Ausgabe 
29.4.1886
 
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meinen Muth zu erschüttern. Ich schlüpfte durch eine Lücke im Zaun und fügte mich gern seiner Bitte, an seinem Arm in das stille Wittwenstübchen seiner Mutter einzutreten, wo ein mildes Augenpaar mich ach so lieb und freundlich anblickte. Ich armes, verwaistes Kind fand wieder ein Mutterherz, an welches ich mich wieder fest anschmiegen durfte, seine, unsere Mutter nahm mich mit Liebe auf, weil der theure Sohn mich ihr entgegen führte. Von den Thürmen herab läuteten die Osterglocken das Fest ein, so schön hatte ich es noch nie gefeiert. -

Wir kamen überein, daß mein Geliebter sich eine Stellung erringen, dann bei meinem Vater offen und frei um mich werben wolle. Ich verbarg mein süßes Geheimniß sorgfältig vor denen, welche mir im Leben hätten am nächsten stehen sollen; ach leider waren bei uns die Verhältnisse nicht darnach ange- than, daß ich meinem Vater |mein Herz hätte aus­schütten können, wir standen uns fremd und kalt gegenüber.

Die Tante duldete stillschweigend, daß ich der Nachbarin mitunter einen Besuch abstattete, nachdem sie in Erfahrung gebracht, daß sie die Wittwe eines höheren Beamten war.

Ein Jahr verging rasch, ein reger Briefwechsel mußte mich für die Trennung von Frank ent­schädigen. Bald sollte die Entscheidung nahen, denn mein Geliebter hatte eine Stellung gefunden, welche ihn berechtigte, meinem Vater gegenüber zu treten und meine Hand von ihm zu erbitten. Ich muß bemerken, daß Baron Krotnow von Zeit zu Zeit als Gast bei uns erschien, mein Vater fand in ihm einen angenehmen Gesellschafter, bei seinem abge­schloffenen Leben, mit welchem er heimathliche Ver­hältnisse besprechen konnte, auch bei der Tante stand er in hoher Gunst. Mir allein war der Umgang mit ihm peinlich, ich vermied ihn so viel als möglich und wies seine Aufmerksamkeiten mit Entschiedenheit zurück, was mir von Vater und Tante manchen Vorwurf eintrug.

Weshalb plötzlich eine Luftveränderung für mich unbedingt nöthig erschien und die Abreise so be­schleunigt ward, daß mir nicht Zeit blieb von meinem lieben Mütterchen im Nachbarhause mündlich Ab­schied zu nehmen, ist mir bis heute unerklärt. Mit centnerschwerem Herzen, denn ich hoffte täglich auf eine Entscheidung über meine Zukunft reiste ich in Begleitung meiner Tante nach einem fernen Curorte ab, während Baron Krotnow, seit Kurzem abermals unser Gast, sich erbot, dem Vater, bis nach unserer Rückkehr Gesellschaft zu leisten.

Am Ort unserer Bestimmung angekommen, schrieb ich an den Geliebten, nie habe ich eine Zeile Antwort erhalten. Eine schwere Erkrankung des Vaters beschleunigte unsere Heimreise, wir fanden ihn nicht mehr am Leben. Nachdem er zur Ruhe bestattet war, suchte ich die Mutter meines Geliebten auf. Ach, Marie, welcher Empfang ward mir dort! Nie in meinem Leben werde ich den furchtbaren er­

schütternden Eindruck dieser Stunde vergessen. Sie nannte mich ein schamloses Weib, welchem ihr Sohn zum Spielzeug gedient, welches ihn elend gemacht und aus der Heimath vertrieben. Ohne mir ein Wort zu gönnen, ohne mich einer Erklärung ihres maßlosen Zornes zu würdigen, wies sie mich von ihrer Schwelle.

Als ich heimkehrte, legte mir der Baron einen Brief meines Vaters vor, in den letzten Tagen seines Lebens mit zitternder Hand geschrieben, worin er mir die Verpflichtung auferlegte, Krotnows, seines bewährten Freundes, Gattin zu werden.

Auch das noch, um das Maaß meines Elends voll zu machen! Nicht einmal ein Leben stiller Ein­samkeit, der Erinnerung an ein nur zu kurzes Glück, ward mir gegönnt. Dem Manne sollte ich ange­hören, vor welchem mir schauderte und welchen ich, ohne einen Beweis angeben zu können, für den Ur­heber meines Unglücks ansah.

Unter tausend Vorwänden habe ich es nun bis jetzt zu hintertreiben gewußt, mich dem Befehl meine« sterbenden Vaters zu fügen, länger kann ich mich der Veröffentlichung der Verlobung aber nicht entziehen, welcher in wenig Wochen die Vermählung folgen soll."

Lucia schwieg erschöpft. Mariens Augen ent­strömten Thränen der herzlichsten Theilnahme, er­schüttert von so schwerem Leid in dem jungen Leben, schlang sie ihre Arme um die Freundin und beide schwiegen still. Da hallten feierliche Glockentöne durch die Luft, das Osterfest einzuläuten:

Hörst Du die Glocken, Lucia?" unterbrach Maria das Schweigen,sie verkünden die Nähe de» hohen Festes, des Freudenfestes für alle Welt. Lucia, wenn es auch Dir ein ungeahntes Glück brächte!"

Glück giebt es für mich nicht mehr."

Gestern war der Charfreitag, der Tag, der wie ein Trauerflor auf dem Herzen liegt, wenige Stunden noch und Ostern, das schöne Fest, bricht an und trocknet alle Thränen."

Lucia schüttelte den Kopf wie abwehrend, ihr klangen die Festesglocken wie das Grabgeläute ihrer Hoffnungen, jeden Glückes.

Blauer Himmel, goldner Sonnenschein war der prächtige Festschmuck des Ostermorgens, auch die Menschen schmückten sich mit ihren Festkleidern und folgten dem Rufe der Glocken um die frohe Bot­schaft aufs Neue zu hören:Der Herr ist aufer­standen von den Todten!"

Lucia ging schon zur frühen Morgenstunde in die kleine, neben dem Friedhof gelegene Kirche, dort suchte sie Trost für ihr bang schlagendes Herz und konnte doch nicht den rechten Frieden finden.

(Fortsetzung folgt).

Redaktion: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schmDruckere^(Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.