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Eisenbahnnetz eingeschlossen ist und in welchem auch das Canalsystem "sich noch zu wenig entwickelt hat, wären da diejenigen Gegenden zu bevorzugen, in denen Frost und "Schnee mindestens drei Monate des Jahres hindurch die Herrschaft haben. Diese Zeit genügt vollständig, um einen erleichterten Ver- kehr zu gestatten, denn Schnee und Frost setzen den Holzhändler in den Stand, seine Masten, Stangen, Bauhölzer, Pfosten, Faßdauben u. s. w. aus den Wäldern zum Weitertransport an die Flüsse zu schaffen und der Farmer hat gewöhnlich allen Grund, sich eine Gegend zu wählen, in deren Nähe dergleichen Holzhändler ihre Geschäfte treiben, weil dieselben fast die bedeutendsten Consumenten beinahe aller landwirthschaftlichen Erzeugnisse sind. Die ungeheuere Anzahl von Pferden und Ochsen, die sie in Bewegung setzen, so lange Schnee liegt, führt zu einem ausgedehnten Bedarf an Heu, Getreide u. s. w., was der Farmer nicht mehr in die Wälder schaffen kann, wenn Schnee und Eis verschwunden sind, weil es nur in seltenen Fällen Straßen giebt, auf denen Räderfuhrwerke dahin gelangen können.
Was den Sommer anbetrifft, so ist derselbe in Canada — wie schon oben angedeutet — im Allgemeinen heiß und trocken; es vergehen in vielen Distrikten oft vier bis fünf Wochen, ohne daß ein Tropfen Regen fällt, ja, es hat Sommer gegeben, in denen durch volle sechs Wochen hindurch kein Regen fiel. Diese anhaltende Trockenheit ergiebt speciell für den canadischen Landwirth natürlich mancherlei Unzuträglichkeiten und Nachtheile, die aber durch die Vortheile, welche ein derartiges Klima anderseitig bietet, mehr als ausgewogen werden.
Soviel über die klimatologischen Verhältnisse Canadas. Was nun dessen Producte anbelangt, so ist vor allem sein schier unermeßlicher Reichthum an Brenn-, Nutz- und Bauhölzern zu nennen, den die kolossalen Waldungen Canadas sufzuweisen haben. Da giebt es den schwarzen Wallnußbaum, den zähen Hickory, verschiedene Eichenarten, ebenso verschiedene Fichten-, Ulmen- und Ahornarten, unter letzteren namentlich den Zuckerahorn (Acer saccharinum), aus dessen Safte ein köstlicher Zucker hergestellt wird, ferner den Tulpenbaum und den Baumwollenbaum, die Birke, den Kastanienbaum, die rothe und die weiße Buche, die Pechtanne, die Schierlingstanne, die schwarze Tanne, die Balfamtanne, den Lärchen- bäum, die weiße Geber, den Sassafras, den wilden Vogelkirschenbaum und noch so manche andere Arten von Laub, wie von Nadelbäumen und all' das Holz dieser Bäume findet in der verschiedensten Weise seine Verwendung.
Auch an Mineralien besitzt Canada große Reich- thümer, die zum Theil noch unerschlossen sind; namentlich finden sich ausgedehnte Eisen- und Kupfererz-Lager, dann auch Nickel und Blei vor und am Gilbertflusse, bei Modoc u. s. w. wird sogar Gold gegraben, doch ist die Ausbeute nur gering. Der Ackerbau ist nicht unbeträchtlich; Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, überhaupt die Culturgewächse des
mittleren Europas werden überall — natürlich von dem unwirthlichen Nordwesten abgesehen — mit Er- folg gebaut. Auch Mais, Hopfen, Tabak, kommen in den südlicheren Landestheilen gut fort, in Ober- Canada gedeihen alle Obstarten und hat man hier vorzügliche Aprikosen und Pfirsiche; in Unter-Canada dagegen kommen nur Aepfel und Pflaumen fort. Melonen, Kürbisse und Tomaten (Liebesäpfel) erreichen in Canada eine beträchtliche Größe und trägt jedenfalls zum Gedeihen speciell dieser Früchte, die Gleichmäßigkeit des canadischen Klimas das ihrige bei.
Von jagdbaren Thieren finden sich in Canada Elenthiere, Hirsche und Bären, noch in großer Anzahl vor, ebenso Wölfe, namentlich in den nördlichen Districten, sowie Füchse und verschiedene Wieselarten; der Büffel ist dagegen nahezu ausgerottet und auch Biber und Ottern, die sich früher in den canadischen Gewässern so zahlreich Herumlummelten, sind jetzt seltener geworden, während letztere dafür von schmackhaften Fischen wimmeln.
Wir haben noch nicht von den Bewohnern Canadas gesprochen. Dieselben gehören theils noch zu den Resten der mehr und mehr dahin schmelzenden Jndianerstämme (Odschibwä, Mississaga, Mohawk u. s. w.), theils sind sie französischen Ursprungs, theils aus Großbritannien, Deutschland u. s. w. eingewandert. Am merkmürdigsten sind die Canadier französischen Bluts, Nachkommen von zumeist aus der Normandie herübergekommenen Ansiedlern, die längs der beiden Ufer des Lorenzostromes wohnen. Diese französischen Canadier haben trotz der langen Zeit und trotz vielfacher Berührungen mit den andern Bevölkerungselementen sich in Character und Gewohnheiten ihre ganze Eigenthümlichkeit zu bewahren gewußt. Sie werden noch heute als anspruchslos, frugal, ehrlich, industriös, höflich, gefällig und sehr gastfrei geschildert und dieser Schilderung entsprechen auch ganz die Characterzeichnungen, welche z. B. Aimard von den canadischen Trappern und Waldläufern französischer Abstammung giebt. Die Zahl dieser französischen Canadier belief sich nach dem Census vom Jahre 1880 auf 1,140,000; sie bilden also die relativ am stärksten vertretene Nationalität, dann kommen ca. 900,000 Irländer, 770,000 Engländer, 600,000 Schotten, 230,000 Deutsche, 35,000 Holländer u. s. w. Die Zahl der Indianer wurde 1881 .auf 103,000 geschätzt, während sie sich noch 1871 auf ca. 120,000 belief — ein sprechender Beweis für den Untergang der rotljen Rasse auch in Canada.
An diese allgemeinen Schilderungen wollen wir noch einige specielle Winke für Auswanderer knüpfen, da, wie schon Eingangs dieser Darstellung erwähnt, Canada mit Recht für Auswanderer nach der westlichen Hemisphäre mehr und mehr in Frage kommt. Diejenigen Handwerker, die in Canada am meisten I begehrt werden, sind Maurer, Zimmerleute, Bautischler, Kunsttischler, Wagner, Stellmacher, Schmiede, I Klempner, Küfer, Schuhmacher, Schneider und Gießer. | Sie alle werden sehr gut bezahlt, während die


