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„Die alte Geschichte", erwiderte Hans empört. „Der Lump meint, mir befehlen zu können, und wenn er dazu auch eine gewisse Berechtigung hat, so brauche ich mir doch seine Sottisen nicht gefallen zu lasten."
„Ich bitte Dich, halte Frieden", sagte der Wirth in eindringlichem Tone; „er ist nun einmal Dein Vorgesetzter —"
„Der Vater soll beantragen, daß dieser Mann versetzt wird!"
„Dein Vater hat genug mit sich selbst zu schaffen, belästige ihn doch nicht mit solchen Mißhelligkeiten. Man muß sich im Leben Manches gefallen lasten, Hans, und schließlich kann man sich in Alles finden, wenn man nur den rechten Willen dazu hat. Ein unangenehmer Patron ist der Förster, aber —"
„Laß mich gehen", unterbrach der junge Mann ihn barsch, „ich will mit ihm Nichts mehr zu schaffen haben. Nehmen diese Beleidigungen nicht bald ein Ende, dann gibt'« noch ein Unglück."
„Sei vernünftig, Hans!"
„Ich bin's; ich habe Geduld genug bewiesen, und ich lehne jede Verantwortung ab, wenn ich zum Aeußersten gereizt werde. Gute Nacht!"
Verstimmt trat der Wirth in das Schankzimmer. Seine Frau war eben damit beschäftigt, die Hängelampe anzuzünden. Mit triumphirender Miene blickte der Förster ihr zu.
„Ich muß Sie ernstlich ersuchen, in meinem Hause jeden Wortstreit zu vermeiden", sagte der Wirth in ernstem, entschiedenem Tone. „Wenn Sie auch auf meine Frau und mich keine Rücksicht nehmen wollen, so sollte doch die Gegenwart eines Fremden —"
„Bah, wer ist diese Vogelscheuche mit der blauen Brille und der Löwenmähne!" unterbrach Hellmuth ihn höhnisch. „Oberst nennt er sich; ich möchte eher glauben, daß er ein Bauernfänger aus der Residenz ist."
„Mag er sein, wer er will, augenblicklich ist er mein Gast", fuhr der Wirth auf, „und wer meine Gäste beleidigt, der beleidigt auch mich. Ich denke, Sie werden verstehen, was ich damit sagen will."
„Wollen Sie mir dar Haus verbieten?"
„Wenn mein Jntereffe das erfordert, werde ich 'mich nicht lange bedenken. Was hat Ihnen mein Schwager gethan, daß Sie ihm das Leben noch mehr verbittern wollen? Sie wissen, daß er nicht aus freiem Willen Forstmann geworden ist; darauf sollten Sie Rücksicht nehmen."
„Nimmt man etwa auch auf mich Rücksicht?" spottete Hellmuth.
„Wenn Sie es thun, werden Andere es auch thun. Sie hofften, nach dem Abgang meines Schwiegervaters Oberförster zu werden; ich könnte Ihnen da auch noch manchen Stein in den Weg legen, und wie Sie sich meiner Familie gegenüberstellen, so —"
„Was sollen die Drohungen?" fiel der Förster ihm barsch in die Rede. „Wenn ich meine Pflicht erfülle, so kann mir ein Verleumder Nichts anhaben.
Will Ihr Schwager sein Amt nicht treu und gewissenhaft versehen, so soll er die Uniform an den Nagel hängen; so lange er sie trägt, verlange ich von ihm Gehorsam und Pflichterfüllung. Darin muß mir jeder vernünftig denkender Mensch Recht geben!"
„Mit höflichen Worten kann man das auch erreichen", erwiderte der Wirth.
„Ich hab'« versucht und keinen Erfolg gesehen, und statt mir Vorwürfe zu mach n, thäten Sie bester, Ihrem Schwager in's Gewissen zu reden; der alte Herr ärgert sich jeden Tag über ihn."
„Wer weiß, was Alles ihm hinterbracht wird!" sagte Marie, ihm einen zürnenden Blick zuwerfend.
Die Thür wurde in diesem Augenblick geöffnet. Fritz Keller erschien auf der Schwelle des Zimmers.
„Guten Abend mitsammen", sagte er, sichtbar erstaunt, „hier ist'S ja auch anders geworden I Anders und besser", fügte er hinzu, während er seinen Hut an die Wand hing; „zwar hätte ich den alten Fahne gern noch einmal gesehen, aber daß ich hier Alle wiederfinden würde, konnte ich nicht erwarten."
Er blickte sich um und lächelte höhnisch, al« sein Blick auf das finstere Gesicht des Försters fiel.
„Was wollt Ihr hier?" fragte der Wirth unfreundlich.
„Was will man, wenn man in ein Wirthrhaus kommt?" erwiderte der rothe Fritz spöttisch. „Trinken ! Gebt mir ein Glas Wein, bezahlen kann ich's."
„Geht in die Stube drüben, hier ist das Herren« zimmer!"
„Drüben war ich schon, es ist Niemand da, und hier genire ich wohl auch nicht."
Auf der Stirne de« Wirths schwollen die Adern an. Der Förster bemerkte e»; sein lauernder Blick ruhte bald auf diesem, bald auf dem Vagabunden.
„Mich genirt er nicht", sagte er, „im Gegen« theil, es wäre mir interessant, zu erfahren, was ihn hierher zurückgeführt hat. Seide habt Ihr drüben wohl nicht gesponnen?"
„Es giebt drüben keine Seidenwürmer", ant« wartete Keller lakonisch.
„Auch kein Wild?< .
„Nur Bären und Büffel!"
„Kann mir denken, daß die Jagd auf solche Bestien Euch nicht behagte", spottete der Förster; „sie ist zu gefährlich."
Der Wirth hatte einen Schoppen Wein geholt, er stellte ihn vor den rothen Fritz hin.
„Es geschieht ausnahmsweise", sagte er; „das nächste Mal geht Ihr drüben hin. Also weshalb seid Ihr zurückgekommen? Daß Ihr hier keine offenen Arme findet, mußtet Ihr doch wissen."
„Ich will mein Erbe in Empfang nehmen", erwiderte Keller achselzuckend. „Etwas wird meine Tante doch hinterlassen haben!"
„Die alte Mayering? Was die hinterlassen hat, reichte gerade aus, um sie zu beerdigen."
„Dann werden wohl andere Leute ihre Hände in dem Nachlaß gewaschen haben!"


