199
„Daß ich nicht wüßte", entgegnete der Kommissar; „aber wenn ich einmal Gelegenheit dazu hätte, würde ich es an solcher nicht fehlen lassen."
„Löblicher Vorsatz", sagte gereizt der Kommer- zienrath. „Ich meine aber, daß Sie in diesem besonderen Fall, wo es sich um eine Beeinflussung meines Sohnes zum Bösen handelt, nach einer anderen Richtung mehr Erfolg aufzuweisen haben würden. Dieser Baron Drpden zum Beispiel — "
„Der nicht aufzufinden ist", lachte der Kommissar. „Er ist allerdings wohl ein Ritter der Industrie, aber was kann Herr Duprat anders sein, wenn er mit solchen Menschen in einem Athem als der Umgang Ihres Sohnes genannt wird."
„Das thut man fälschlich", entgegnete der Kommerzienrath. „Herr Duprat hat sich längst von meinem Sohn entfernt gehalten."
„Ja, nachdem er ihn selbst auf die Bahn hingelenkt, die zum Verderben führt", wandte der Kommissar ein. „Aber wozu uns darum streiten! Das ändert nun Nichts an den bestehenden Verhältnissen. Wer Herrn Eduard zu seinen muthmaßlichen Vergehen angestiftet und verführt hat, ist für den Augenblick die Frage nicht, sondern die, ob er die Verbrechen begangen, welche ihm zur Last gelegt werden. Die äußeren Anzeichen sprechen dafür und wir müssen dieselben so lange gelten lassen, bis Herr Eduaro selbst uns die Beweise vom Geaentheil giebt."
„Haben Sie das Kostüm, welches Sie aus dem Fluß gezogen, dem Mädchen schon vorgelegt, welches meinen Sohn angeblich zu jenem Maskenball begleitete?" fragte der Kommerzienrath.
„Nein", erwiderte kurz der Assessor.
„Warum nicht?"
„Aus dem einfachen Grunde, weil dieser Umstand weniger in Betracht kommt, als was das Mädchen sonst noch von Ihrem Sohn zu erzählen wußte."
„O, bitte recht sehr! Erzählen kann man Etwas, was der Wahrheit nicht entspricht, und so lange das Mädchen nicht sagen kann, er hat den Fremden ermordet, da und dann, ich habe es gesehen, so lange können Sie nur nach den objektiven Beweisen gehen. Und diese sind hier die zusammengeschnürten Kostüme des rothen Domino und der Polin. Ich wenigstens werde auf der Vorlage und Inaugenscheinnahme dieser Kostüme bestehen."
„Ich bedaure, Ihnen antworten zu müssen, daß wir die Kostüms nicht zur Verfügung haben. Sie sind bei dem Kampf im „Fuchsbau"' von unsicht- baren Händen entwendet worden und seitdem spurlos verschwunden."
„Damit", erwiderte der Kommerzienrath eifrig, „fehlt jeder Beweis für die Identität der Kostüms mit derjenigen des rothen Domino und der Polin."
„O, bitte, Herr Kommerzienrath", sagte lächelnd Soltmann. „Etwas haben wir doch gerettet, die rothe Maske." Er wies diese vor. Vergleichen Sie gefälligst damit die rothe Zacks hier, welche aus der
Maske herausgerissen wurde und auf dem Kieswege des Wintergartens liegen blieb, bis ich sie am andern Morgen fand und zu mir steckte. Damals that ich es mechanisch, ohne einen Nachgedanken; heute ist dieses Stückchen rother Seide der Schlüssel geworden zu einem Verbrechen, welches sonst ewig unenthüllt geblieben wäre."
„Und was beweist", rief der Kommerzienrath, „daß jener rothe Domino in der Ballnacht wirklich ermordet worden, respektive, daß er der Ermordete in der Schwedengasse gewesen?"
„Alle Anzeichen deuten darauf hin", erwiderte der Kommissar.
„Alle Muthmaßungen", sagte korrigirend Etwold. „Mit diesen und ohne meinen Sohn werden Sie jedenfalls nicht zu einer Verurtheilung kommen."
Der Kommissar und Soltmann blickten einander betroffen an.
„Sie sagen das in einem Ton", nahm Jener wieder das Wort, „als wenn Ihnen das Verschwinden Ihres Sohnes in dem Augenblick seiner Inhaftnahme sehr willkommen wäre. Gestern ließen Sie mich etwas Anderes vermuthen, oder ich würde Ihnen keine Zeit gelassen haben —"
„Wozu?" fragte scharf der Kommerzienrath — „Ihren Sohn zu warnen."
„Herr Kommissar", brauste Etwold auf, „ich verpflichte mich Ihnen für das Gegentheil mit meinem Ehrenwort. „Ich denke, das genügt, um sofort jeden Zweifel in Ihrer Brust zu stillen. Zwar in Ihrer amtlichen Stellung kommt es Ihnen ja wohl zu, in jedem, auch dem anständigsten Menschen den Verbrecher zu wittern."
„Ich möchte nur wissen", sagte ausweichend der Kommissar, „wer Herrn Eduard warnte. Das Telegramm ist noch Vormittags hier gewesen."
(Fortsetzung folgt.)
Em Osterfest.
Novelette von Th. Hempel.
(Fortsetzung.)
So waren einige Jahre im schmerzlichen Traum und fröhlichen Wiederfinden vorübergegangen, da stellte sich mir der junge Nachbar als Doktor Frank vor, welcher soeben sein Staatsexamen glänzend bestanden. Ach, Marie, ich weiß selbst nicht mehr, wie es kam, daß er mich fest mit den Armen umschlang, mich sein süßes Lieb, seine theure Braut nannte, aber das weiß ich, daß nun erst mein Leben einen Inhalt bekam, daß ein ungekanntes Glücksgefühl mich durchströmte. Auch der Gedanke an meinen Vater, welchem wegen unseres adeligen Standes der bürgerliche Gelehrte ein unwillkommener Schwiegersohn sein würde, vermochte nicht


