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lockiges Haar und blickte Ulrike, sowie den gerührten Baron befriedigt an.
„Es ist gut, lieber Ulrich", versetzte sie, „Du bist jetzt Herr dieses Hause», wirst aber hoffentlich Deine Tanten nicht ganz bei Seite schieben. Wie Ulrike sozusagen die Seele des Hauses von jeher gewesen, so durfte ich wohl einen Thetl des Kopfes für mich in Anspruch nehmen —"
„Dar Gehirn, ohne Zweifell" ergänzte der Baron den bescheidenen Satz.
„Möglich", lächelte Irmgard mit unnachahmlichem Selbstbewuhtsein, „der selige Freiherr verschmähte es niemals, meinen Rath in Anspruch zu nehmen."
„Wie sollte ich ander» denken und handeln können, liebe Tantel" beeilte sich Ulrich zu versichern.
„Natürlich, Du wirst meinen Rath in solchen Dingen, die mir fern liegen, entbehren müssen, lieber Nrfsi! — War indeß Deine Zukunft, welche mit dem Glanz dieser Hause» identisch sein wird, betrifft, so, — doch apropos, lieber Baron I" unterbrach sie sich, „wann wird unser durchlauchtigstes Paar hier eintreffm?"
„Ich denke, wenn die Reise-Dispositionen nicht verändert werden, in drei bis vier Wochen, meine Gnädigste I"
„So lange noch? Run, wir müssen uns bis dahin gedulden. Sieh', Ulrich, unser durchlauchtigster Fürst wird sich dieser Tage mit der Prinzessin von A. vermählen und auf der Reise nach seiner Residenz unsere Stabt mit dero hohem Besuch beehren. Dann wird unser lieber Baron Dich vorstellin, damit Se. Durchlaucht Dich als jetziges Obe-Haupt und Träger de« Freiherrn - Titels installirt. Auch wird es die höchste Zeit, daß Hedwiga, Deine Stiefschwester, welche, Gott sei gelobt, keine Spur ihrer bürgerlichen Mutter geerbt hat, bei Hofe vorgestellt, überhaupt in die Gesellschaft eingeführt wird. Ja, staune nur, lieber Neffe!" sitzt« sie seufzend hinzu, als Ulrich sie mit einem seltsamen Blick ansah, „sie ist bereit» 18 Jahre alt und noch nicht eingeführt, e» ist horribel. — Dein seliger Vater war im letzten Jahr zu leidend, geradezu apathisch geworden gegen die heiligsten Verpflichtungen seines Standes. Du wirst viel nachholen müssen."
„Beruhige Dich, liebe Tantel" bat Ulrich, ein Lächeln unterdrückend, „ich werde mich bestreben, Deinen Wünschen gerecht zu werden. Du wirst jetzt ruhen müssen, wir haben Deine Kräfte zu sehr in Anspruch genommen."
„O nicht doch, ich bin durchaus nicht so leidend, wie Ihr glaubt", versicherte Irmgard mit einem kurzen, trockenen Husten, „Ulrich soll mir von seinen Reisen, von der großen weiten Welt und den vornehmen Kreisen, in welchen er gelebt, erzählen. Du warst doch in London, lüber Neffe?"
„Ja, liebe Tante! hielt mich dort jedoch nicht lange auf."
„Ich liebe die englische Aristokratie", fuhr Jcm- gard mit Anstrengung fort, „sie ist so recht vornehm, !
so gänzlich abgeschlossen von den »lieberen Ständen. — Bist Du der Königin vorgestillt worden?"
„Nein", versetzte Ulrich, dem die ganze Unterhaltung unsägliche Pein verursachte, „ich hielt mich dort nur wenige Tage auf, auch war die Königin nicht anwesend."
„Wie schade, Du hättest dort länger verweilen und die Gelegenheit einer solchen Auszeichnung nicht versäume« sollen. Von den Amerikanern mag ich nichts hören, wirst r» dort auch nicht lange ausgehalten haben bei dem Krämervolk, fi doncl Hast Du am österreichischen oder russischen Hofe reusstrt?"
Ulrich blickte hülfesuchend auf Tante Ulrike, welche jetzt rasch zu der Kranken trat, sich zärtlich über sie beugte und ihr liebkosend über die heiße Stirn strich.
„Wie Du erregt bist, Theure!" sprach sie sanft, „ich zürne mir selber., nicht früher eingeschritten zu sein, um Ruhe zu gebieten. Bitte, bitte, ich gebrauche nur da» vom Arzte mir übertragene Recht, Du darfst nicht rebelliren."
„Fi donc, welch' abscheuliches Wort", unterbrach die Kranke sie heftig, dann aber mochte sie selber ihre große Schwäche empfinden-, hob mühsam mit einem schwachen Lächeln die abgezehrte Hand zum Zeichen huldvoller Entlassung und schloß mit einem Seufzer die Augen.
Ulrike winkte den beiden Herren, die sich geräuschlos zurückzogen, freundlich zu. Dann waltete sie still wie eins sorgliche Mutter um die Kranke, welche, von der ungewohnten Erregung angestrengt, rasch entschlummerte, und entfernte sich leise, nachdem sie den gewohnten Trank und die Klingel in den Bereich ihrer Hand gebracht hatte.
Wir sie vorausgesetzt, befanden sich die Herren noch im Conferenz-Zimmer, wo sich der Herr Baron jetzt empfahl, und von Ulrike mit herzlichem Danke hinamgüeitet wurde. Dann kehrte sie zu Ulrich zurück, der aufgeregt im Zimmer auf- und abschritt.
„Was soll daraus werden, Tante I" rief er seufzend, „ich vermag diese Rolle nicht durchzuführen, sie hat schon heute meine Kräfte erschöpft, mich zur ge- linden Verzweiflung gebracht. Ich kann mich nicht in ein solches Lügennrtz verstricken, e» ist genug, übergenug, daß Männer, wie Major Tellkamp und Doktor Dörner sich um meinetwillen zur Unwahrheit erniedrigen, schon dieser Gedanke treibt mir die Schamröthe in’« Gesicht, da er eine Anklage, einen Appell an mein Ehrgefühl in sich schließt. O, Tante Ulrike, Du weißt es, daß ich stet» ein Feind der Lüge gewesen —"
„Ich weiß e«, liebt r Ulrich!" unterbrach sie ihn im begütigenden Tone, „bitte Dich aber, den Umständen R-chnung zu tragen und die Sache nicht so tragisch zu nehmen."
„Das heißt, mit Eleganz und Humor k<ck weit.r lügen — o gute Tante, umschreiben wir das häßliche Wort nicht und gestehen es uns offen ein, daß wir uns in einer Sackgasse befinden."
(Fortsetzung folgt.)


