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diese Dame: man sprach dabei auch von einem gewissen Landrath —"
„Landrath Ackermann, nicht wahr?"
„Ganz recht; aber da mich die Sache nicht interessirte, so habe ich auch nicht sonderlich darauf geachtet."
„Ludmilla wandte das Antlitz ab, sie sah die blaue Brille des Obersten fast unverwandt auf sich gerichtet.
„Der Herr Referendar sagte mir gestern, Sie seien ein geborenes Fräulein von Salberg", nahm der Oberst wieder das Wort, ohne auf die Bemerkung über den Landrath Etwas zu erwidern. „War mein Freund Hermann von Salberg mit Ihnen verwandt?"
„Sie waren mit meinem Neffen befreundet?" fragte Tante Lina rasch.
„Wir waren Schulkameraden."
„Sie sind also ein Deutscher?"
„Ein geborener Deutscher, aber naturalisirter Nordamerikaner", erwiderte der Oberst ruhig; „ich bin schon vor fünfzehn Jahren ausgewandert."
„Und Sie haben drüben für die Befreiung der Sclaven gekämpft?" fragte Ludmilla.
„Jawohl, mein Fräulein I"
„Es war eine edle Aufgabe, Herr Oberst. Jedem, der das Seinige zu ihrer Lösung beitrug, gebührt der Dank jedes human denkenden Menschen."
(Fortsetzung folgt.)
Die Eroberung der WastiKe.
(Rach einer Denkschrift der Besatzung). (Schluß).
Eine kleine halbe Stunde später fluthete das Volk aber von Neuem in großen bewaffneten Massen heran und die Rufe: „Wir wollen die Bastille! Nieder milden Truppen!" zeigten, wie sehr erbittert das Volk und wie wenig geneigt es den Rathschlägen de la Nosiöres war. Die Wachen auf den Thürmen erweaten insbesondere den Zorn der Massen. Die Bitten der Besatzung, daß das Volk sich zurückziehen möge, sowie der Hinweis auf die unmittelbare Gefahr, der sich die Angreifer aussetzten, blieb erfolglos. Zwei Männer, deren einer der frühere Soldat und damalige Stellmachergeselle Louis Tourany gewesen, kletterten aus das Dach des Wachthauses an der ersten Brücke. Von dort stiegen sie in den ersten Hof hinab. Im Wacht- Hause suchte Tournay vergebens nach den Schlüsseln und ließ sich hierauf eine Axt von außen reichen, mit deren Hülfe er die Riegel und Schlösser der Eingangsthore zerhieb, während man draußen bemüht war, dieselben gleichzeitig einzuschlagen. Hierauf wurde die Brücke niedergelassen, nicht aber deren Ketten zerhauen, wie der Bericht der Invaliden irrthümlich angiebt. Die Invaliden und Truppen forderten, nachdem die größere Brücke gefallen war,
nochmals die Massen ernstlich zum Zurückziehen auf, indem sie sonst Feuer zu geben drohten. Das Volk stürzte aber dessenungeachtet muthig auf die zweite Brücke und gab eine Musketensalve auf die Besatzung ab. Diese, um die Wegnahme der zweiten Brücke zu verhindern, gab nun gleichfalls Feuer, worauf die Angreifer sich unter abermaligem fortgesetztem Schießen vorläufig zurückzogen, ohne einen neuen Angriff auf die zweite Brücke zu machen.
Etwa eine Stunde später nahte unter Trommelwirbel abermals eine große Masse Bürger, welcher eine Fahne vorangetragen wurde. Die Fahne blieb mit dem kleinsten Theile ihrer Begleiter im sogenannten Ulmenhofe, während der größere Theil des Volkes bis zum Durchgangshofe vordrang und den Soldaten zuschrie, nicht zu schießen, da eine Deputation vom Stadthause anwesend sei, welche den Gouverneur, den man herauszukommen bäte, sprechen wolle. Herr de Launay und die auf den Thürmen befindlichen Subaltern-Officiere riefen hinab, die Fahne und die Deputaten möchten sich nähern, das Volk aber zurücktreten. Im gleichen Augenblicke kehrte ein Unterofficier der Besatzung, um zu zeigen, daß es nicht deren Absicht sei zu feuern, sein Gewehr mit dem Laufe nach unten und forderte, die Mannschaft auf, seinem Beispiel zu folgen, was auch geschah. Auf vieles Bitten von Seiten der Invaliden machte endlich das Volk Halt und nur die Depu- tirten traten in den Durchgangshof, woselbst sie ohne näher kommen zu wollen, trotz der widerholten Aufforderungen der Subaltern-Officiere, welche ihnen mit ihrem Leben für das ihre zu bürgen erklärten, verweilten. Man rief jenen Deputirten gar zu, man wolle ihnen, falls sie wirklich Abgeordnete der Stadt wären, die Bastille übergeben. Deffenunge- achtet verharrten sie bei ihrem Schweigen und zogen sich bald zurück. De Launay sagte hierauf zu der Besatzung, daß jene Deputirten gar nicht von der Stadt abgesandt seien, vielmehr habe sich das Volk nur der Fahne, bemächtigt um die Besatzung zu überrumpeln. Wenn es wirklich Abgesandte der Stadt gewesen, so hätten sie gewiß, nach den von den Ofsicieren abgegebenen Versicherungen, die Absichten des Stadthauses dem Gouverneur persönlich bekannt gegeben. Nach dem Abzug jener Deputirten, denen das Volk nicht folgte, rüstete sich dieses zum erneuten Angriff der zweiten Brücke. Der Gouverneur besahl der Besatzung auf die anstürmende Masse, welche die bereits in ihrem Besitze befindlichen drei vorderen Höfe, der Bastille, den Ulmen-, Durchgangs- und ersten Hof, füllten, zu feuern. Die ab- gegebene Salve zerstreute die Angreifer zwar, deren mehrere auf dem Platz blieben, bewirkte aber deren Rückzug nicht. Das Volk bemächtigte sich vielmehr, trotz des Feuerns der Besatzung, der Kaserne, deren Thüren mit Aexten eingeschlagen wurden.
Eine Stunde später schoben die Belagerer drei mit Stroh beladene Wagen in dm Hof und steckten alsbald das äußere Wachthaus, das Haus des Gouverneurs und die Küchen in Brand. In diesem


