troffenen zunächst unter dem Deckmantel der größten Verschwiegenheit nur dem vertrauten Freunde mit» getheilt, dann aber von diesem in gleicher Weise verbreitet wurden. Verständige zuckten zwar die Achseln, als wollten sie damit sagen, sie glaubten nicht recht daran, allein gerade hierdurch gewannen jene Wirthshausräsonneure und Maulhelden für ihre Behauptungen erst recht den Boden, denn nun war man gewiß, daß selbst die ruhigsten Köpfe um das Geheimniß wußten, mit der offenen Rede aber darüber nicht herausgingen.
Die Wirthin war förmlich umlagert und hundert Mal wohl schon hatte sie die Einzelheiten, wie sie von ihr beobachtet worden waren, den Neugierigen mitgetheilt, als auch die beiden hochangesehenen Beamten des Städtchens, der Amtsrichter und der Schuldirector zum Frühtrunke im „Goldenen Ringe" vorsprachen und ihre Stammplätze einnahmen.
Als umsichtige Frau bewillkommnete sie die Angekommenen und setzte sich einen Augenblick zu ihnen.
„Der Schreck gut bekommen?" fragte der Schuldirector die Wirthin.
Diese bejahte lächelnd, dann entfernte sie sich, als sie der Wirth rief.
Bester, der Wirth zum „Goldenen Ringe" stand vollständig unter der Botmäßigkeit seiner Ehehälfte und that daher, um allen Scenen aus dem Wege zu gehen, nichts ohne Einwilligung seines keineswegs zartbesaiteten Weibes.
„Wie wäre es", flüsterte er, als die Herrin des Hauses ihm näher kam, wenn wir den Kirchners einstweilen oben in der zweiten Etage ein Zimmer mit zwei Betten einräumten? Kirchner hat anfragen kaffen, ob ich ihm die Stube so lange abgeben wolle, bis er paffendes Logis gefunden und neue Möbel angeschafft."
Schon bei den letzten Worten des Wirthes zog sich die niedrige Stirne der Wirthin in Falten, die mit jeder weiteren Auslastung zunahmen. Die Hände in die Seite gestemmt, warf sie den Kopf emigemal wiegend hin und her, schob den Oberkörper etwas nach vorn und sagte dann, ihren Mann mit den heraustretenden Augäpfeln fixtrend:
„Und das kannst Du mir, der Ringwirthin bieten?"
„Warum denn nicht? Unser Gasthof ist doch für jedermann da. Was kann ich dafür, daß Du der Lehrersfrau gram bist? Geschäft bleibt Geschäft!"
„Allerdings — Geschäft bleibt Geschäft", antwortete sie copirend. „Wenn nun aber die Herren aus der Residenz kommen, die den Brandschaden besichtigen wollen, wo logiren denn die? He?"
„Wir haben noch mehr Zimmer."
„Es fragt sich sehr, ob gerade da noch eins frei ist. Kurz und gut, die Bagage kommt mir nicht über die Schwelle — ich, die Ringwirthin, sagt dies. Verstehst Du mich?"
Der Wirth, der früher nur Kellner im „Goldenen Ring" gewesen war, hatte die Wirthstochter aus
Redaktion: A. Scheyda. — Druck und Verlag der
materiellen Interessen geheirathet, ohne groß nach der Stimme des Herzens zu fragen. Sie war für einen armen Teufel eine begehrenswerthe Parthie gewesen, denn der schuldenfreie, gut frequentirte Gasthof gehörte ihr als Mitgift, da die ältere bereits verheirathete Schwester durch die Eltern mit Geld abgefunden war. Wohl hatte sich der Ringwirth gegen die Heirath erst mit allen Kräften gesträubt, nachdem jedoch zwingende Umstände eingetreten waren, hatte der Alte nicht lange zwischen der Ehre seiner Tochter und einer Mißheirath geschwankt. Mit dem Tode des Ringwirthes war ihr der Besitz zugefallen. Als Besitzerin des Etablissements wußte sie sich trefflich aufzuspielen und den nachgiebigen Character ihres Mannes für ihre selbstsüchtigen Zwecke nach Möglichkeit auszubeuten.
Wie sehr ihr das glückte, zeigte sich auch heute wieder, denn Bester ging ruhig von dannen und überbrachte dem gesandten Boten die Ablehnung — seiner Frau.
Hierauf begab sich die Wirthin wieder nach dem Stammtische und wußte es hier so einzurichten, daß das Gespräch auf die Abgebrannten kam.
Für das Bedauern, das die Herren für die abgebrannte Lehrerssamilie an den Tag legten, hatte die Bester nur ein eigenthümliches Achselzucken.
„Aber warum das?" fragte endlich der Amtsrichter.
„Nun ich denke, die Kirchners sind hoch versichert und bekommen für den alten Krempel, den beide in die Ehe mitgebracht haben, neue moderne Möbel, wie sie der Putzmachermamsell schon lange in die Augen gestochen haben."
Der Amtsrichter sah die Wirthin fragend an.
Diese erröthete leicht und schien einen Augenblick den Faden der Unterhaltung verloren zu haben, aber schnell gefaßt, nahm sie das Gespräch wieder auf und wußte das Thema auf ein anderes Gebiet überzuspielen, bis sie abermals abgerufen wurde.
„Was ist denn die Frau Lehrer Kirchner für eine Geborene?" fragte der Amtsrichter seinen Freund, als die Wirthin in der Stubsnthür verschwunden war.
„Kann nicht dienen, Here Amtsrichter. Ich weiß nur soviel, daß die Frau aus der unmittelbaren Nähe von Berlin herstammt und daß, wenn ich mich recht erinnere seiner Zeit als Kirchner hei- rathete, ein lebhafter Briefwechsel zwischen dem hiesigen Schulvorstande und der Ortsbehörde von ... von . . . na, ich kann nicht gleich auf den Namen kommen . . . stattgefunden hat."
„Kann ich den Briefwechsel einmal zur Durchsicht erhalten?"
„Ohne oberbehördlichen Befehl nicht."
„Hm! hm!" brummte der Amtsrichter in den Bart.
Die Mittagsglocke rief nach dem häuslichen Herde und die Frühschoppengäste verschwanden einer nach dem anderen aus der Gaststube des „Goldenen Ringes." (Fortsetzung folgt).
Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


