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Augenblicke würbe, nach Angabe des mehrerwähnten Berichtes der Invaliden, der einzige Kartätschenschuß abgefeuert, der während des fünfstündigen Kampfes von der Besatzung der Bastille abgegeben warb. Bisher hatte man sich nur mit Flinten ver- theidigt. Charpentier bestätigt übrigens nach den Aussagen der Invaliden, Schweizer-Soldaten und Schließer, sowie einiger Belagerer, die den Platz nicht verlassen haben, diese Thatsache. Aus der Ferne mag das Feuer aus der Wallbüchse und jenes der Musketen, das von vielen Schießscharten gleichzeitig unterhalten ward, leicht mit Geschützdonner verwechselt worden sein. Der Brand der Gebäude war übrigens den Stürmenden ehernachtheilig als nützlich; er machte die zweite Brücke unnahbar und unangreifbar und wahrte somit den Zugang zum Schlöffe. Der Spezereihändler RooleS und der Officier Elie vom Regiment der „Königin," setzten daher auch alles daran, um die brennenden Wagen zu beseitigen, was Rooles endlich gelang. Hierauf fuhren die Belagerer zwei Kanonen gegen die große Brücke an, doch ward dieselbe vom Geschützfeuer nicht beschädigt. Auch griffen jetzt die Gardes sransaises mit Geschützen in die Belagerung ein. Zwei Unterosficiere der Besatzung, Ferrand und Böquard, bewahrten übrigens Paris vor dem grausigsten Unheil. Als der Gouverneur von den Officieren zur Uebergabe des Schlosses bestürmt ward und selbst einsah, daß er es bei dem Mangel an Lebensmitteln nicht länger zu halten vermöge, ergriff er um 4 Uhr plötzlich eine Lunte, welche neben den im Hofe aufgepflanzten Geschützen brannte und wollte das im Freiheitsthurme befindliche Pulver anzünden. Diese That hätte unfehlbar alle Häuser der Umgebung der Bastille und einen großen Theil des Faubourg-Saint-Antoine zerstört. Die beiden genannten Unterosfieiere zwangen de Launar) mit vorgesetztem Bajonett von seinem Plane abzustehen. Boquard fiel später, nachdem er nach der Oeffnung des Thors eine Hand durch einen Säbelhieb verloren, als Opfer der Volkswuth, er ward aus der Bastille fortgeschleppt und sofort auf dem Grvve- platz gehängt.
Der Gouverneur theilte, als er seinen Plan durch jene beiden Unterosficiere vereitelt sah, denselben der Besatzung mit, ihr erklärend, es wäre besser, sich in die Lust zu sprengen, als sich vom Volke, dessen Wuth man unmöglich entrinnen könne, zerreißen zu lassen; unter allen Umständen müsse mau aber auf die Thürme zurück und den Kanrpf sortsetzen. Die Soldaten weigerten Beides, und bestimmten den Gouverneur, einen Tambour zum Rappellschlagen auf die Thürme zu schicken, eine weiße Fahne aufzustecken und zu capituliren. Da keine weiße Fahne vorhanden war, gab der Gouverneur ein weißes Taschentuch her. Die Invaliden Rouf und Roulard bestiegen mit einem Trommler die Thürme, pflanzten-die Fahne auf und machten dreimal unter Trommelschlag die Runde. Ihr Zeichen
I ward aber von den Belagerern, die immer weiter feuerten, nicht beachtet. Als nach Aussage des In- validenberichts, dem hierin die Angaben der Angreisenden widersprechen, das Feuer aus der Bastille längst verstummt war, rückten die Belagerer unter ununterbrochenen Salven bis an die Brücke und schrieen: „Laßt die Brücke nieder!" Der Schweizer- Ofsicier, der dort stand, verlangte durch eine Schießscharte freien Abzug mit allen Ehren; ein entschiedenes Nein war die Antwort. Darauf schrieb besagter Officier die Capitulation auf ein Blatt Papier und reichte sie durch die Schießscharte mit dem Bemerken hinaus, daß man sich ergeben und die Waffen strecken wolle, aber nur gegen das Versprechen, daß man die Truppe nicht niedermetzeln werde. Man antwortete ihm darauf mit dem Zuruf: „Laßt die Brücke nieder und es soll euch nichts geschehen!"
Auf dies Versprechen übergab der Gouverneur den Schlüssel zur kleinen Brücke, den er in der Tasche trug, dem Korporal Gaiard und dem Unter» officier Pereau, welche das Thor öffneten und die Brücke niederließen. Kaum war aber dies geschehen, so stürzte das Volk in den Hof und warf sich auf die Invaliden, die ihre Waffen längs her Mauer niedergelegt hatten. Die Schweizer, welche Leinwandkittel, (es war Hochsommer) trugen, wurden im Ansang für Gefangene gehalten, und entgingen so dem ersten Anprall des Volkes. Dieses war dermaßen blind vor Wuth, daß es sich in dichten Massen auf die Quartiere der Officicre stürzte, und dort Möbel und Thüren, ja sogar die Fenster zer- trümmerte. Auch feuerten die auf dem Hofe befindlichen Bürger, wie dies Rooles in seiner Denkschrift bestätigt, irrthümlich auf ihre Waffengeführten, und tödteten mehrere derselben, weil sie sie für zur Besatzung gehörige Leute hielten.
Die Invaliden wurden, wie ihr Bericht sagt, wie Sclaven an mehreren Stellen der Stadt herumgeführt. Zweiundzwanzig von ihnen gelangten nach dem Stadthause, vor welchem sie zwei von ihren Kameraden gehangen sahen. Die erbitterte Menge hätte Allen ein gleiches Schicksal bereitet, wenn sich nicht die Gardes fransaises für sie verwandt hätten. Man führte sie und elf Schweizer nach der Kaserne Nouvelle France und am nächsten Tage in das Jn- validenhaus. Wie man auch über die Handlungsweise des Gouoerneur's, den die Volksmenge nach der Uebergabe nach dem Stadthaus schleppte, vor welchem ihm die Wüthenden den Kopf abschlugen, denken mag, die Invaliden konnten, selbst die theil- weise Parteilichkeit ihrer Vertheidigungsschrist zugestanden, nicht anders handeln. Wenn sie sich den Befehlen des Gouverneurs widersetzt hätten, so hätten sie die Schweizer Truppen niedergeschoffen. Die anderen Einzeln Heiken, die Sprengung der Kerker der Gefangenen, die zweideutige Rolle, 'welche Fleffelles an diesem Tage spielte, sowie sein rasches gewaltsames Ende, sind hinlänglich bekannt.
WeikKtio«: A. Scheyd«. — Druck und Mittag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


