Hichener Jamilienblätisr.
Belletristisches Beiblatt;um Gießener Zeiget.
Nr. 50.
1886
Donnerstag den 29. April.
Aie Jatschmünzer.
Criminal-Roman von Gustav 8-ssel.
(Fortsetzung).
„Forster!" stieß Eduard in voller Verzweiflung hervor. „Der alte Forster, der vor Jahr und Tag verschwunden! Wie ist das möglich! Mensch, wie kommt Ihr in diese entsetzliche Lage?"
„Das ist nicht Etwold's Stimme", flüsterte der Andere matt, „das ist mein Schließer nicht. Wer seid Ihr?"
„Mein Vater Euer Schließer?" rief Eduard, entsetzt zurücktretend. „Ihr redet irre, Alter. Nimmer _ hat mein Vater Euch in diese Lage gebracht, Euch lebendig begraben. Das wäre ja mehr als Freiheitsberaubung, das wäre Mord!--
Sprecht, nehmt alle Eure Gedanken zusammen und antwortet mir noch einmal, wer brachte Euch hierher?"
Jetzt hatte der alte Forster sich so weit an das Licht gewöhnt, daß er zu Eduard emporblicken konnte. Dieser bemerkte einen fast blödsinnigen Ausdruck in dem Antlitz des Alten, welcher zu einem Skelett zusammengeschrumpft war, ein mit Pergament überzogenes Knochengerüst. Seine Augen leuchteten wie die eines Raubthieres, wenn es die Beute erspäht, seine Haare klebten in wirren Strähnen an der feuchten Stirn. Er schien von Furcht vor Eduard erfüllt, und doch machte es wieder den Eindruck, als wenn jener ihm nur den Rücken zu wenden brauche, um von ihm angefallen und vernichtet zu werden.
Der Alte bewegte die Lippen, als wenn er spreche. Er schien offenbar Eduard's Anwesenheit und Absicht nicht zu begreifen. Dieser streckte den Kopf vor, um eines der nur geflüsterten Worte zu erhaschen, aber es gelang ihm nicht.
„Ich verstehe Nichts', sagte er dann. „Wer that Euch das? Wer brachte Euch hierher?"
„Ich darf es nicht sagen", entgegnete der Andere zögernd und mit einem scheuen Blick nach der halb offenen Thür. „Ein Schwur, den ich nicht brechen darf, bindet mich; ich bin verloren, wenn ich ihn breche."
„Ihr seid verloren, wenn Ihr es nicht thut", sagte Eduard. „Ich meine es gut mit Euch. Also sprecht ganz offen. Und wenn mein Vater es gewesen, will ich ihm selbst noch in dieser Stunde ent- gegentreien und Rechenschaft von ihm fordern für
eine so ruchlose That, für ein so himmelschreiendes Unrecht."
Forster lauschte staunend den Worten seines angeblichen Befreiers aus dumpfer Kerkernacht. Dann schüttelte er wie in stummer Verneigung den Kopf.
„Mich befreit Niemand mehr" sagte er, „als der, der mich hier hinabgestoßen, hier zu vermodern. Er würde sonst mich tödten. Gesteht es nur, Ihr seid sein Sendbote, sein Spion, und sollt mich ausforschen oder mich zur Selbstbefreiung bereden, um mich dann mit einigem Recht nicht nur meiner Freiheit, sondern auch meines Lebens berauben zu können."
„Und ist Euer Leben hier denn nicht schlimmer als der Tod?" fragte Eduard theilnahmsvoll.
Ein zaghaftes Lächeln auf den Lippen des Alten und das sanfte Wiegen seines Hauptes waren schüchterne Verneinung.
„Ihr antwortet unter einem Banne, den ich nicht kenne", sagte Eduard; „und auch nicht anerkenne", fügte er hinzu. „Gleichviel, wir werden uns schon noch kennen und verstehen lernen. Kommt jetzt und folgt mir. Hier kann, nach dem, was ich gesehen, unseres Bleibens nicht sein. Ich weiß aber ein Versteck, in dem wir vor allen Nachstellungen verborgen sein werden, auch vor denen Eures mächtigen, mir unbekannten Feindes. Das Boot, mit dem ich heimlich hergekommen, liegt noch unten an der Landungstreppe. Ich habe die Kellerschlüffel und finde uns auch einen Weg aus dem Hause; die Nacht ist finster, wir kehren in dem Boote nach dem Landungsplatz zurück, wo ich es löste, und von dort fliehen wir weiter."
Forster verneinte auch jetzt.
„Ihr werdet's nicht durchführen", sagte er, „und eher selbst dem Mann zum Ofer fallen, der mich hier eingekerkert."
„Wer ist es?" drängte Eduard.
„Ich darf ihn nicht nennen", entgegnete Forster, mit einem scheuen Blick nach der halb offenen Thür.
„Unsinn! Wer sollte es hier hören außer mir. Aber wie Ihr wollt. Habt Ihr zu essen und zu trinken hier?"
„O, daran genug für ganze acht Tage."
„Eure hohlen Wangen besagen das Gegentheil. Aber auch das soll mich nicht beunruhigen. Nur noch wenige Stunden und die Polizei wird kommen, um Euch mit Gewalt zu entführen. Ich selbst gehe jetzt, um dieses Schreckliche ihr anzuzeigen."
Forster streckte beschwörend die zitternden Hände empor.


