Ausgabe 
30.9.1886
 
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Der Hauptmann blieb stehen, sein Blick ruhte durchdringend auf dem Referendar, in dessen Zügen fieberhafte Erwartung sich spiegelte.

Was wollen Sie damit sagen?" fragte er.

Daß Hermann von Salberg das Opfer eines amerikanischen Duells war."

Herr von Görlitz erwiderte darauf Nichts, er hatte seine Wanderung wieder ausgenommen.

Wird der Oberförster hierher kommen?" brach er nach einer langen Pause wieder das Schweigen.

Uebermorgen."

Können Sie es ermöglichen, mich mit ihm be­kannt zu machen, bevor er vernommen wird?"

Ich weiß nicht, ob ich dazu dis Hand bieten darf, feine Aussagen sind sehr wichtig"

Wenn Sie es verlangen, gestatte ich Ihnen, unserer Unterredung beizuwohnen."

Gut! Unter dieser Bedingung werde ich Ihren Wunsch erfüllen. Wollen Sie mir nicht vorher schon einige Mittheilungen machen, die mich auf diese Unterredung vorbereiten können?"

Nein!" erwiderte der Hauptmann in ernstem, entschlossenem Tone.Sie müssen sich gedulden, und ich denke, das kann Ihnen nun nicht mehr schwer fallen. Mir ist da noch Manches unklar, und Ihre Vermuthungen sind keineswegs geeignet, Klarheit hineinzubringen. Gönnen Sie mir Zeit, ruhig und reiflich darüber nachzudenken. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, daß Sie den Damen gegen­über, wenigstens so lange, bis wir volle Gewißheit haben, schweigen müssen;" fuhr er fort;durch halbe Andeutungen und scheinbar begründete Vermuthungen würden sie noch mehr beunruhigt, und unsere eigenen Bemühungen und Nachforschungen könnten dadurch nur erschwert werden."

Rommel hatte sein Glas aurgetrunken, er erhob sich, um Abschied zu nehmen. Konnte auch das Resultat dieser Unterredung ihn auch nicht ganz be­friedigen, so sah er doch wohl ein, daß sie für heute abgebrochen werden mußte; überdies hatte er auch in den Worten des Hauptmanns Manches gesunden, was seins Vermuthungen bestätigte und seinem Denken reichen Stoff bot.

Ich werde schweigen", sagte er,aber wenn da­mals ein Verbrechen verübt worden ist"

Dann bleibt es immer noch fraglich, ob wir die Macht haben, den Verbrecher zur Verantwortung zu ziehen", unterbrach Herr von Görlitz ihn.Dar­über wollen wir heute noch nicht berathen; warten wir jetzt ab, wie die Dinge sich entwickeln werden."

Und Ackermann?" fragte der Referendar.

Seien Sie ganz unbesorgt. Ich werde diese Angelegenheit so ordnen, daß wir Beide damit zu­frieden sein können."

Rommel fragte nicht weiter. Er drückte dem Freunde die Hand und entfernte sich; der Haupt­mann wanderte noch einige Mal auf und ab, dann setzte er sich vor den Schreibtisch.

Mein Herr!" schrieb er.Wenn Sie das Recht zu haben glauben, von mir Genugthuung zu ver­

langen, so muß ich Sie darauf aufmerksam machen, daß ich ein solches Recht niemals einem Ehrlosen einräume. Eine Entdeckung, die ich erst vor Kurzem machte, zwingt mich, Ihnen dies mit dürren Worten zu erklären; sollten Sie ohne Rücksicht hierauf mir dennoch einen Cartellträger zuschicken, so werde ich ihm Beweise vorlegen, deren Gültigkeit jeder Ehren­mann anerkennen muß.

Feodor von Görlitz."

Er siegelte das Billet und adressirte es an Hugo Ackermann; dann ging er in sein Schlafzimmer.

20. Capitel.

Beweise.

Schon vor dem Frühstück hatte Herr von Görlitz das Billet an Ackermann seinem Burschen zur Be­sorgung übergeben, und bis zum Mittag war noch keine Antwort darauf erfolgt.

Nach Tisch besuchte er seine Braut, die schon seit Stunden mit bangen Sorgen ihn erwartete.

Er lächelte zu ihren Befürchtungen; selbst seine Versicherung, daß das Eceigniß des gestrigen Abends nicht zu einem Duell führen werde, konnte sie nicht beruhigen; sein düsterer Ernst und seine Schweig­samkeit ließen an der Aufrichtigkeit dieser Versicherung zweifeln.

Ec durfte ihr die wahren Gründe seiner ernsten Stimmung nicht nennen; sie mußte sich mit seinem Versprechen begnügen, und so verließ er sie nach einigen Stunden in derselben Unruhe, mit der sie ihn empfangen hatte.

Sein Groll gegen Ackermann wurde dadurch nur noch gesteigert. Zudem lag die Befürchtung nahe, daß Ackermann nun seinen ganzen Haß an der Sängerin auslassen würde, um ihren Verlobten zur Annahme der Herausforderung zu zwingen.

Der Abend dämmerte, als Herr von Görlitz heimkehrte. Während seiner Abwesenheit hatte Nie­mand nach ihm gefragt; er glaubte daraus den Beweis ziehen zu dürfen, daß Ackermann im Be­wußtsein seiner Schuld nicht wagte, die Sache »eiter zu verfolgen.

Aber kaum hatte er Hut und Paletot abgelegt, als sein Bursche ihm den Besuch einer Dame an­meldete.

Vera trat ein; sie bat um eine kurze Unter­redung. Der Hauptmann konnte die Bitte nicht ab­lehnen, so sehr sie ihn auch in Verlegenheit setzte.

Sie waren der Freund Hermann von Sal- berg'»", begann die schöne Frau ohne lange Ein­leitung, nachdem sie auf dem Divan Platz genommen hatte;Sie kennen die Gründe, die ihn zum Selbst­mord zwangen; darf ich hoffen, daß Sie mir das Geheimniß enthüllen werden, wenn ich mich zur strengsten Verschwiegenheit verpflichte?"

Der Hauptmann zuckte ablehnend die Achseln.

Es ist mir leider ganz unmöglich, Ihren Wunsch zu erfüllen, gnädige Frau", erwiderte er.Ich