Ausgabe 
31.7.1886
 
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munterung zu Theil werden. Und doch hatte sie sich, als er noch in jener Ballnacht versteckt darauf hingewiesen, keineswegs ablehnend verhalten. Felix mußte annehmen, daß sie es dem Freunde gegenüber ebenso gemacht habe, denn sonst hätte der pfleg- matische Ferdinand sich schwerlich in so viele Unbe­quemlichkeiten gefunden. Jedenfalls schmeichelte ihr diese eigenthümliche Bewegung und sie verhielt sich Passiv, um abzuwarten, welcher der beiden Anbeter des Preises würdiger sei.

Allerdings hatte Felix die günstigere Situation; aber daß ihm des Lebens ungemischte Freude so wenig wie jedem andern Sterblichen zu Theil werde, dafür sorgte Ferdinand. Wie oft fand der elegante Erzieher Ruß in seinem Handtuche, Waffer in seinen Lackstiefeln, eine klebartige Flüssigkeit in seiner Wasch­schüssel! Als er sich vor Fräulein Fanny einst auf einer Gartenbank niederlassen wollte, sank er plötzlich unfreiwillig zu ihren Füßen, weil die Stützen des Sitzes durchsägt waren, und als er sich ein anderes Mal bückte, um ihr einen Strauß zu pflücken, platzte die eingeschnittene Hose über seinem Kniee. Und für das Alles keine Gelegenheit zur Rache, er mußte denn das Bewußtsein dafür nehmen, daß Ferdinand seiner Rolle gemäß sich zu körperlichen Anstrengungen bequemen mußte, zu denen ihn sonst keine Macht der Welt vermocht hätte.

Aber auch Dein Tag sollte kommen, Felix, auch für Dich, Ferdinand, sollte die Stunde des Gerichtes schlagen!

Es war an einem heißen Erntetage. Die Dienst­leute hielten in der etwas abseits vom Gehöft be­findlichen Scheune ihre Mittagsruhe; nur der Kutscher lehnte einsam in der offenen Thür und richtete den finstern Blick über die Felder nach der Gegend hin, wo heute Egbert mit seinen Schülern und Fräulein Fanny einen Spaziergang unternommen hatte. Die herrschaftliche Familie später, und sie hatten daher keine Ursache, sich mit der Rückkehr zu beeilen. Es sei denn, daß die drohend am Himmel auf­steigenden Wolken sie dazu bewogen hätten. Aber offenbar hatte man nicht darauf geachtet, denn als die Spaziergänger in der Ferne sichtbar wurden, schien ein tüchtiges Regenbad bereits unvermeidlich und sie entgingen demselben nur, indem sie den Raum bis zur Scheune laufend durchmaßen und athemlos unter das schützende Dach traten, als die Schleusen des Himmels sich eben öffneten.

Ferdinand trat ein wenig zur Seite und Fanny nebst dem Erzieher stellten sich neben ihm auf die Schwelle. Das junge Mädchen war bemüht, mit der Spitze ihres Sonnenschirms, den Fluthen, die sich in einer Vertiefung zu ihren Füßen stauten, einen Weg ins Freie zu bahnen, und Felix unter­stützte sie bei der nützlichen Arbeit mit seinem Spazierstöckchen. Die vier Jungen standen umher und sahen eifrig zu.

So wogen und wallen auch die Gefühle im eingeengten Menschenherzen", sagte Felix dabei.

Können Sie ihnen nicht die Freiheit oet' schaffen", fragte Fanny kokett.

Ich nicht, aber Sie können es."

Hiermit?" sprach sie unbefangen und richtete die beschmutzte Spitze ihres Schirmstieles gegen seine Brust.

Hiermit!" entgegnete er und fing ihre kleine Hand und hielt sie fest.

Mein Herr, Sir vergessen Ihre Schüler!" rief sie stolz ihm ihre Rechte entziehend.

Geht, Kinder, spielt Versteckens auf dem Heu­boden!" befahl der Erzieher.

Ich gehe mit Euch!" sagte Fanny, sich den Knaben anschließend, die diesen Wink nicht unaus­geführt lassen wollten.

Die Knechte und Mägde schlafen dort in irgend einem Winkel", sprach jetzt Anton Schulze, sich räuspernd.

Und Sie halten hier Wache?" fragte sie, indem es flüchtig um ihre Lippen zuckte.Wir werden jene nicht stören."

Und behend kletterte sie, mit den Kindern um die Wette, die Leiter empor. Felix hielt sich für berufen, das Vergnügen zu beaufsichtigen, aber Ferdinand legte die schwere Hand auf feine Schulter.

Lassen Sie den Jungen nur ihre Freiheit, Herr Lehrer", sagte er,und geruhen Sie ein paar Worte mit meiner Wenigkeit zu sprechen."

Es sollen keine angenehmen Worte für Dich sein!" rief Felix, heftig werdend.Ich danke er- gebenst, daß Du meine Kämme und Bürsten fortge­nommen und meine Handschuhe zerschnitten hast, so daß ich bei einem Haar genöthigt gewesen wäre, unfrisirt und mit bloßen Händen auszugehen!"

Bitte, bitte, sehr gern geschehen, soll mir bei nächster Gelegenheit wieder nicht darauf ankommen. Aber wie ich sehe, armer Junge hast Du in der Gunst unserer Dame noch keine sonderlichen Fort­schritte gemacht"

Feuer I Feuer!" erscholl eine ängstliche Stimme auf dem Heuboden.

Die beiden Freunde, die eben im Begriff waren, an einander zu gerathen, ließen sich los und kletterten mit eineraffenartigen Geschwindigkeit" die Leiter hinauf.

Oben herrschte eine babylonische Verwirrung. Die Schläfer durch den Schreckensruf aus ihrer Ruhe aufgestört, liefen und schrieen wild durch ein­ander. Einige waren ungläubig und fragten, wo denn jetzt das Feuer Herkommen solle, Einige ragten wie erstarrt mit weitaufgerissenen Augen aus dem Heu, die meisten aber hatten sich mit Heugabeln und Stangen bewaffnet und zeigten sich so bereit, dem Feuer auf den Leib zu rücken.

Zu Hilfe, zu Hilfe!" rief Fannys Stimme tief im Hintergründe, undzu Hilfe, zu Hilfe!" brüllte dort auch der Chor der vier Brüder.

(Schluß folgt.)

Kedaetion: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) tu Gieß«.