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Niston ermittelte immer gleich die hierzu bequemsten Stellen. Er war trotz seines Alters Allen voran und kletterte wie eine Katze.
„Eher erreichen wir wohl das Ende aller Tage", spottete Duprat, „als das Ziel dieses Hindernißrennens. Wenn es nun nicht bald kommt — meine Han? schmerzt mich, ich kann nicht mehr klettern."
„Nur Geduld", sagte Niston. „Wir sind gleich am Ziel."
Und so war es auch.
Sie gelangten in einen Hausflur.
„Ist ja verschlossen", sagte Dryden an der Thür rüttelnd.
„Kann ja auch", entgegnete Niston. „Wozu hätte eine veraltete Baukunst den Feusterbogen da über der Thür gelassen und uns ein Zufall die Waffen in die Hand gespiekt? Es ist eine dunkle einsame Straße; ich kenne sie. Helft mir nur hier herauf, damit ich das Fenster einschlage. Die Thür ist nicht hoch, und wenn erst Einer da oben hockt, kann er die Anderen mit Hülfe der Klinke und der Riegel als Trittstuse leicht hinüber befördern."
Dies wurde ausgeführt und die Drei wanderten nun die stille schmale Straße entlang, um sich am Ende derselben zu trennen.
Das wurde aber vereitelt. Dort stand ein Polizeiposten.
„Halt!" raunte Niston. „Wir sitzen in einer Mausefalle."
„Unsinn", sagte Duprat. „Noch steht uns das andere Ende der Straße offen."
„Nein", entgegnete Jener. „Da hinaus liegt der „Fuchsbau", der sicher cernirt ist."
„Was bleibt,uns zu thun?" fragte Dryden.
„Wir müssen den Kerl überwältigen oder in das Haus zurück."
Man entschloß sich zu Ersterem. Sie wollten versuchen, in einer ruhigen Weise vorbeizukommen. Aber der Polizist wendete sich rasch herum und donnerte ihnen ein „Halt!" entgegen.
Ehe er noch etwas Weiteres sagen konnte, stürzten sich auf einen Wink Riston's alle Drei auf ihn. Ein schriller Pfiff durchtönte die stille Straße und dann hallte diese wieder von dem Lärm der Kämpfenden, denn der Polizist hatte blank gezogen und wehrte sich mannhaft gegen die Uebermacht.
In dem Augenblick, wo er, von Dryden's geschleuderter Champagnerflasche getroffen, zu Boden sank, hörte man von beiden Enden der Gaffe schrilles Pfeifen und eilende Schritte.
Das wurde das Zeichen für die Falschmünzer, sich wieder nach der durchbrochenen Hauslhür zu conzentriren, die sie kaum überstiegen hatten, als ihre beiderseitigen Bedränger aufeinander stießen.
Jndeffen eilten sie schon die Treppe des Hauses hinan zu dem Dach. Man hatte keine Zeit mehr zum Berathen gehabt, und da Niston jenen Weg wählte, folgten die Anderen.
Die Polizisten glaubten natürlich an kein spurloses Verschwinden. Sie richteten aber zunächst ihr Augen
merk auf die Kellerfenster der angrenzenden Häuser, welche zum Theil zertrümmert und nur mit Brettern verschlossen waren. Als sie hier keinen Eingang fanden, entdeckten sie das zertrümmerte Flurfenster.
Nach einem kurzen Blick hinüber begaben sich zwei besonders beherzte Männer durch das Flur-- fenster ins Innere des Hauses.
Der eine durchsuchte Flur und Hof, der andere eilte^, die Treppe hinan. Der erstere fand Nichts und folgte diesem.
Inzwischen hatten die Verfolgten den Boden des Hauses gewonnen, welcher wegen der Armuth der Bewohner des letzteren offen stand und ganz leer war.
„Was sollen wir hier?" fragten Duprat und Dryden zugleich.
„Zum Dach hinaus klettern", entgegnete Rrston. „Ich wenigstens thue es; ich will mich nicht kriegen lassen. Bei Ihnen, Herr Steiner, hat es ja keine Gefahr. Sie können zurückbleiben." , .
„Ach was Steiner", sprach dieser unwirsch. „Ich schwebe in derselben Gefahr wie Sie."
Dryden versetzte ihm einen Stoß. „Es kommt ja Niemand", sagte er überlaut, um den sich ver- rathenden Duprat zu übertönen.
„Kommt Niemand?" fragte Niston mit hersernem Lachen. „Ihr habt schlechte Ohren. Man zagt schon die Treppe herauf. Rette sich wer kann.
Er schwang sich durch die Dachluke hinaus und die Anderen folgten. ,
Sie kletterten am Dach entlang auf das Dmy des Nachbarhauses, waren aber auf jenem noch nicht weit gekommen, als der verfolgende Polizist den Kopf zur Luke heraussteckte und seins Pfeise ertönen ließ. Der Wiederhall derselben von Treppe und Straße ermuthigte ihn, nun ebenfalls zum Dach hinaus zu klettern. Ec sagte sich, daß es schon sehr schwere Verbrecher sein müßten, die diesen halsbrecherischen Weg wählten, um einer Verhaftung zu entgehen. Die Verfolgung lohnte der Mühe.
Er kletterte schneller als die Anderen. „Dteht da!" ries er. „Ihr seid verhaftet und könnt uns nicht entgehen."
Sein Kamerad kam ihm nachgeklettert. Auch er ließ seine Pfeife ertönnen.
„Halt!" gebot Riston, „das Signal kenne ich. Es ruft noch Andere aus unsere Fährte. Rasch, Ihr Glas her, Steiner! Ich bin oft auf oer Jn- dianerjagd gewesen und verstehe meinen Wurf zu machen, auch auf einem Dach."
„Sie wollen doch nicht den Polizisten herunterwerfen?" fragte erschreckt."
„Keine Furcht", lachte der Andere. „Bm mcht so dumm, mich einer Blaujacke wegen in Lebensgefahr zu bringen. Ich will ihm nur etwas Sand in die Augen streuen."
(Fortsetzung folgt.)


