofficier, der ihm ein versiegelter Schreiben überreichte. Letzteres enthielt die Aufforderung um zwölf Uhr in der Artillerie- Kaserne vor dem Ehrengericht zu erscheinen.
Da« Herz klopfte ihm doch, al» er dies la« und ebenfalls, als er sich eine Viertelstunde vor der gesetzten Frist in seiner besten Uniform auf den Weg machte.
Je mehr er sich der Artillerie Kaserne näherte, desto mehr belebte sich sein Muth, desto zuversichtlicher nahm er an, daß man seinen Versicherungen Glauben schenken würde. Als er die Kaserne erreicht und mit dem Glockenschlage zwölf in den Saal berufen wurde, wo da» Ehrengericht versammelt war, trat er fest und sicher über die ■ Schwelle.
Das Ehrengericht bestand aus zwölf, aus ver-


