198
„Die Polizei", sagte er im Tone des Entsetzens. „Nein, nein, die kann hier nicht Helsen, oder mich nur entführen, nm mich in einen anderen Kerker zu werfen."
„Warum? Habt Ihr ein Verbrechen begangen?"
„Man sagt es."
„Wer sagt es? So redet doch, Mann!"
Aber Forster sprach den Namen seines Peinigers nicht aus.
„Keine Polizei!" jammerte er. „Nur keine Polizei!"
„Unglücklicher!" rief Eduard verzweifelt. „Euer Geist ist umnachtet- Ihr lebt in Einbildungen, welche man Euch geflissentlich erweckt hat. Ich zürne • Euch nicht; ich kann Euch nur beklagen. Ihr werdet schon noch anders denken lernen, wenn Ihr erst wieder frei und Herr Eures durch diese unmenschliche Behandlung gebrochenen Willens seid. Blickt nur voll Vertrauen auf zu Dem, der aller Menschen Schicksal lenkt und mich jetzt wie durch ein Wunder in Eure Gruft hinab gesandt hat, als Retter und Befreier aus einem Dasein, schlimmer als der Tod. Gehabt Euch wohl!"
Eduard griff seine Laterne wieder auf und stieg die Stufen hinan.
Im gleichen Augenblick ertönte über ihm ein leises heiseres Hohnlachen.
Er blickte erschreckt empor, sah aber Niemand. Dagegen wurde zu seinem .Entsetzen die eisenbeschlagene Thür ins Schloß geworfen und von unsichtbaren Händen verriegelt.
Er sprang sofort zu derselben hinan, mit allen Kräften bemüht, sie einzuschlagen oder aus den Angeln zu heben. Aber er verletzte sich nur seine Hand.
Draußen wurde dagegen der Schlüssel abgezogen. Dann vernahm er noch sich eilig entfernende Tritte, und hiernach trat jene unheimliche Stille ein, welche über Gräbern lagert.
13. Kapitel.
Kämpfe und Ziele.
Als der Kommerzienrath mit dem Kommissar in M. ankam, fanden sie in Eduard's Wohnung nur den ihrer harrenden Soltmann vor.
Etwold war hierüber aufs Höchste empört, denn er glaubte nicht anders, als daß Letzterer von dem Kommissar gegen sein Versprechen vorausgeschickt worden, um Eduard zu verhaften oder zu beobachten.
Nur wenigs Worte des Anderen stellten diesen seinen Jrrthum klar. Es handelte sich um noch eine, und eine viel schwerere Anklage, gegen Eduard, die wegen Mordes.
Der Kommerzienrath brach unter diesem Schlage zusammen. Er ließ sich von Soltmann die näheren Umstände der heimlichen Anwesenheit Eduard's in seinem Hause berichten, an die er zuerst gar nicht glauben wollte-
Die Beweise gegen ihn hätten ihm wie Nichts gedünkt, wenn Eduard nur dagewesen wäre, um sie zu widerlegen. Aber daß dieser, wie es nun den Anschein hatte, geflohen war, durch ein heimliches Telegramm ans der Residenz gewarnt — denn dies bekundete Eduard's Wirthin — das überführte ihn, daß jene Beweise die Wahrheit sprachen und daß er sich in s inem einzigen Sohn einen wirklichen Verbrecher erzogen hatte.
„Was werden Sie nun thun?" fragte verzweifelt der Kommerzienrath. „Meinen Sohn steckbrieflich verfolgen lassen?"
Der Assessor, an welchen diese Frage gerichtet war, blickte auf den Kommissar; dieser zuckte die Achseln.
„Das wird von den sich noch ergebenden Umständen abhängen", sagte er. „Wir können ja immerhin noch nicht sagen, daß Herr Eduard M. heimlich verlassen hat, um sich seiner Vernehmung zu entziehen. Es ist nicht das erste Mal, daß er so handelt, und das Motiv war allem Anscheins nach immer das gleiche — die heimliche Liebe zu einem Mädchen, dem er nicht angehören durste. Dieses Mädchen ist aber nach des Assessors eigenen Versicherungen keine Verworfene, sondern brav und ordentlich. Das spricht für ihn und gegen seinen sonstigen Umgang."
„Und wer war dieser noch?" fragte gespannt der Kommerzienrath.
„Ein Baron Dryden", entgegnete Soltmann, „der Ihren Sohn offenbar zum Spiel verleitete, und Ihr Prokurist, Herr Duprat, von dem man behauptet, daß er ein schlechter Charakter, ein Mann mit zwei Gesichtern und derjenige sei, der Ihren Sohn aus Ihrem Haus und Herzen verdrängte, um sich selbst an seine Stelle zu setzen."
„Wer sagte das von Herrn Duprat?" fragte der Kommerzienrath scharf.
„Ich habe die gleiche Charakteristik nun schon an zwei Stellen von verschiedenen Menschen gehört'" sagte der Assessor.
„Ihr Herr Prokurist", schaltete der Kommissar ein, „hat auf mich auch keinen besonderen Eindruck gemacht. Im Gegentheil, wenn es sich nur um eine Unregelmäßigkeit in Ihrem Geschäft handelt», wäre er der Erste, auf den ich meinen Verdacht lenken würde."
„Das Alles erschüttert mich nicht in meinem Vertrauen zu Herrn Duprat", sagte der Kommerzienrath mit finsterer Entschlossenheit. „Sie Herr Assessor, haben Ihr Urtheil gewiß von Leuten, welche meinem Sohne mehr oder minder nahe stehen, und Sie Herr Kommissar urtheilen von einem ersten flüchtigen Eindruck, vergessen aber zweierlei, eine physische Indisposition Duprat's, die ihn nicht besonders freundlich erscheinen ließ, und den Unmuth, welchen Sie in ihm selbst erweckten."
„Unmuth? Worüber denn?" fragte der Kommissar.
„Darüber, daß Sie mit solcher Schroffheit gegen ihn auftraten."


