Ausgabe 
29.6.1886
 
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ohne ein Wort zu erwidern, von dannen; er mochte wohl fühlen, daß es ihm ganz unmöglich war, den in ihm tobenden Leidenschaften noch länger zu gebieten.

5. Kapitel.

In der Dämmerstunde.

Die Nachricht von der plötzlichen Verlobung des Herrn von Görlitz hatte an der Tafel der Frau Schirmer begreifliches Aufsehen gemacht, und eben so natürlich war es, daß namentlich die Damen sich in hohem Grade dafür interessirten. Jeder, der nur in dieser Saison das Theater besucht hatte, kannte die blendend schöne Sängerin; Jeder wußte, daß sie von Verehrern umschwärmt war, und daß eine glänzende, ruhmvolle Laufbahn vor ihr lag!

Und nun wollte sie auf Glanz und Ruhm ver­zichten, um fortan an der Seite eines Gatten ein bescheidenes, zurückgezogenes Leben zu führen.

Es läßt sich schwer begreifen", sagte Hertha, als die Damen in der Dämmerstunde dieses ereig- nißvollen Tages plaudernd in der traulichen Wohn­stube saßen;gewöhnt an den rauschenden Beifall der Menge und an die höchsten Triumphe, die eine Künstlerin feiern kann, wird sie in ihrem Alltags, leben eine Lücke empfinden, die selbst die Liebe ihres Gatten nicht ganz auszufüllen vermag."

Dann mag die gediegene Wirklichkeit sie ent­schädigen, für den Flittertand der Vergangenheit", erwiderte Ludmilla ernst;wie der Herr Referendar behauptet, soll Herr von Görlitz ein sehr reicher Gutsbesitzer sein, und er wird gewiß Alles aufbieten, der geliebten Gattin für das Opfer zu danken, das sie ihm gebracht hat. Eine Frau aber, die an der Seite eines liebenden und geliebten Mannes nach solchen Nichtigkeiten sich zurücksehnt und nicht freudig auf sie verzichten kann, ist der Liebe nicht werth."

Tante Lina nickte zustimmend und hielt den Strickstrumpf näher an's Fenster, um die gefallene Masche wieder aufzuheben.

Mich überrascht es nur, daß das Alles so plötz- lich gekommen ist", sagte sie.Herr von Görlitz befindet fid). wie er selbst mir erklärte, erst seit drei Tagen in der Stadt."

Der Herr Referendar hat uns ja darüber ge» rügenden Aufschluß gegeben", antwortete Hertha. Signora Barlotti soll den Hauptmann schon vor Jahren gekannt haben; daß sie aber trotz dieser Liebe sich von Anderen den Hof machen ließ "

Liebes Kind, ob Alles, was über sie geredet wurde, auf Wahrheit beruht, können wir nicht wisien", unterbrach die Mutter sie;die Menschen glauben immer nur das Schlimme, und es ist eine unbestrittene Thatsache, daß die bösen Zungen sich vorzugsweise gerne mit den Damen vom Theater beschäftigen."

Aber der Landrath Ackermann"

Kind, was kümmert das Alles uns! Herr von Görlitz wird gewiß ernst geprüft haben; er scheint

mir nicht der Mann zu sein, der es int Punkte der Ehre leicht nimmt, und die Ehre seiner Braut ist nun auch seine eigene Ehre. Herein!"

Die Thüre wurde leise geöffnet, mit dem Hut in der Hand stand der Oberst Johnson auf der Schwelle.

Ich bitte tausendmal um Verzeihung, wenn ich störe", sagte er mit leiser Stimme;ich wollte nur meine jungen Freunde besuchen, Herrn Maiwind und den Herrn Referendar Rommel."

Die Damen hatten sich erhoben; Tante Lina ging ihm entgegen.

Treten Sie näher, wenn ich bitten darf", er­widerte sie in ihrer freundlichen Weise, während ihr treuherziger Blick prüfend auf dem Fremden ruhte;die beiden Herren sind augenblicklich nicht zu Hause; aber.wenn Sie erwartet werden?"

Das wohl nicht, gnädige Frau. Mein Name ist Johnson, Oberst Johnson. Ich lernte durch einen Zufall die Herren gestern kennen, und Ihr Haus wurde mir so angelegentlich empfohlen, daß ich auch in Bezug hierauf einen Wunsch aussprechen möchte."

Tante Lina hatte ihm einen Stuhl angeboten; er rückte ihn etwas zur Seite und nahm Platz.

Ich werde Licht holen", sagte Hertha.

Wenn Sie mir einen recht großen Gefallen erzeigen wollen, dann bitte ich Sie, laffen Sie uns in der Dämmerung weiter plaudern", erwiderte der Oberst rasch, und seine Stimme klang dabei seltsam bewegt; die schwere Augenentzündung, die ich von drüden mitgebracht habe, ist noch immer nicht ganz gehoben."

Und in der Dämmerstunde plaudert es sich am gemüthlichsten", fügte die alte Dame hinzu.Sie wünschen in meinem Hause zu wohnen, Herr Oberst?"

Das ist allerdings mein Wunsch, aber die Er­füllung deffelben eilt so sehr nicht. Ich werde in den nächsten Tagen eine Reise antreten und erst nach meiner Rückkehr mich entschließen, ob mein Aufenthalt von längerer Dauer sein soll. Wenn Sie mir alsdann erlauben wollen, auf diesen Wunsch zurückzukommen"

Mit dem größten Vergnügen. Außer den beiden jungen Herren wohnt nur noch der Herr Hauptmann von Görlitz in diesem Hause; er ist gestern erst eingezogen, wird aber voraussichtlich nicht lange bleiben."

Sicher bis zum Frühjahr", sagte Hertha. Signora Barlotti will ja erst dann von der Bühne abtreten, und bis dahin bleibt ihr Verlobter hier."

Herr von Görlitz ist mit der berühmten Sängerin verlobt?" fragte der Oberst sichtbar über­rascht.

Seit heute", erwiderte Tante Lina lächelnd. Sie kennen also die Dame auch schon?"

Ich hatte gestern Abend im Theater Gelegen­heit, ihr schönes Talent zu bewundern. Ohne es zu wollen, vernahm ich dabei manches Urtheil über