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„Ganz recht, so hieß der Mann, dessen Leiche damals hier aufgefunden wurde", nickte der Referendar. „Nichtsdestoweniger war es ein echter Paß, und der ursprüngliche Eigenthümer desselben, ein Banquier Franz Krüger, ist derzeit seinen Gläubigern mit einer großen Summe durchgebrannt und seitdem verschollen. Sodann ist die Leiche, die man hier fand, beraubt gewesen." —
„Jawohl, man hat nur einige Briefe und Visitenkarten bei ihr gefunden, und das gab schon damals Anlaß zu Gerüchten und Behauptungen, die auf den rothen Fritz ein schlimme» Licht warfen. Aber zu einer gerichtlichen Untersuchung kam es nicht, der Bursche hatte sich einige Tage vorher aus dem Staube gemacht, und man wußte auch nicht, ob und was der Leiche geraubt worden war."
„Hegte man damals nicht einen leisen Verdacht, daß der rothe Fritz den Mord begangen haben könne?" forschte der Referendar.
„Gewiß, man sprach auch davon, aber es fehlte eben jeder Anhaltspunkt."
„Könnte derselbe nicht heute noch gefunden werden?" —
Hellmuth schüttelte ungläubig lächelnd das Haupt.
„Ich wüßte nicht, wo man ihn suchen sollte", sagte er. „Sind Sie eigens zu diesem Zwecke hier» hergekommen?"
„Wenn ich diese Frage offen bejahe, so geschieht es im Vertrauen darauf, daß Sie strenge Verschwiegenheit beobachten werden", erwiderte Rommel ernst. „Sie sind als Beamter dazu verpflichtet."
(Fortsetzung folgt.)
Wetrogene Wetrüger.
Novellette von M. Heim.
(Fortsetzung).
Viertes Capitel.
„Was haben Madame hier so Knittriges in der Tasche?" fragte Käthe, der am nächsten Tage die schwierige Aufgabe zugefallen war, die Kleider ihrer Herrin von den Folgen ihres gestrigen edlen Stolzes zu reinigen.
„Es wird das Briefchen fein, das Herrn Egbert gestern entfiel! Gieb her — feine eigene Handschrift, die ich aus seinem Meldungsschreiben an uns kenne."
„Aus dem heutigen Zusammentreffen kann leider nichts werden, lieber Nante, da ich mit fürchterlichen Zahnschmerzen behaftet in den Tiefen meines Lehnstuhls wimmere. Grüße Elsa und beklage tief
Deine unglückliche Felicia.
„Was ist das? Felicia? Und es ist doch feine Handschrift, das will ich beschwören! Felicia? Deine Felicia?"
„Als ob er ein Mädchen wäre" sagte Käthe.
„Als ob er wäre! Auch die Handschrift ist echt weiblich. Käthe, es passiren zuweilen seltsame Dinge!"
„Ja, in den Geschichtsbüchern steht mancherlei", pflichtete Käthe bei.
„Warum sollten abenteuerliche Ereigniffe nur in Romanen existiren? Wenn ich mir seine kleinen Hände vergegenwärtige, seine sanfte Stimme —"
„Und eine Taille — na, ich glaub' noch dünner als die meinige. Ich dacht' gleich gestern, die könnt' ich mit den Händen umspannen."
„Mich wundert nur, daß mein Mann nichts gemerkt hat. Freilich, er hat keinen sonderlichen Scharfblick, der Aermste. — Jedenfalls ist dieser Brief ein wichtiges Dokument, und ich will doch vorläufig wenigstens Fanny in's Geheimniß ziehen. Laß Dir gegen Niemanden sonst etwas merken, Käthe!" — —
Natürlich sie ließen sich Beide nichts merken, sie wußten die tiefste, heiligste Verschwiegenheit zu beobachten. Das heißt, wenn Felix nicht ganz allein mit den Gedanken an Fanny beschäftigt gewesen wäre, so ist es möglich, daß ihm das heimliche Flüstern, das Köpfezusammenstecken, die häufigen Anspielungen auf seinen Wuchs, sein feines Gesicht u. s. w. nicht völlig entgangen wären, aber es hätte doch Niemand sagen können, daß Frau Merber und Käthe sein Geheimniß entdeckt hatten. So indessen wandelte er ahnungslos neben dem Abgrunde hin, der neben ihm gähnte. Es gab ohnehin schon Sorgen genug, die sein Herz beschwerten. Nicht allein, daß er die neuliche unangenehme Heimfahrt ganz und gar auf Rechnung des schadenfrohen Ferdinand schob und sich täglich eines ähnlichen Streiches von ihm gewärtig sein mußte; auch die Leistungen der jungen Herren Merber übertrafen Alles, was er sich von ungezogenen Kindern vorgestellt, und wenn eine andere Gelegenheit ausgefochten gewesen wäre, sich in diesem fremden Dorf in die Familie einzuführen, er hätte sich einen Thoren gescholten, daß er sich in diese heikle Lage begeben. Und bei dem allen noch nicht einmal die Genug- thuung, daß Fanny seine Bemühungen anerkenne und billige. Daß sie an und für sich lustigen Streichen nicht abgeneigt war, hatte er schnell genug einsehen können. Verging doch keine Stunde, in der sie nicht durch ihr ausgelassenes Wesen die Tante zur Verzweiflung brachte. Hatte er ihr doch gleich am Tage nach seiner Ankunft helfen müssen, ein langes, überspanntes Gedicht zu machen, mit welchem sie einen besonders reizbaren Redakteur beglückte, indem sie ihm noch schrieb, sie gedenke ihn von nun an allwöchentlich mit einer ähnlichen ober längeren Sendung zu regaliren. Hatte sie ihn doch bestürmt, eine Heirathsannonce in die Zeitung zu rücken, und die einlaufenden Photographien, unter denen sich gewiß einige ihrer guten Freundinnen befinden würden, ihr zu schenken. Dem Unternehmen aber, da« rr ihr zu Ehren gewagt, ließ sie keine Auf-


