lustige Sitte, daß wer am 31. December zuletzt in einer Familie aus den Federn sich erhebt, den Spitz­namen:Sylvester", erhält, freundlichst ausgelacht wird und Abends etwa» zum allgemeinen Besten geben muß. Anderswo hält man dasSylvester« schlagen" ab, d. h. man versammelt sich Abends im Wirthshause, deffen Gaststube an den Wänden und Fenstern mit grünen Tanrienzweigen hübsch geschmückt ist; oben an der Decke hängt ein ebensolcher Kranz und in der Ecke zwischen Ofen und Mauer steht eine verlarvte Gestalt: alt, garstig, flachsbe- bartet, welche auf dem Haupt einen Kranz von Mts« pölzweigen trägt undSylvester" heißt. Sowie nun Jemand beim Tanzen oder Gehen durch Zufall oder Absicht unter den Kranz an der Decks kommt, flugs springt Sylvester schnell aus seinem Schlupfwinkel hervor und applicirt ihm oder noch lieber ihr! einen derben Kuß. Das treibt er nun so bis Mitternacht dann aber hat sich's amgeküßt für den Sylvester dann ist sein Reich für dieses Jahr zu Ende. Sowie die zwölfte Stunde naht, ergreift ein jeder Gast einen grünen Tannenzweig, um sobald es zwölf Uhr schlägt den Sylvester: das alte Jahr zur Thür hinauszuschlagen.

Der König ist todt es lebe der König!" | Und daß nun dieser Thronwechsel des Jahres l möglichst lustig und geräuschvoll vor sich gehe, dafür wird nach Möglichkeit gesorgt in allen Tönen und Nuancen. In das ernste Geläute der Glocken mischt sich das Blasen, Singen, Schießen, Peitschenknallen, Prosit-Neujahr. Mfen, das Pereat büm alten Bivat dem neuen Jahre, je nach Orts- und Landessitte. Lieder singend und Serenaden bringend verkündet man von Haus zu Haus ziehend in mancher Gegend das neue Jahr, und manche holde Maid würde es für ein gar schlimmes Omen halten, wenn vor ihrem Fenster in der Neujahrsnacht nicht ge- schessen würde, da es Orte giebt, wo den Töchtern Eoa's die Zahl dieser Schüsse zum Barometer für die Höhe der Neigung ihrer Verehrer drent; auch ä bleibt der süße Lohn für solche Liebesbeweise nicht au«, sondern folgt meist denselben auf dem Fuße nach, in Gestalt einer Flasche Wachholderbrannt- wem, welche gewöhnlich an einem Faden herabge- laffen wird.

Anderswo gilt die MitternachtSstunde in der Neujshrsnacht als dis paffendste Zeit, um Hei- rathsanträge zu machen! Diese Werbung geschieht aber nicht etwa durch Musik, Gesang, eine Liebes­erklärung in aller Form durch Verse oder Prosa, auch nicht durch die Blume, sondern höchst sinnig durch die Weidemuths! Ein höchst sonderbarer Apparat aus Weidenrohr in Radform garntrt mit Aepfeln, decorirt mit Goldblech!Wßpelivt" ge­heißen, wird von dem betreffenden Herrn Braut­werber eigenhändig angefertigt, um sobald es Zwölf geschlagen in das Haus, wo die Begehrte weilt, geworfen zu werden. Zur Erhöhung diese» feierlichen We be-Actes wird gewöhnlich auch ein

Pistol abgefchossen, außerdem aber kurz und^bündig gerufen:

Hier bringen wir Euch eine Wopelröt, Wollt' Ihr mir was reichen,

So müßt' Ihr Euch nicht lange bedenken!"

Damit läuft der sonderbare Fleierrmann auf und davon, so schnell ihn seine Füße tragen. Und nun beginnt eine lustige Verfolgung seitens der Haurinsassm! Bekommt man ihn, so wird er im Triumph zurüägerührt, und muß sich zur Strafe für seine Schwerfälligkeit allerlei Spaß und Schaber­nack als Bewirihung gefallen lassen.

Eine andere lustige Sitte auf dem Lande, bei oer viel Spaß getrieben :nmb, ist die:sich ein­ander das neue Jahr abzugewinnen", d. h. sich gegenseitig mit den Glückwünschen zuvorzukommen. Zu diesem guten Zweck wird nun eine erstaunliche Fülle von raffinirter und stndirter Schlauheit in Scene gesetzt, um die Andern glücklich zu überlisten. Man schleicht sich an die Bttten, donnert an die Thüren, versteckt sich irgendwo, um die Ahnungs­losen dann plötzlich mit der Gratulation zu über­fallen; man poftirt sich an die Thür, um sozusagen mit der Thür respective mit dem Glückwünsche ins Haus zu fallen, kurz, man spielt tolle Streiche in allen Ecken und Enden, welche oft noch lange Zeit hindurch die beliebte Unterhaltung bilden, weil man gar so gut sich dabei unterhalten hat. Zuweilen finden die also abgewonnenen Glückwünsche auch in Bersen statt, denn wa» dir Form dieser Gratulationen anbelangt, so ist dieselbe sehr ver­schieden, je nach der betreffenden Gegend, je nach den Beziehungen, in welchen die Betreffenden zu ein­ander stehen, t- So wünscht man z. B. einem Mädchen:

Langes Leben, langes Leben»

Und all' meine Lieb' daneben!"

Andere beglückwünschen sich praktisch-realistischer: Langes Leben, langes Leben,

Und einen Beutel voll Geld daneben!"

Die Schwester aber ruft noch realistischer dem hoffnungsvollen kleinen Bruder zu:

Langes Leben, langes Leben,

Und hübsch viel Schläg' daneben!"

Auch kommt die Sitte vor, daß der oder die Uebsrraschte die Glückwünschmden beschenken muß, zumeist mit einem Kuchengebäck in Radform (wohl um dadurch den Lauf der Zeit und des Jahres an- zudeuten!) dasNeujährchen geheißen, oder man vewirthet denSieger" mit Süßigkeiten. Heber» Haupt ist die Verschiedenartigkeit des Backwerks, das extra für Neujahr zur Augen» und Magenweide dient, eine ganz refpectable; auch der Gaumen will ja feine Unterhaltung und Abwechslung beim Jahres­wechsel haben!

(Schluß folgt.)

Redaction: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.