Ausgabe 
4.9.1888
 
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6.

Wo war der Verfolgte hingekMmen? Wie Überhaupt aus seinem Versteck entwichen?

Mit diesen geheimnißvollen Fragen marterte der alte Johann seinen armen Kopf, der ganz wüst und wirr von dem Erlebten dieses schrecklichen Abends geworden war.

Er schleppte sich mit zitternden Knieen in sein Stübchen und sank laut seufzend in den Sorgenstuhl.

Weshalb hatte Fräulein Ulrike behauptet, daß er, der alte Johann, nichts von dem Versteck an der Wendeltreppe wisse? Sollte Fräulein Hsdwiga der Tante gebeichtet und diese den Verfolgten selber aus's Neue gerettet haben? Dann freilich war Alles klar und nur dar Eine befremdend, daß die stolze Ulrike von Jmmendorf, welche niemals von der Wahrheit abgewichen und die Lüge stets gebrand- markt hatte, urplötzlich mit ruhigem Antlitz die Un­wahrheit gesprochen, ohne mit der Wimper zu zucken, gelogen hatte.

Ja gelogen, es ist nicht anders", seufzte Johann, Herr Du meine Güte, wie mag sie dabei gelitten haben, die stolze Seele, so wahrhaftig durch und durch. Es ist grausam von ihm, hierher zu kommen, aber die Männer sind's einmal, ja, ja, wir sind undankbare Kreaturen und wenn's nicht wegen der Ehre des Hauses und der armen kranken Gnä­digen wäre, sie hätt'S nicht thun müssen, partout nicht, denn sie wird sich diese Lüge niemals vergeben."

Drinnen bei der kranken Irmgard saß mittler« weile Hedwiga, der Tante mit heiterem Geplauder ein Lächeln auf das blasse, eingefallene Gesicht zau­bernd. Sie verstand es, ihre Neuigkeiten in ein so vornehmes Gewand zu kleiden, daß Tante Irmgard sich angenehm davon berührt fühlte.

Es freut mich, daß beim Major Tevkamp ein feiner Ton herrscht, Kind I" hüstelte sie mit aufriebe­ner Miene, hätte es dem Manne, der mir stets un­sympathisch gewesen, niemals zugetraut, ein vornehmes Haus machen zu können. Seine Schwester, welche demselben repräsentirt, ist die Wittwe eines höheren Staatsbeamten, glaube ich."

Ja, Tante, man titulirt sie Frau Regierung-- räthin. Weshalb aber"

Der Major war früher arm, befaß nichts als feine Officierrgage", fuhr Irmgard fort,er hat geerbt, glaube ich."

So ist'», Tante, und er macht durchaus kein Hehl daraus, daß jene knappe Lieutenamszeit die glücklichste feines Lebens gewesen."

Tante Irmgard machte eine nervös abwehrende Handbswegung.

Ein indischer Nabob-Onkel setzte ihn zum Erben ein", sagte sie ungeduldig,ich finde das Kokettiren mit der Arrnulh höchst albern und unpassend von einem solchen Manne."

Hedwiga schwieg eine Weile, emsig die Wolle zu ihrer Stickerei ordnend.

Ich bin durchaus nicht neugierig, liebste Tantel" begann sie dann plötzlich ganz unbefangen,möchte

aber doch gern wissen, weshalb der herzensgute Major Dir stets so unsympathisch gewesen."

Die Kranke zuckte zusammen, und ihre feinen Finger zerpflückten in nervöser Erregung eine pracht­volle Rose, welche Hedwiga ihr mitgebracht.

Weil er so anmaßend war, sich in unsere Fa­milie eindrängen zu wollen!" stieß sie nach einer Weile kurzathmig hervor.

Die junge Dame blickte erstaunt auf, und ihr liebliches Antlitz überflog ein leichtes Lächeln.

Der häßliche Major?" fragte sie kopfschüttelnd, o, Tantchen, verzeih, das war allerdings höchst an­maßend von ihm."

Ja, häßlich und bürgerlich dazu", setzte Irmgard mit schwachem Nachdruck hinzu.Verstehst Du jetzt meine Abneigung gegen diesen Mann und gegen Deine Besuche in seinem Hanse?"

Mazda Rosen, die Pflegetochter der Regierung-« räthin, ist meine einzige wirkliche Freundin und da­liebenswürdigste Geschöpf, welches ich kenne", ant­wortete Hedwiga einfach.

Geschöpf der Ausdruck ist richtig", hustete die Kranke,ich dulde ihre Besuche nur, merke Dir das, Hedwiga I"

Sie schwieg einige Minuten, ihre ruhig arbeitende Nichte aufmerksam beobachtend.

Ich beklage es tief", begann sie dann plötzlich wieder,daß mein seliger Bruder die unverzeihliche Thorheit beging, sich nach dem frühen Tode seiner ersten Gemahlin, einer geborenen Comtesse von Eber- stein, wiederum und zwar mit einer Bürgerlichen zu vermählen. Der elende Mammon droht alle Stan- desunterschiede aufzuheben."

Du sprichst von meiner seligen Mutter, Tante Irmgard I" bemerkte Hedwiga mit gepreßter Stimme.

Der Du, Gott sei Dank, durchaus nicht gleichst", versetzte die Kranke hart.Du bist, mindestens in Deinem Aeußern, eine echte Jmmendorf, wenn auch, zu meinem Leidweisen, sich bürgerliche Neigungen bei Dir offenbaren."

Hedwiga wollte etwas erwidern, schwieg aber aus Schonung für die rücksichtslose Kranke, die feinen Lippen fest aufeinander pressend, und die Augen, zwi­schen denen sich eine kleine Falte gebildet, unverwandt auf ihre Stickerei geheftet.

Du gleichst in diesem Moment frappant Deinen! Papa", fuhr Irmgard leise fort,während Du in Deiner gewohnten heiteren Laune unserer schönen Ahnfrau Hedwiga, deren Namen Du erhalten, ganz merkwürdig ähnlich stehst. Ja, Du bist sehr schön, mein Kind, besitzest den echten brünetten Typus der Jmmendorf, das prachtvolle kastanienbraune Haar, die unergründlichen Augen und den vornehmen Zug des feingeschnittenen Antlitzes, obwohl Deine Haltung etwas zu Lebhaftes, zu Libellenhaftes besitzt, war leider an Deine Mutter erinnert. Es gießt eben nichts Vollkommenes in der Welt!" fetzte sie seufzend hinzu.

Du warst eine blonde, blauäugige Schönheit,