Ausgabe 
4.8.1888
 
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Vermischtes.

genommen worden, um einen lästigen Kostgänger oszuwerden. Der verbrecherische Sinn kann sich also hier und dort der so weit verbreiteten Nach- ässigkeit und Gleichgiltigkeit in Bezug auf die Sicherheit der Treppen bemächtigen, um schwarze Anschläge gegen Leben und Vermögen von Nebenmenschen, viel­eicht straflos und unbemerkt zur Ausführung zu iringen. In französischen Criminal-Romanen spielt die mechanisch bewegliche Treppe, welche plötzlich vor den Füßen des Herabsteigenden sich theilweise dreht, einen Abgrund eröffnend, in welchen der Ahnungslose hinabstürzt, eine große Rolle. Möge eine gesunde Baupolizei im Bunde mit der Humanität alle diese Treppen-Abenteuer auf eine «möglich geringe Zahl künftig herabmindern!

Muth im Alltagsleben. Habe den Muth, einzugestehen, daß du arm bist, du nimmst dadurch der Armuth ihren Stachel. Habe den Muth, auf das zu verzichten, was du nicht nöthig hast, wenn du's auch begehrtest. Habe den Muth, deine Mittel nicht zu überschreiten, wenn du deine Freunde ein­lädst. Habe den Muth, lieber den Armen zu geben, als dein Geld für Prunk und Pracht zu verschwenden. Habe den Muth, Bittende abzuweisen, wo du den Nutzen einer Gabe nicht erkennen kannst. Habe den Muth, erst für gesunde Nahrung und Wohnung zu sorgen, ehe du für Ueberflüssiges oder Schädliches Geld ausgiebst. Habe den Muth, jemand zu sagen, warum du ihm nichts leihen oder anschreiben willst.

Habe den Muth, Behaglichkeit und Anstandlgteit der Mode vorzuziehcn. Habe den Muth, deine Gesundheit und dein Wohlbefinden mehr zu lieben, als die Vorurtheile deiner Freunde. Habe den Muth, dich das zu nennen, was du bist. Habe den Muth, wie ein Schüler zu lernen, auch wenn die Leute den Kops darüber schütteln. Habe den Muth, deine Ideale ebensowenig zu verbergen, als deine Schwächen und Fehler verborgen sind. Habe den Muth, lieber festzuhalten an dem, was dauernd ist, als an dem was bald vergeht.

Habe den Muth, das Ehrenwerthe zu achten, in welchem Gewände es auch auftritt, Unehrlichkeit und Doppelzüngigkeit aber zu bekämpfen, wer sie auch leigt. Habe den Muth, deine Meinung zu sagen, wo es nöthig ist. Habe den Muth, einen Freund in schäbigem Rocke zu kennen, auch wenn du fein angezogen bist und mit feinen Leuten gehst. Habe den Muth, deine schlechten Neigungen und Sitten zu bekämpfen, so wirst du ein Held, ob du auch nie eine Waffe führst.

das Geländer auf der Wandseite nicht anzubringen vergeffen.

Einen ferneren Uebelstand für Leute, die nicht fest auf ihren Füßen sind, bilden die kleinen Stein­treppen an Hauseingängen und Kaustäden. Es sind oft nur drei bis vier Stufen, aber ohne Anhaltspunkte in Gestalt eines sowohl rechts als links angebrachten kleinen Geländers sind sie doch für den Kranken, Schwachen und Fußleidenden gefährlich und beschwer­lich zu passiren.

In Gasthäusern, über welche die Baupolizei mehr Macht hat, als über Privathäuser, sollte das doppelte Treppengeländer durch alle Stockwerke obligatorisch sein. Da wo die Treppe ziemlich schmal ist, so daß der Leidende beide Geländer zugleich fassen und sich hinauf und hinableiten kann, ermöglicht ihm diese Einrichtung das Besteigen des höchsten Stockwerks, ohne fremde Beihilfe, die man ja nicht immer gleich zur Hand hat.

Nicht blos der Leidende hat übrigens manchmal seine liebe Noth mit den Treppen, denn schon oft hat auch ein Sonntagsräuschchen oder die weinselige Feier irgend eines geselligen Abends dem schwer be­laden Heimkehrenden durch einen Sturz von der Treppe das Leben oder doch die geraden Glieder gekostet.

Die Unsicherheit auf den Beinen, welche beim Rückenmarkskranken ein dauernder Zustand ist, tritt beim Betrunkenen als vorübergehende Anwandlung auf, reicht aber vollständig hin, um auf schlechten Treppen sein Dasein oder doch seine Gesundheit zu gefährden. Gerade jene spitzzulaufenden Stufentheile, welche gewöhnlich dem einseitigen Geländer am näch­sten sind, bieten dem Fuße des Betrunkenen einen gar schmalen und ungewissen Halt, und wenn er infolge dessen rücklings hinunter stürzt, kann er das Genick oder wenigstens Arm und Beine brechen. Wäre an der breiten Seite der Stufen ein Geländer vor­handen, so würde wohl unwillkürlich auch der Berauschte diese bequemere Seite der Treppe suchen und sich dabei am Geländer halten. Daß er dagegen gerade auf dem gefährlichsten Theil der Stufe seinen Halt suchen muß, ist schon in hundert Fällen verhängniß- voll geworden. Auch sind die Geländer manchmal nicht solid construirt. Erst dieser Tage im April 1888 trug sich in der Nähe von Hanau der Fall zu, daß ein armer Taglöhner, welcher eine schwere Last auf den Speicher trug, sich auf das morsche Treppengeländer stützte, welches zusammenbrach, so daß der Unglückliche drei Treppen hoch hinabfiel und das Genick brach.

Unter den Landleuten in manchen Gegenden Süddeutschlands kam nicht selten der Fall vor, daß ein hochbetagter Großvater, welcher der jüngeren Familie zur Last war, auf der Treppe zu seinem Ausdingstübchen verunglückte, indem er über eine fehlende Stufe des leiterartigen Treppchens hinab­stürzte. Gewöhnlich nun glaubte man dann im Dorfe, die Stufe oder Sprosse sei absichtlich heraus­

Redaction: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.