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„Da siehst Du's nun wieder, Bernhard, was Deine stete Nachlässigkeit gegen die Kinder zu Folge hat!" klagte Frau Merber. „Sie könnten Dir auf den Kopf steigen, Du würdest ihnen nicht ein Wort sagen, und die ganze Last der Erziehung liegt immer auf meinen Schultern. Eugen, mein Kind, hast Du Dir sehr wehe gethan? — Geht mir aus den Augen, ihr großen Taugenichtse, ihr werdet noch einmal Euren kleinen Bruder todtschlagen und Eure Mutter ins Grab bringen."
„Wollte Gott, der Hauslehrer wäre erst hier", seufzte Herr Merber, seitwärts nach seiner Gattin schielend, ob sie ihn noch ansehe, oder ob er schon wagen dürfe, sich wieder seiner Lektüre zuzuwenden.
„Damit Du vollends Deine Vaterpflichten von Dir schieben könntest, nicht wahr?" rief Frau Merber und hätte wahrscheinlich dem gutmüthigen Gatten noch eine lange Strafpredigt gehalten, wäre indessen ihre Aufmerksamkeit nicht auf die schnöde fortgewiesenen drei ältesten Knaben gelenkt worden, die sich zu trösten suchten, indem sie den Ball gegen den Spiegel schlugen und in Papa's Hut auffingen.
Noch suchte die verzweifelnde Mutter nach einem Wort, das die Größe ihrer Leiden erschöpfend aus« drückte, als Käthe, die alte Wirthfchafterin, den Kopf durch die Thürfpalte steckte und meldete: Es fei ein Mensch da, der sich an Stelle des weggelaufenen Kutschers vermiethen wolle.
„Wie sieht er aus?" fragte Frau Merber, be« vor ihr Gatte noch den Mund geöffnet. „Wenn er ein Bummler ist, wie der Vorige, so danken wir für ihn.
„Er sagt, er trinke nie einen Tropfen", berichtete Käthe, die sich bemüßigt gefühlt hatte, den Ankömmling gleich vor der Thür einem gründlichen Examen zu unterwerfen.
„Laß ihn hereinkommen", sagte Herr Merber. „Wir brauchen so nöthig einen anderen Kutscher", wandte er sich entschuldigend an seine Gattin, „Du weißt, wir müffen noch Nachmittags zur Stadt schicken —"
„Guten Tag!" sagte der Eintretende.
Beim Klang dieser Stimme erhob Fanny schnell den Kopf, aber da der ihr gegenüber befindliche Spiegel voll und groß die hohe Gestalt des zukünftigen Kutschers zeigte, hatte sie nicht einmal nöthig, sich umzusehen.
„Wie heißen Sie?" fragte der Hausherr.
„Anton Schulze, mein Herr.
Anton Schulze hatte offenbar noch nicht oft herrschaftliche Zimmer betreten, denn er blieb, verlegen seine Mütze in den Händen drehend, dicht an der Thür stehen und musterte, den linken Fuß vorgesetzt, den Oberkörper nach rechts übergebeugt, welche Stellung er wahrscheinlich für bescheiden hielt, mit naivem Erstaunen die Gegenstände um sich her, und dabei ruhte sein Blick einige Zeit auf dem Spiegelbilds des eifrig schreibenden Fräuleins. — Hoffent
lich waren seine Verdienste über seinen bisherigen Lohn erhaben gewesen, denn sonst hätte die gar so armselige Kleidung ein ungünstiges Zeugniß für ihn abgelegt ; der Regen und die aufgeweichten Wege hatten ihn vollends in einen erbarmungswürdigen Zustand versetzt, aber zu leugnen war nicht, daß der weiße Hemdkragen, das lose geschlungene Halstuch ihm nicht übel standen.
„Verstehen Sie mit Pferden umzugehen?" fragte der Hausherr.
„Leben Sie solide, und kann man sicher sein, daß Sie sich nicht betrinken, wie Ihr Vorgänger?" fügte Frau Merber hinzu.
Die Antwort auf beide Fragen lautete zufriedenstellend, und Schulze hob noch besonders hervor, daß er sich das Schicksal seines Collegen als Warnung dienen lassen werde, dev ihm unter Thränen der Reue geklagt, welche gute Herrschaft er verloren. Er hielt es für seine Pflicht, dem armen Menschen, an dessen gestriger folgenschwerer Trunkenheit er sich nicht ganz unschuldig wissen mochte, dereinst wieder zur gnädigen Aufnahme zu verhelfen.
„Haben Sie Zeugnisse?"
Schulze beförderte ein schmutziges, zerknittertes Papier aus der Westentasche und reichte, es ehrfurchtsvoll betrachtend, dasselbe zwischen den Fingerspitzen dem Hausherrn.
„Also in der Residenz ist Ihre erste Stelle gewesen! Aber werden Sie sich dann auch in die ländlichen Verhältnisse finden können?"
„Ich hoffe, den Herrn und die gnädige Frau zufriedenzustellen. Nur hätte ich eine kleine Bitte."
„Nun?"
„Ich möchte nicht mit den andern Dienstleuten zusammenschlafen."
Herr Merber glaubte schon seine Hoffnung, hier einen geeigneten Ersatz zu finden, würde in den Brunnen fallen, denn wie würde seine Gattin jemals in diese Anmaßung willigen? Aber zu seinem Erstaunen sagte Frau Merber ganz freundlich:
„Gut, es soll damit sein, wie sie wünschen."
„Halten Sie denn die Pferde bereit, wir wollen noch diesen Nachmittag ausfahren", sagte Herr Merber, als man über die näheren Bedingungen einig geworden. Nachdem der Kutscher zögernd das Zimmer verlassen, wandte er sich ängstlich an seine Gattin.
„Was meinst Du, liebe Elise?"
„Er hat offenbar einmal in besseren Verhältnissen gelebt, der arme Mensch" sagte Frau Merber lebhaft, „es wundert mich, daß Du ihm das nicht gleicht ansahst, aber Dein Scharfblick war nie besonders. Ein gebildeter Mmsch ist er gewiß, wer weiß in welchen vornehmen Häusern er gelebt hat! Und den wolltest Du mit unfern Knechten zusammenstecken? Es wundert mich, wie Du auch nur einen Augenblick so unvernünftig sein konntest, lieber Bernhard!"
(Fortsetzung folgt).
Rebactton: A. Scheyba. — Druck unb Verlag bet Brühl'schm Druckerei (Fr. Lhr. Pietsch) in Bieben.


