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habe das der Frau Schirmer, wie auch dem Fräulein von Salberg früher schon erklärt —"
„Sagen Sie das nicht!" fuhr sie in erregtem Tone fort. „Sie behaupten allerdings, durch ein Ehrenwort gebundenzu sein; aber die Verhältniffe liegen so, daß Ihr Gewissen Ihnen keinen Vorwurf machen kann, wenn Sie mir gegenüber diese» Wort brechen. Ich will Ihnen dabei auf halbem Wege entgegenkommen, Herr Hauptmann. Zwischen Her» mann von Salberg und meinem Gatten hat ein amerikanisches Duell stattgesunden; Salberg zog das Todesloo»; er mußte sich das Leben nehmen."
„Wer hat Ihnen das gesagt?" fragte der Hauptmann bestürzt.
„Ihre Frage beweist mir, daß meine Vermuthung richtig ist; nur über die Gründe, die zu diesem Duell Veranlassung gaben, bin ich noch im Unklaren, und ich hoffe, Sie werden mir darüber Aufschluß geben."
„Und wenn ich Ihnen die Wahrheit enthüllen, wenn ich Alle» sagen wollte, was ich weiß, wa« würden Sie dadurch gewinnen?" erwiderte Herr von Görlitz, dessen Stirn düstere Schatten umwölkten.
„Die Gewißheit, daß ich kein Unrecht begehe, wenn ich meinen Gatten verlasse!" sagte sie, die blitzenden Augen fest auf ihn heftend.
„Nicht« zwingt Sie dazu!" warf er ein.
„Die Trennung ist bereits ausgesprochen; sie wird auch dann erfolgen, wenn Sie die Erfüllung meiner Bitte ablehnen. Ich darf wohl annehmen, daß Sie von All m, was sich in der jüngsten Zeit zwischen mir und meinem Gatten ereignet hat, unterrichtet sind; habe ich doch den Damen dieses Hause« kein Hehl daraus gemacht, und waren Sie der Freund Salberg's, so wissen Sie auch, wie nahe ich ihm stand. Sollte da» Alles Sie nicht bewegen können, meine Bitte zu erfüllen?"
Der Hauptmann wiegte ablehnend das Haupt.
„Ich kann und darf heute noch nicht reden", sagte er. „Aber ich glaube, daß wir vor einer Katastrophe stehen, die mich meine« damals verpfändeten Wortes entbinden wird. Wenn dies geschieht, gnädige Frau, dann soll Ihr Wunsch volle Erfüllung finden."
„Damit wollte auch Oberst Johnson mich vertrösten", erwiderte Vera unwillig. „Auch er sagte mir, die gegenwärtigen Verhältnisse könnten plötzlich sich ändern, dann werde er mir Alle« enthüllen, bis dahin aber müsse ich mich gedulden."
„Das sagte Ihnen Oberst Johnson?" fragte Görlitz erstaunt.
„Jawohl, und nun ist er plötzlich abgereist."
„Ich glaube das nicht."
„Im „Englischen Hof", wo er gewohnt hat, sagte man e« mir."
„Und unser Freund, der Herr Referendar, will ihn noch vor Kurzem gesehen haben."
„So weicht er uns noch immer aus. — Kennen Sie ihn?"
„Ich habe ihn nur einmal flüchtig gesehen!"
„Und ist Ihnen seine Aehnlichkei! mit Hermann von Salberg nicht aufgefallen?" fragte sie erregt. „Erinnerte nicht der Klang seiner Stimme Sie an den unglücklichen Freund?"
„Gnädige Frau, ich —"
„O, ich weiß, was Sie sagen wollen, Hermann von Salberg ist tobt, er muß tobt sein. Seine Ehre zwang ihn ja, sich da» Leben zu nehmen. Aber nichtsbestoweniger ist diese Aehnlichkeit mir aufgefallen, und ich glaube, sie würde noch schärfer hervortreten, wenn der Oberst die blaue Brille abnehmen wollte."
Der Hauptmann blickte schweigend vor sich hin. — Die Falten auf seiner Stirn ließen erkennen, daß sein Denken ernst beschäftigt war.
„Ich kann darüber nicht urtheilen", sagte er nach einer Weile. „Nur einmal bin ich dem Herrn flüchtig begegnet und seine Stimme habe ich bei dieser Gelegenheit nicht gehört. Ich wollte ihn besuchen, aber er ist auch mir ausgewichen. Mein Besuch im „Englischen H»f" bewog ihn, dieses Hotel zu verlassen."
„Muß das nicht befremden?"
„Gewiß! Aber lassen sich daraus mit Sicherheit irgend welche Schlüffe ziehen? Soviel ich weiß, ist der Oberst schon vor fünfzehn Jahren ausgewandert."
„Bewiesen ist da« nicht, er selbst hat das ge« sagt." —
„Aber Sie werden doch nicht in allem Ernste glauben, daß dieser Oberst und unser unglücklicher Freund ein und dieselbe Person sein könnten?"
„Müßte ich nicht mit voller Sicherheit an den Tod Salberg'« glauben, so würde ich kein Bedenken tragen, diese Frage zu bejahen."
(Fortsetzung folgt.)
Die Brandstifterin.
kriminal-Novelle von Andr» Hugo.
(Fortsetzung).
In größeren Städten melden die Zeitungen am anderen Tage die Details eines Brandes von Bedeutung den Lesern. Zeilengierige Reporter thun das Ihrige bei der Verabfassung der Berichte und vertreten auf diese Weise den Stadtklatsch, wie er in kleineren Städten von den Bewohnern selbst gepflegt wird. Hier hat die Sucht nach Erfahrung von Neuigkeiten den größten Spielraum und so war es auch in S....... am Tage nach dem ge
schilderten Brande.
War schon in den Familien der Brand das stehende Gespräch, so war diese« Thema in dem Gastzimmer des Hötel» zum „Goldenen Ring" geradezu unerschöpflich. Immer wieder wurden dem Vorkommnisse neue Seiten abgewonnen, Vermuthungen hingeworfen, Behauptungen verneint, bi« die Medi« sance, ihr giftige« Rauchfaß zu schleudern begann und jene geheimen Anschuldigungen gegen die Be-


