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In diesem Augenblick suhlte die Frau sich am Arm ergriffen und in die Dunkelheit hinausgezogen.
„Himmel!"
„Still I" hörte sie eine leise gebieterische Stimme, welche ihr das Blut zum Herzen drängte, „kein Wort, Hedwig I"
Dann wurde sie in eine Droschke gehoben. Ein Mann nahm neben ihr Platz, schlug die Thür zu und der Wagen rollte rasch von dannen.
„Alexander I" flüsterte die Frau, „Du bist es, o sprich, was soll diese Heimlichkeit bedeuten?"
„Hm, scheinst sehr vergeßlich zu sein", versetzte Jener halblaut, „bin ich nicht ein Flüchtilng, auf deffen Kopf ein Preis gesetzt ist? Was wollte der Constabler von Dir?"
„Er forschte mich aus und verlangte schließlich meine Papiere zu sehen."
„Du zeigtest ihm den Paß, welchen ich Dir gesandt?"
„Ja, er schien davon zufrieden gestellt zu sein."
Der Mana — es war der Gatte der Frau — nickte vor sich hin und blickte aus dem Fenster. Sein Gesicht war von dem breiten Schirm einer Art Arbeitermütze ganz verdeckt, man sah davon stichts als einen mächtigen Vollbart; sein übriger Anzug, welcher aus einer dunklen Blouse, groben Jacke, und ebensolchen Beinkleidern, die in hohen, plumpen Stiefeln steckten, bestand, deutete ebenfalls auf den Arbeiter hin. Seine Gestalt war groß und kräftig, die Haltung etwas gebeugt, während die Hände, fast ganz von den langen Aermeln verhüllt, klein und weiß waren.
Die Frau betrachtete ihn mit einer gewissen, scheuen Angst; ihre dunklen Augen, drückten unsagbaren Jammer aus, während sie gewaltsam die emporquellenden Thränen zurückdrängte.
Die Droschke fuhr lange durch ein Gewirr von Straßen und Gassen, eine Unterhaltung war in dem Lärm und Gerassel nicht möglich.
Plötzlich beugte sich der Mann zu seinem stillen Weibe und fragte: „Du trägst die Kleine im Arm? Schläft sie?"
„3a, — sie hat sich in den Schlaf geweint."
„Hm, scheinst unterwegs gedarbt zu haben, Hedwig I" fuhr er anscheinend besorgt fort, „trinke von diesem Wein, um etwas gestärkter auszusehen, meiner Wirthsleute halber, auf welche Du einen besseren Eindruck machen sollst", setzte er erklärend hinzu.
Freilich hatte die Aermste auf der langen Reise gehungert, um ihres Kindes willen, da der selbstsüchtige Mann, welcher ihr befohlen hatte, zu ihm zu kommen, keinen Pfennig mehr als das Reisegeld ihr gesandt hatte.
Hastig griff sie nach der Weinflasche und trank wie eine Verschmachtende.
Plötzlich stöhnte sie heftig auf.
„O, Gott — Alex
Der Mann ergriff die Flasche, warf einen forschenden Blick auf dar blasse Gesicht, welches im Schein einer Gaslaterne ihn furchtbar verzerrt an
starrte, öffnete die Wagenthür und sprang hinaus, sie Thür gewandt hinter sich zudrückend, als der Kutscher in diesem Augenblick langsamer um eine Straßenecke bog, und nichts von diesem Intermezzo bemerkte, während einige Paffanten, welche Notiz davon genommen und voraussetzen mochten, daß der unscheinbare Fahrgast den Kutscher um seinen Lohn geprellt, sich nicht berufen fühlten, handelnd einzugreifen.
Nach wenigen Minuten hielt die Droschke vor einem Gasthof niedrigen Ranges. Der .Kutscher, welcher seinen Fahrpreis am Bahnhofe schon em- pfangen, stieg gemächlich vom Bock und öffnete den Wagen, während ein Hausknecht neugierig näher trat.
„Heda, hier ist der Gasthof „zur goldenen Traube", rief der Roffelrnker. „Verdammt will ich sein", wandte er sich zu dem Hausknecht, „wenn ich nicht geglaubt habe, daß auch ein Mann mit eingestiegen sei, ist also doch nicht mitgefahren. Na, einerlei, Frau! kommen Sie nun gefälligst heraus", schrie er ungeduldig, „sollen hier in der „Traube" logiren."
Als Niemand sich regte, stieg er in den Wagen, um ein wenig handgreiflich mit seinem Fahrgast zu reden, fuhr jedoch mit einem Fluch zurück, als er die herabhängende, unbehandschuhte eiskalte Hand ergriff.
„Was, zum Donner, ist denn das?" schrie er, aus dem Wagen zurücktretend, „hol' mal flink die Laterne, Hannes, hier ist's nicht richtig."
Ein Schutzmann kam des Weges daher, Menschen sammelten sich um den Wagen, — Wirth und Wirthin „Zur goldenen Traube" traten hinzu, — eine Laterne erhellte das Innere der Droschke.
„Die Frau scheint ohnmächtig oder tobt zu sein", ließ sich der Schutzmann, welcher in den Wagen gestiegen war, vernehmen.
Dann schrie ein Kind: „Mama! Mama!"
„Ach das arme Ding!" sagte die mitleidige Wirthin, „geben Sie mir das Kind her, Herr Steen!"
Die Wirthin hatte vor acht Wochen ihr einziges Kind durch den Tod verloren, das verlaffene Wesen weckte somit ein Echo in ihrem vereinsamten Herzen.
„Jawohl, Madame Möller", erwiderte der Schutzmann, den starren Arm der tobten Mutter, welcher die Kleine krampfhaft fest umschlungen hielt, mühsam zurückbiegend, „daß Dich, hält die den Wurm aber fest. So, nun komm, kleines Ding, draußen ist eine andere Mama."
Verschiedene Hände streckten sich mitleidig nach dem Kinde aus, welches die Wirthin dann in Empfang nahm, um es rasch in's Haus zu tragen.
Der Schutzmann bedeutete hierauf dem Kutscher, die Frau nach dem Stadthause zu fahren; hier verwies man ihn damit nach dem Kurhause, wo der ärztliche Ausspruch „Todt!" lautete.
2. Capitel.
Durch die Menge, welche sich nach und nach, k als es nichts mehr zu gaffen gab, verlief, schritt ein


