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„Macht das mit dem Ortsschulzrn au», der wird Euch die Sache schwarz auf weiß beweisen."
„Und wovon wollt Ihr hier leben?" fragte der Förster. „Daß man Euch scharf auf die Finger sehen wird, dürft Ihr erwarten; überhaupt liegen au» früherer Zeit noch Geschichten vor, die jetzt wieder zur Sprache kommen könnten."
„Damit jagt Ihr mir keinen Schrecken ein", erwiderte der rothe Fritz höhnisch. „Das ist Alles längst verjährt — " ,
„Nicht Alle»! Gleich nach Eurem Verschwinden hat man hier im Walde eine Leiche gefunden —"
„Kommt Ihr mir jetzt noch mit diesem Unsinn?" Ich bin deshalb schon im Verhör gewesen, und hätte man mir irgend Etwas am Zeuge flicken können, so würde man es gern gethan haben."
„Die Leiche war beraubt!"
„So? Dann sucht den Räuber anderswo. Wenn ich reden wollte, dann kämen andere Leute in Ver- dacht, Leute, von denen man es nicht glauben würde. Wie nennt Ihr es, wenn eine Leiche spurlos verschwindet?"
Die Blicke Aller ruhten voll Bestürzung auf dem Vagabund, der mit gelassener Ruhe sein Glas wieder füllte.
„Was fall das heißen?" fragte der Wirth.
„Seid Ihr nicht ein Schwiegersohn des Oberförster» von Reizenstein?" antwortete Keller. „Ich meine wenigstens, man hätte mir das gesagt —"
„Ja wohl, ich bin'»! Wie gehört die Frage hierher?"
„Und der alte Herr befindet sich noch wohl?"
„Er leidet schwer an der Gicht."
„Es könnte ihn noch ein schwereres Leiden treffen!"
„Hassen Sie ihn so glühend?" fragte Marie. „Wenn Sw ihm eine Bestrafung verdanken, so hat er nur seine Amtspflicht erfüllt, das sollten Sie bedenken."
„Bah, das hab' ich ihm nicht nachgetragen. Ich sage nur, man soll mich in Ruhe lassen, sonst könnte ich Dinge erzählen, die Manchem unangenehm wären."
„Was ist's mit dem Verschwinden der Leiche?" fragte der Förster rauh. „Heraus mit der Sprache; mit halben Andeutungen die Leute zu verdächtigen, ist Kinderspiel, aber der Teufel soll solche Verleumder holen."
„Dann mag er mit Euch den Anfang machen", erwiderte der rothe Fritz, der seine Ruhe nicht verlor; „ich spreche nur dann, wenn ich dazu gezwungen werde."
„Das klingt sehr geheimnißvoll", spottete der Wirth; „aber denkt nicht, daß ich Euch nur einen Groschen für Eure Geheimnisse zahlen werde."
(Fortsetzung folgt.)
Wetrogene Wetrüger.
Novellette von M. §eint;
(Fortsetzung).
Zweites Capitel.
Die Familie des Gutsbesitzers Merber war im Wohnzimmer versammelt. Draußen plätscherte der Regen herab und machte, wie schon seit einigen Tagen, die Erntearbeit unmöglich. Herr Merber hatte daher angefangen, sich in die heutige Zeitung zu vertiefen, durfte sich dieses Genusses jedoch nicht ungestört erfreuen; denn hinter ihm stand sein elfjähriger Sohn Karl und las ihm über die Schulter, wenn man stoßweises, lautes Aussprechen jeder einzelnen Silbe lesen nennen kann, vor ihm aber hatte der achtjährige Ernst Posto gefaßt und schlug nach den auf der Rückseite des Blattes abgebildeten Kühen und springenden Pferden mit der Peitsche.
Schüchterne Versuche Vater Merbers, der Knaben Aufmerksamkeit auf ihre beiden andern Brüder zu lenken, von denen der Eine den Andern auf den Schultern sitzen hatte und galoppirend mit lautem „Hu hu hü!" in der Stube umhertrug, hatten stets ein mißbilligendes Räuspern seiner Gemahlin zur Folge. Frau Merber, eine behäbige Dame, in der Mitte der Vierziger, verfolgte die Belustigungen ihrer Sprößlinge mit mütterlichem Wohlwollen, bis plötzlich Herr Merber junior dem Sopha der Mama zu nahe kam, über ihre Fußbank stolperte und ihren jüngsten Liebling etwas unsanft zu ihren Füßen rollen ließ, worüber sich natürlich ein große» und allgemeines Lamento erhob.
Die Einzige, die nicht einstimmte, war Fräulein Fanny Merber, sie saß etwas abseits an einem mit Schreibmaterialien und Büchern bedeckten Tische, ihr Hündchen neben sich, das die Gewohnheit hatte, die Vorderpfoten auf die Tischplatte zu stützen und den Kopf liebenswürdig auf eine Seite zu legen, weshalb sie ihm den Namen „Commis" gegeben hatte.
Fanny hatte den Kopf in die Hand gelehnt,, daß die Locken sich um ihre weißen, schlanken Finger ringelten, und die lang bewimperten Augenlider sinnend niedergeschlagen. Um ihre frischrothen Lippen spielte ein schalkhaftes Lächeln. Dachte sie daran, weil sie vor wenigen Tagen im festlichen Saal getanzt, wie sie auf bewundernde Augen getroffen, wohin sie geblickt? Dachte das schöne Mädchen an den großen, stattlichen Herrn, dessen Arm sie so fest umschlungen, der in nicht undeutlichen Ausdrücken darauf hingewiesen, daß es nicht unmöglich sei, Fesseln, die man gezwungen auf sich genommen, wieder abzustreifen? Oder dachte sie an den andern, den kleinen, schmächtigen jungen Mann mit dem feinen Gesicht, dem mädchenhaft sanften Ausdruck, der so feurig davon gesprochen, daß Hindernisse, welche die ganze Welt schrecken könnten, vor der wahren Liebe in Nichts zusammensinken? O, e» war doch ein schöner, schöner Abend gewesen.


