Ausgabe 
28.10.1886
 
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Aufsehen erregt und war es daher nicht zu ver­wundern, daß schon mehrere Tage vor der betreffenden Verhandlung kein Tribünenbillet mehr zu erhalten war. Nach Erledigung der nothwendigen Vorfragen erschien die schöne Lehrerssrau. Aber wie an ihm so hatte auch an ihr das unverschuldete Geschick ge­arbeitet. Die schwarze Einrahmung des Gesichts hatte einer grauen Färbung Platz gemacht und die kühngeschnittenen, von Lebenslust früher strotzenden Lippen zuckten in convulsioischen Aufeinanderpreffen, al» sie sich vor dem Gerichtshof sah und mit ihrem bleichen Antlitz dieselbe Gesellschaft musterte, welche vor kaum Jahresfrist auf einen Jndicienbeweis hin ihrSchuldig" gesprochen.

Die Vcster hatte zwar hartnäckig geleugnet und selbst bei dem Vorzeichen des Hammers aufs heftigste widersprochen, daß derselbe mit ihrem Wissen in ihre Verwahrung gekommen sei. Einzig und allein das Zeugniß des Ministerialsecretärs Helmding und die zu P otocoll genommenen Aussagen des vom irdischen Schauplatz abgetretenen Wirths Horn ver­mochten die Schuld der Angeklagten klar zu stellen und da durch das starre Leugnen jeder Milderunzs­grund ausgeschloffen war, so verurtheilte der Ge­richtshof die Bester zu lebenslänglichem Zuchthaus.

Würden die Behörden nicht alle Vorkehrungen zum Schutze der Verurtheilten getroffen haben, man würde sie in Stücke geriffen haben.

Der Präsident recapitulirte kurz den Vorgang der Geschworenen und diese hoben durch ihren Wahr­spruch ihren früher gefällten wieder auf.

Frei, frei!" tönte es aus Hunderten von Kehlen von den Tribünen, als der Präsident das letzte Wort gesprochen.

Frei, frei!" jubelte es aber auch aus einer Mmschenkehle von dem Corridor her, und herein stürzte ein junger Mann.Meine unglückliche Alice! Mein theures Weib!^

Weffen Auge hätte bei den stürmischem Um­armungen der beiden Wiedervereinten trocken bleiben können?

Auf der Straße empfingen die Mengen der aus Hallberg Erschienenen die Glücklichen und führten sie im Triumph davon.

* * *

Wer würde heute in dem decorirten großherzog­lichen Archivar und Hofrath Kirchner den früheren Lehrer Kirchner wiedererkennen, wenn nicht das schnee­weiss Haar der jungen Frau Hofräthin von den einstigen Erlebniflen erzählte.

Kanada.

Schon seit einigen Jahren ergießt sich der Strom der europäischen Auswanderer nicht mehr in der­selben Stärke, wie früher, über die nordamerikanische Union, die doch durch viele Jahrzehnte als das eigentliche gelobte Land derEuropamüden" galt.

Die Gründe, welche bei dieser Abnahme der Ein­wanderung in das Gebiet der großen amerikanischen Bundesrepublik maßgebend sind, wollen wir hierbei nicht weiter untersuchen, jedenfalls ist es eine statistisch nachgewiesene Thatsache, daß jetzt auch andere Länder des amerikanischen Kontinents für die Auswanderer mehr und mehr in den Vordergrund treten, und wie dies im Süden des Welttheiles besonders mit der argentinischen Republick der Fall ist, so gilt dies im Norden von Canada, und glauben wir deshalb, daß einige speciellere Angaben über dasLand der Pelze", wie es ein französischer Schriftsteller genannt hat, nicht ohne Interesse fein dürsten, zumal da das englische Nordamerika auch jetzt noch in Deutschland verhältnißmäßig wenig bekannt ist.

Canada liegt bekanntlich nördlich vom Territorium der Vereinigten Staaten und erstreckt sich über zwölf Breitengrade, in seiner Gesammtheit ein Gebiet von 165,000 Quadratmeilen umfassend, welcher unge­heuere Flächenraum aber nur von etwa 4,300,000 Menschen nach dem Census von 1881 bewohnt ist. Diese große, poli isch nur lose mit dem eng­lischen Mutterlande zusammenhängende Colonie zer­fällt in die Provinzen Ontario, Quebeck, Neu-Braun­schweig, Neu-Schottland, Prinz Evwardsinsel, Mani­toba und Britisch-Columbia; diese sieben Provinzen bilden zusammen mit dem rauhen und daher äußerst dünn besiedelten, 138,000 Quadratmeilen großen Nordwestgebiete die britische Conföderation von Nordamerika, während die fast 2000 Quadratmeilen große Insel Neufundland gesondert dasteht. Es ist klar, daß das Klima in einer so ungeheueren Ländermasse, die sich von Osten nach Westen in der Breite von ungefähr 190 geographischen Meilen erstreckt, bedeutende Verschiedenheiten aufzuweisen hat; int Allgemeinen kann man aber sagen, daß das Klima von Canada im Ganzen gesund und trocken ist und sich, namentlich im Innern, durch heiße Sommer und strenge Winter besonders characteristrt. lieber diesen canadischen Winter ist in Europa viel gefabelt worden, und man hat das nördliche Canada mit dem nördlichen Sibirien und mit Grönland in dieser Beziehung in einen Topf geworfen. Nun, so schlimm ist es mit der canadischen Kälte doch nicht bestellt, sreilich erreicht sie eine gegen die europäischen Winter bedeutende Höhe, aber sie läßt sich trotzdem ganz gut aushalten, wenigstens verursacht sie keine wirkliche Unbequemlichkeit. Gegen die Kälte kann man sich stet» schützen und der canadische Farmer in seiner Büffiljacke mit einem tüchtigen Pelze dar­über macht den ganzen Winter hindurch lustig seine Schlittenparthieen. Uebrigens liegt in der canadischen Kälte etwas, man möchte sagen, Erheiterndes und Anregendes, und wer die Klarheit, den wolkenlosen Glanz der winterlichen Atmosphäre Kanadas einmal kennen gelernt hat, der befreundet sich damit auf die Dauer.

Wer sich in Kanada anzustedeln wünscht, kann das Klima wählen, welches ihm zusagt. In dem Theile des Landes, der noch nicht in das canadische