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beiläufig ein so grundhäßlicher, ungalanter Mensch war, daß wohl Niemand auf den Emfall kommen könnte, stch in ihn zu verlieben.
Am andern Morgen, als Arthur nach einem sehr frühen und eiligen Frühstück zum Dienst ging, be- schloß ich, mein neue» Amt anzutreten; e» war ein östlicher, thaufrtscher Morgen, einen Augenblick trat ich auf den Balkon, meinem Arthur nachzusehen, dann wandte ich mich mit großer Arbeitslust meinem Reich des Innern zu.
„Martha", so hieß mein dienstbarer Geist, begann ich, „heute ist Markt, gehe hin, kaufe Fleisch zur Suppe, Spinat, Eier und einige Tauben, das ist dem Herrn sein Leibgericht, er muß es den ersten Tag haben."
Martha stellte ihren Besen hin und sagte:
„Gnädige Frau, ich hatte schon gestern einen Kalbsbraten gekauft, damit Sie etwas zu essen hätten, junge Schoten und Karotten."
„Kalbsbraten", rief ich entsetzt, „bas ist gerade das Emzige, was der Herr nicht mag und heute gar I"
Martha lächelte spitz:
„Es ist doch ein sehr feiner Braten, vorher Gemüse und Kroquetts, werden der Herr Lieutenant schon zufrieden sein!"
„Zeige mir Deine Einkäufe, Martha."
Ich besah Alles» sehr große Quantitäten und auffallend theuer. Mein neues KÜHengeschirr, blank und zierlich, gab der kleinen, freundlichen Küche da» Ansehen eine» Schmuckkästchen», aber ich konnte mich nicht darüber freuen, denn der Kalbsbraten lag mir im Sinn, auch konnte ich nicht umhin, meiner Donna zu bemerken, daß die Gemüse sehr theuer waren und viel zu reichlich für zwei Personen.
„Da» muß ich besser verstehen", entgegnete sie scharf, „und dann find wir auch vier Personen, der Buffche soll doch auch essen."
„Allerdings, aber die feinen, jungen Gemüse sind doch, besonders im Frühjahr, zu theuer und daher nur für die Herrschaft."
„Ich bin gewohnt, dasselbe Essen wie die Herrschaft zu speisen; gehen gnädige Frau nur ruhig hinein, ich werde schon Alles besorgen."
Völlig verblüfft starrte ich meine Perfekte an, das war ein Guß kalte» Wasser auf meinen Hausfrauen-Enthusiasmus. Zum Ueberfluß sah noch L sstng's grinsendes Gesicht zur Thür herein, der einen Korb klein geschlagenes Brennholz trug und bei meinem Anblick stocksteif stehen blieb und mich anglotzte, als fei ich ein ausländisches Thier, das er nie zuvor gesehen. Das Blut flieg mir in s Gesicht und ich stürzte in's Zimmer, völlig rathlos, was ich beginnen sollte. Ich hatte es mir so hübsch gedacht, al» selbstständige Herrin im eigenen Heim zu schalten, denn zu Hause war ich die Jüngste der Schwestern gewesen und hatte mich fast immer fügen müssen, und nun — wenn nur Arthur käme! Am Genfer See war'» doch schöner, wie hatte ich so thöiicht sein können, mich nach Hause zu sehnen.
Langsam ging der Vormittag hin, ich war gerade im Begriff, auf dem Balkon nach Arthur aus« zuschaurn, al» Martha mit ihrem Ausgabrbuch zu mir kam.
„Bitte, gnädige Frau, mir meine Auslagen zu erstatten, ich muß noch etwas holen."
„War denn, Martha?"
„Wir brauchen noch Eier, Sardellen, Trüffeln."
„Wozu denn", fragte ich ganz erstaunt."
„Zu Kroquetts, gnädige Frau."
„Martha, so künstliche Gerichte können wir für den täglichen Tisch nicht nehmen, da» wird zu theuer, mache die Kroquetts einfach ohne Sardellen und Trüffeln."
„Das geht nicht, gnädige Frau, ich habe beim Hofkoch kochen gelernt und verstehe mein Fach, ich muß haben, was ich brauche. Hier ist mein Buch."
Ich warf einen Blick hinein und fuhr entsetzt zurück.
„Aber, Martha, wie konntest Da ohne mein Wissen diese Ausgaben machen. Kaviar und Fasan wären gestern Abend gar nicht nöthig gewesen, ein Beafsteak hätte vollkommen genügt."
„Als der Herr Graf und die Frau Gräfin von der Hochzeitsreise kamen, hatten wir dasselbe, außerdem noch Eis und Champagner."
„Aber die Kosten, Martha, wir können nicht so viel draufgehen lassen."
„Gnädige Frau werden dem Herrn doch anständiges Essen geben wollen, im Kasino werden die Herren verwöhnt, nachher schmeckt e» ihm nicht zu Hause."
Da» war stark, aber ich war schon ganz fassungslos geworden über Marthas Ausgabebuch, die von ihr berechneten Ausgaben für Delikatessen und Ausschmückung der Wohnung verschlangen über die Hälfte meines Wirthschastsgelde», welche» doch einen Monat reichen sollte. Dieser Person gegenüber fand ich aber zur Zeit kein Wort mehr, gab ihr also einen Thaler, um sie lo» zu werden, und sagte, da» Andere würde ich ihr geben, nachdem ich die Ausgaben nachgerechnet hätte.
Endlich, endlich kam Arthur nach Hause, müde und bestaubt zwar, aber doch frisch und fröhlich.
„Nun, Frauchen, was werden wir heute zu Mittag speisen, zum ersten Male am eigenen Herd? Ich habe einen Wolfshunger mitgebracht."
Jetzt fiel mir der unglückliche Kalbsbraten wieder ein, den ich unter den Kalamitäten des Vormittag» fast vergessen hätte.
„Ach, Arthur, ich kann nichts dafür, es war schon ein Kalbsbraten da, den müssen wir doch nun aufessen."
„Kalbsbraten?" Er verstummte.
Als er aber mein betrübte» Gesicht sah, schloß er mich herzlich in seine Arme und sagte dann tröstend:
„Thut nicht», aber wer ist denn die gütige Fee, die sich unsere» jungen Hausstandes so sorgsam l annimmt ?"


