Won der Meise Sr. Waz. Schiff „Urin; Adaköerw (Nach privaten Briefen.)
Bei der liebenswürdigen Aufnahme unserer wackeren Landsleute verging uns die Zeit in Montevideo sehr schnell, abgesehen davon, daß die Metropole von Uruguay eine Stadt ist, welche Seeleuten nach wochen- und monatelanger Einsamkeit auf See abwechselnde Unterhaltungen genug zu bieten verntag. Wie in allen großen überseeischen Städten, so haben auch in Montevideo die verschiedenen Landsmannschaften ihren gesellschaftlichen Mittelpunkt in sogenannten „Clubs". Es giebt einen englichen, französischen, italienischen, österreichischen und einen deutschen Club. Mit großen Gesellschaftssalons, Speisesälen, Billard-, Spiel- und Lesezimmern ausgestattet, war uns das deutsche Clubhaus ein gastlicher und angenehmer Raum geworden, und wir haben in der Gesellschaft eines großen Kreises liebenswürdiger Frauen und Herren unter seinem Dache frohe, immer er- innerungswwthe Stunden verlebt. Die Mitglieder der spanischen und der übrigen internationalen Gesellschaft mischen fich höchst freundschaftlich mit unseren Landsleuten, und wir haben selten Unterschiede wahrgenommen, wie hierfür leicht die Verschiedenheit der heimathlichen Angehörigkeit erklärlich sein könnte. Immer war es von uns mit Aufmerksamkeit und Freude bemerkt worden, wie sich bei unseren Landsleuten die Anhänglichkeit an die Hei- math unvermindert erhalten hat. Alle Ereignisse in unserem Vaterlande waren mit Aufmerksamkeit verfolgt worden und über die meisten Vorgänge waren die Herrren viel gründlicher unterrichtet als wir, die wir mit häufiger Unterbrechung von dem Gang der europäischen Ereignisse und nur in den Häfen Kenntniß erhalten hatten. Das Hauptthema war immer die deutsche Colonialpolitik. Namentlich wo wir unter uns mit den Landsleuten verkehrten und zusammen waren, wurde darüber mit Begeisterung und einem einzigen Ausdruck der Genugthuung gesprochen. Schon in unseren früheren Briefen war gesagt worden, wie wir übereinstimmende Zeugnisse der Anerkennung für das Vorgehen unserer Reichsregierung in dieser Richtung in allen Häfen gefunden hatten. Im Auslande denkt man in deutschen Bevölkerungskreisen noch ganz anders wie daheim über die Entfaltung der Reichsgewalt, über die Planz- stätten unserer überseeischen kultur; des Bedauerns und der Klage ist hier nie ein Ende gewesen, als es früher an Willen und Einficht fehlte, die großen zerstreuten Kräfte des Vaterlandes zu sammeln, zu concentriren und nutzbringend für dir Heimath zu verwerthen. Das stets gesteigerte Verlangen, die europamüden Deutschen bei fich aufzunehmen, hat es schwer gemacht, das Deutschthum überall, wo es Fuß gefaßt hat, zu einer nationalen Consolidation gelangen zu lassen und so ist es gekommen, daß nur
in den großen überseeischen Städten mit Ausnahme weniger Länder unsere Landsleute sich zu „Colonien" zusammengeschloffen haben. Brasilien und die La Plata« länder, und von letzteren besonders Uruguay, sind eigentlich die einzigen überseeischen Culturstaaten, wo die Deutschen nicht als reiner Culturdünger wie in Nordamerika verwendet worden sind, sondern sich auch auf dem platten Lande als Nation unter den anderen Rationen erhalten haben. Wir hatten unter den deutschen Kaufleuten in Montevideo Herrn Eduard Grauert, Inhaber einer der allerersten Firmen Montevideos, kennen gelernt, einen liebenswürdigen Herrn und glühenden Verehrer seines Vaterlandes, welcher sich für eine Colonisation der deutschen Ackerbauer und Gewerbetreibender Uruguays (zur Zeit bilden die Deutschen hier etwa 5% der spärlichen Gesammtbevölkerung) sehr interesstrt. Von diesem Kaufmann ist besonders auch die Frei- gebung großer Ländereien an der Landstraße von Montevideo an deutsche Ansiedler bewirkt worden. Tßatkräftig haben dieses Unternehmen auch andere große Kaufleute von Montevideo unterstützt, so besonders auch die Firma Mallmann u. Co. Die neue deutsche Ansiedelung führt den Namen „Santa Teresa". Sie wird im Osten vom Atlantic bespült und soll nach den Schilderungen unserer Gewährsleute eine sehr anmuthige Lage zwischen mehreren großen Seen haben. Die Goleme ist besonders auf Ackerbau eingerichtet, indem ihr Boden für sämmt- liche Cerealien anbaufähig ist, die bei uns eultivirt werden. Um einen kleinen Hafen Coronilla, der mit der See in Verbindung gesetzt ist, soll sich die städtische Ansiedelung der Colonie ausbauen. Es sind schon Häuser, auch eine dersische Schule errichtet und in Gebrauch genommen. Zwischen Coronilla und Montevideo unterhält ein Dampfboot die Verbindung, während für den Absatz der Bodener- zeugniffe nicht sowohl diese La Platastadt, als auch die von Coronilla nur wenig entfernte brasilische Provinz Rio Grande do Sul benutzt werden soll. In Montevideo hörten wir auch von einem deutsch« heimathlichen Colonialunternehmen, welches die Ausbeute des oberen Rio Negro zum Zweck haben soll. Die Stadt Carmen de Patagones, welche an der Mündung des Rio Negro liegt, ist ein Stapelplatz für alle Bodenproducte geworden, welche im Flußgebiet des Rio Negro, der den Continent quer durchschneidet, gewonnnen werden. Bon einer deutschen Firma ist in dieser Stadt schon seit einer Reihe von Jahren ein lebhaftes Geschäft mit der Einfuhr deutscher Jndustrieartikel betrieben worden, wogegen durch die Hände derselben Firma die Ausfuhr von Getreide, Fleisch, Fellen, Wolle gegangen ist, welche Products große Handelsartikel im Ausfuhrgeschäft nach Bremen und Hamburg bilden.
(Fortsetzung folgt).
Redactisn: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schm Druckerei ($t. Ehr. Pietsch) in Eiessem


