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sagen sie — nun denn ja, warum nicht? Hat er nicht Grund dazu? „Sein affektirtes Wesen, ja jede Bewegung sei vor dem Spiegel einstudirt worden." Wenn dem so ist, so solltet Ihr ihm danken, denn wer lieferte Euch wieder so ein interessantes Bild.
Wie er so vor dem Spiegel steht und sich anlächelt, der Liebliche, fühlt er selbst, und er muß es ja doch am besten wissen, daß er durch und durch, von oben bis unten, unwiderstehlich sei. („Himmel", sagte ein Zuschauer, boshaft lachend, „mit welchem Umstande wird er einst die Augen zudrücken und sich zum Sterben anschicken!") und da meinen die Steider, er hätte seine Freude darüber — o Himmel nein! Es ist nicht leicht für ihn, der, statt wie gemeine Naturen sich an Eine zu hängen, die ganze in Frauengestalt wandelnde Menschheit umfaßt, alle die zahllos ihn Liebenden zu berücksichtigen, welche Zartheit, welche Fülle von Geist, welche Anstrengung gehört dazu! O, Ihr, die Ihr da glaubt, es sei Spaß, Ihr irret schwer; denn ja, daß Ihrs nur wißt, sein tänzelnder Gang, sein Gruß, selbst Essen und Trinken sind vor dem Spiegel einstudirt; dafür ist aber auch sein ganzes Wesen voll Pathos und Anmuth, er will eben vor Hoch und Nieder, vor Aurora und Vroni seinem Titel entsprechen, und dies nicht nur vor dem Publikum, nein, auch wenn er ganz allein ist.
Seht ihn jetzt bei der Toilette! Ordinäre Schlucker sind freilich in zehn Minuten mit Putz und Stil fertig, er aber — seht, wie er den Arm weit ausstreckt, und dann mit der Bürste in malerischer Attitüde in’s Haar fährt — Ihr kennt lange bei Eurem Berufe sitzen, bis er mit dem geistvollen Geschlingel und Gekräusel seiner Locken fertig wird, seht, wie er sich wäscht, wie graziös er die Stiefel anzieht! Schade, denkt er sich, daß ihn kein Maler sieht, eigentlich nein, denn alle würden ihn dann quälen, ihnen als Modell zu dienen.
Spielt er Karten, lächelt er humoristisch, edel, nonchalant beim Verlieren mit demselben ruhigen Gleichmuth (seine Feinde sagen gar: dummen Gesicht) wie beim Gewinnen. Ach und wie graziös mischt und dreht er die Karten, wie wirft er sie so zierlich hin und her, gerade, wie der Tänzer im Ballet Blumen streut.
Aber wenn er das Parquet im Theater betritt: schaut seinen wiegenden Gang, schaut seine olympischen neckisch verschämten Lippen, als litte seine Bescheiden- l heit darunter, der Gegenstand allgemeiner Aufmerk- I samkeit zu sein: in die Logen blickend führt er sein I seines Battisttuch zum Mund und räuspert sich mit ! Anstand und Würde (ein Zeichen), links winkt er * schelmisch mit zwei Fingern (wieder ein Zeichen), ' rechts grüßt er achtungsvoll, etwas weiter vertraulich : hinauf (ein drittes Zeichen) und blinzelt mit den Augen wie ein wohlerzogener Kanarienvogel.
Hört man die Neider an, so sagen diese freilich, er kenne weder Hund noch Katze in den Logen und
thue nur so, als ob — pure Verläumdung! Und selbst wäre es der Fall und fände er das Schwitzen nicht plebejisch, so stünden ihm gewiß die Hellen Perlen auf der Stirne in Folge der mühsamen Arbeit, Keiner im Publikum wehe zu thun.
„Die Komtesse Fritzi schaut „piquirt" drein", meint er, „weil sie meine Blicke gegen die Andern bemerkte, aber ich bin nur ein Mensch und kann unmöglich Jeder genügen."
Probire es nur einer der Kritiker und thue ihm solche Riesenarbeit nach.
Stirbt ein großer Herr, so schleicht er ein Paar Tage gesenkten Hauptes in den belebten Gassen herum. „Nie werde ich wieder solchen Freund finden", klagt er, „er liebte mich, ob ich ihm gleich die Wahrheit ost recht scharf sagte." („Er hat ihn doch sein Lebenlang nicht gesprochen, so wenig wie die Kom- teste Fritzi", so lauten die Reden seiner Feinde.) Ach, und welche Sprache, wenn er die Cour macht — so durch die Nase, so hyperhochdeutsch, mit so mittelalterlich rhetorischen Wendungen und mit solch' einem kauderwelschen Gemisch von fremden Sprachen, daß ihn die Mädchen kaum verstehen und ihm aus lauter Bewunderung und Entzücken beinahe in's Gesicht lachen, die armen Hänschen.
Aber tanzen, tanzen solltet Ihr ihn sehen! Wenn bei Alltags-Menschen die Freude dabei aus den Augen lacht, so ist bei ihm das Gegentheil der Fall. Steif und abgezirkelt hebt er seine langen Füße mit einem wahren Leichenbittergesicht; ist die Tänzerin nicht sehr gesucht oder unadelig, so läßt er sie aus, wenn es ihm einfällt, den rechten Fuß wie ein Racepferd schwenkend; ist sie brillant und gefeiert, macht er mit tieftrauriger Miene ein Compliment, um welches Vestris ihn beneiden würde.
(Schluß folgt.)
Vermischtes.
DieErfindung derBrillen fetzt man gewöhnlich zwischen 1280 und 1310. Gewiß ist, daß sie Anfang des vierzehnten Jahrhunderts in Italien bekannt waren, und daß schon der berühmte Roger Vaco (f 1292) die Wirkung der konkaven und konvexen Gläser kannte. Meistens wird der Mönch Alexander de Spina aus Pisa, welcher 1313 starb, als Erfinder der Brillen genannt; in einer Kirche zu Florenz befand sich aber ehemals die Grabschrift eines im Jahre 1317 verstorbenen Edelmannes Sal- viano degli Armati, welcher ebenfalls als Erfinder derselben bezeichnet wird. Wie dem nun auch sei, einem Italiener verdanken wir unstreitig diese wichtige Erfindung, die zwar schon über ein halbes Jahrtausend
\ alt ist, aber erst seit etwa einem Jahrhundert mehr vervollkomninet wurde und allgemeiner in Gebrauch kam. Z. H.
Redaktion; A. Scheydg, — Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen,


