Hießener Jamilienblätter
Belletristisches Beiblatt r«m Gießener Anzeiger-
Dienstag den 30. März.
Nr. 38.
1886.
Die Kakschmünzer.
Criminal-Roman von Gustav Ltssel.
(Fortsetzung).
Seine Augen suchten den Baron; der aber zuckte die Achseln und machte selbst eine sehr verlegene Miene. Er setzte sich halb mit dem Rücken nach den Beamten herum und stützte den Kopf in die Hand, so daß nun auch Duprat selten mehr einen Blick von ihm erhaschte.
Soltmann und Neubert hatten den Kahnsührer indessen im Kümmelblättchen engagirt und ihre Tisch- genoffen durch des Letzteren Glück in Spannung und Aufregung erhalten, als der Mann mit dem häßlichen Gesicht das Bündel sich anzelte, um zunächst nach Art neugieriger Leute ein Bischen darin zu kramen.
„Plunder!" murmelte er und blickte grinsend auf Duprat.
Aber wie entsetzte er sich, als er dessen leichenblasses Antlitz sah, aus welchem ein Paar weit aufgerissene Augen gläsern hervorstierten.
Duprat hatte ihn das Bündel entfalten sehen und war durch den Anblick der darin enthaltenen Dinge in solchen heftigen Schrecken versetzt worden.
Ader so rasch wie dieser ihn übermannt hatte, so rasch erholte er sich wieder davon, nur nicht so schnell, als daß der Andere sein Erschrecken nicht bemerkt hätte. Riston und der Baron, welche mit einander sprachen, wurden davon Nichts gewahr.
Inzwischen hatte Neubert ärgerlich die Karten hingeworfen und der Schiffer, tber nur auf diesen Augenblick gewartet hatte, sie gierig aufgegriffen, um seinen Begleiter allein zu rupfen.
Er ließ Soltmann ein paar Mal zum Schein gewinnen; dann aber begann der Rückfluß in seine eigene Tasche, und die freudige Aufregung darüber ließ ihn seinen Wasserfund vollständig ignoriren.
Der Plan der Beamten sschien seinem Gelingen nahe.
Neubert hatte schon mehrfach nach dem Bündel geschielt und mit Besorgniß die gefährliche Nähe des häßlichen Menschen wahrgenommen.
Dieser wußte aber, was nun folgen würde. Er hatte das Spiel des Beamten schon durchschaut; und als Neubert jetzt wieder hinblickte, lag er schlafend auf dem Tisch. Natürlich stellte er sich nur so. Seine Augen waren halb geschlossen und sahen nicht
nur Alles, was Neubert that, sondern auch, welche Wirkung Das auf Duprat hervorbrachte.
Dieser schien von einer wilden Angst ergriffen, während Neubert's Augen mit der Gier des auf seine Beute stoßenden Habichts an dem Bündel hingen.
Näher schlich er sich heran und näher, von Zeit zu Zeit nach seinen Spielgenossen schielend, ob diese auch wohl sähen, was er that.
Er wähnte sich von Allen unbelauscht und machte nun einen direkten Vorstoß gegen die Ecke.
Mit erheucheltem Gleichmuth bückte er sich nach dem Bündel; und da er jetzt Duprat's und seiner Genossen Augen auf sich gerichtet sah, nickte er Jenen verschmitzt lächelnd zu, als wenn er sagen wollte, er möchte doch einmal sehen, was in dem Schmutzbündel eigentlich enthalten sei.
Aber kaum hatte er die obere Hülle zurückgeschlagen und einen Griff hinein gethan, so erhielt er von rückwärts einen Stoß, der ihn über die Sachen hinweg in die Ecke schleuderte. Und ehe er sich umwenden oder sonst Jemand den Vorgang begreifen konnte, hatte Jemand das Gas ausgedreht.
Alle Anwesenden sprangen zugleich von ihren Sitzen.
Das Wort „Verrath" tönte aus vielen Kehlen; ein allgemeiner Tumult entstand.
Der Schiffer suchte zunächst sein vor ihm aufgehäuftes Geld zu sichern; im Nu aber hatte auch einer seiner Tischgenossen die Hand darauf gelegt.
Jener meinte, es sei sein Mitspieler, der sich in dieser niederträchtigen Weise wieder in den Besitz des ihm abgenommenen Geldes bringen wolle, und so schlug er dem vor ihm stehenden Soltmann ins Gesicht, daß er mit lautem Aufschrei zu Boden stürzte. Als er dann merkte, daß eine andere Hand nach seinem Eigenthum griff, schlug er wild um sich, was nunmehr einen allgemeinen Kampf im Dunkeln zur Folge hatte.
Damit hätte noch Alles sein Ende finden, und die Beamten sowohl wie Duprat und der Baron hätten den Ausgang gewinnen können, aber nun sprang der feurige junge Soltmann kampfbegierig auf seinen Angreifer, und da er unversehens von einem wild um sich schlagenden Mann noch einmal vor die Brust getroffen wurde, zog er seinen Taschenrevolver.
Zugleich mit dem Rufe: „Schlagt die Polizisten tobt", der aus hundert Kehlen wiederhallte, krachte ein Schuß; ein jäher Aufschrei durchtönte die unterirdischen Gewölbe, und einer der Männer in Rad«


