Nr. 128
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1886,
Kießener IsamiüenblLtter.
BsSeLristisches BeibLM MW Gießener Knrc-iZer.
Samstag den 30. October.
Ms zur teßten Kkippe?) Original-Roman von E. Heinrichs.
Erstes Buch.
1. Capitel.
Ein kalter Novemberabend, trostlos und nebelgrau. — Langsam und unaufhörlich rieselte der Regen hernieder und das helle Gaslicht spiegelte stch in den großen Wafferpsützen in dem tiefen Schlamm.
Auf dem Berliner Bahnhof in Hamburg war ein reges Treiben, der Strom der Reisenden, welcher soeben mit dem 'einlaufenden Zuge angekommen, drängte dem Ausgange zu, Droschken wurden herbeigerufen, Dienstmänner engagirt und bald war der Hauptlärm verstummt.
Auf dem Perron des Bahnhofs stand noch eine ärmlich gekleidete, junge Frau mit einem etwa dreijährigen Kinde an der Hand. Soeben mit dem Berliner Zuge angekommen, hatte die Aermste eine weite Reise in der 4. Clafse zurückgelegt, und bot nun, so rathlos mit ihrem Kinde dastehend, einen wahrhaft trostlosen Anblick dar.
Endlich schritt sie langsam den Perron entlang, um das Gebäude zu verlassen; hier draußen war es noch trostloser für sie und verzweiflungsvoll suchend irrte der trübe Blick umher. Das dumpfe Geräusch der großen Handelsstadt klang zu ihr herüber und und eine ungeheure Angst, das tödtlrche Gefühl des Verlassenseins legte sich bleischwer auf ihr Herz.
Die Kleine, welche sie sorgsam an ihrer Rechten führte, während die Linke ein schmales Bündel trug, zitterte vor Kälte und brach plötzlich in ein klägliches Weinen aus.
„Arme Wera! Armes Herz!" seufzte die junge Frau, ihr Bündel niederlegend, um das Kind auf den Arm zu nehmen. „Sei ruhig und artig, wir sind nun bald bei Papa, wo das Kind ein warmes, weiches Bettchen und süße Milch bekommt."
„Wo ist Papa?" fragte schluchzend die Kleine.
„Wirst ihn bald sehen, Wera!" tröstete die arme Mutter, das Kind an ihre Brust bettend, und den fadenscheinigen Mantel darum schlagend, „schlafe, mein Engel!"
Das Kind beruhigte stch; die Frau aber schaute immer trostloser in die regenkalte Nacht hinaus.
Das flackernde Gaslicht beleuchtete ihr tobten* blasser, gramvolles Antlitz, welches eine edle, aristokratische Schönheit trug, trotz all' des ungeheuren
*) Nachdruck verboten.
Leids und Elends, das sie unzweifelhaft hatte ertragen müffen.
„Er hat mich betrogen! Er kommt nicht!" flüsterten ihre blassen Lippen. „O, sei mir und dem armen Kinde gnädig in dieser Verlassenheit, mein Herr und Heiland!"
„Platz da!" ertönte es plötzlich barsch hinter ihrem Rücken und erschreckt wich die Aermste zur Seite.
Ein Arbeiter fuhr mit Gepäckstücken an ihr vorbei und schleuderte ihr armseliges Bündel mit einem Fußtritt verächtlich zur Sette.
„Was haben Sie hier noch zu schaffen, Frau?"
Mit dieser Frage trat ein Polizeibeamter, der sie bereits eine Weile beobachtet hatte, an sie heran.
Die Unglückliche schrak heftig zusammen.
„Ich bin soeben mit dem Zuge angekommen", stammelte sie.
„Na ja, worauf warten Sie denn noch?"
„Auf meinen Mann, welcher versprochen, mich hier abzuholen", bebte es von ihren Lippen.
„Wer und was ist Ihr Mann?" inquirirte der Beamte weiter.
„Ein polnischer Arbeiter."
,,Sein Name?"
„Stephan Obolinski."
„Sein Logis?"
„Weiß ich nicht anzugeben."
„Für wen arbeitet er denn eigentlich?" forschte der Beamte mißtrauisch.
„Auch das vermag ich nicht zu sagen", versetzte sie mit Anstrengung, „er schrieb mir, daß er Arbeit gesunden, daß ich kommen möge und daß er mich hier am Bahnhofe abholen wolle."
„Zeigen Sie Ihre Papiere!"
Die Sprache der Fremden, ihr edles Organ und ihr ganzes Benehmen bildeten einen so großen Gegensatz zu ihrem armseligen Aeußern, daß der Sicherheitsbeamte den triftigsten Grund zu einer scharfen Controls zu haben glaubte.
Die junge Frau vermochte nur mit großer Mühe, um das schlummernde Kind nicht zu wecken, ein zusammengefaltetes Papier aus ihrer Tasche zu ziehen, welches sie dem Beamten mit zitternder Hand überreichte.
Er schlug es auseinander, trat in die Nähe des | Gaslichtes, überflog es prüfend und gab es ihr dann * mit einem scharfmusterndm Blick zurück, worauf er ; sich langsam in das Wartezimmer der dritten Claffe i begab.


