Ausgabe 
27.3.1886
 
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nöthigt war, sich noch weiter mit ihm einzulassen. Dar erwog Duprat bei sich, als er ihn noch weiter heimlich beobachtete. Er bekam förmlich Angst vor diesem Menschen. (Fortsetzung folgt.)

Amerikanische AerzLe.

(Schluß.)

Aber wie ging es mit den Patienten?"

Schon am Abend des ersten Tages kamen zwei, die offenbar an verdorbenem Magen laborirten; ich gebe ihnen eine unzweifelhaft genügende Dosis Rici- nusöl aus meinerApotheke", die hier jeder Arzt besitzt und der eine der alsbald Curirten empfahl mich nachher noch recht angelegentlich in seinem Club. Kurz nachher wurde ich zu einer vornehmen Wöchnerin gerufen. Dabei war mir indessen doch nicht ganz geheuer und ich sann auf Ausreden, wie ich an dieser gefährlichen Klippe vorbeikommen konnte, denn meine späteren Studien in Büchern hatte ich noch nicht gemacht. Da der Diener mich sofort mitnehmen sollte, so war kaum eine Ent­schuldigung möglich und schweren Herzens machte ich mich auf den Weg, um wenigstens noch eine Heb» amme mitzunehmen, aber denken Sie sich das fabel­hafte Glück, wir waren kaum auf der Straße, so meldete ein zweiter Bote, die Patientin sei in­zwischen gestorben. Nun eilte ich hin und versicherte, daß ich die Dahingeschiedene ganz gewiß gerettet haben würde, und richtig verbreitete sich schon den nächsten Tag das Gerücht, der Todesfall bei Mister Parker sei nur dadurch gekommen, daß man mich zu spät gerufen habe. Mein Ruf war schon begründet, ohne daß ich eigentlich schon 'was gethan hatte, aber ich vermehrte doch alsbald meine Apotheke, las mehrere Bücher und inserirte fleißig. Jeden Armen kurirte ich gratis mit Purgativen, denn das ist das große Geheimniß der Medicin. Nach einigen Monaten hatte ich eine Praxis, daß ich mir nach­träglich mehrere Diplome verschaffen konnte. Aber plötzlich hatte ich Unglück. In mehreren vornehmen Familien starben mir die Patienten unter den Händen weg, einmal riskirte ich eine kleine Operation und da werde ich etwas zu tief geschnitten haben. Ein andermal verschrieb ich einer jungen Miß eine Dosis, von deren Wirkung ich damals noch keine genaue Vorstellung hatte; leider werde ich die Kranke wohl damit vergiftet haben und so passirten mir noch einige Fälle kurz nach einander. Ich war eben schon zu kühn geworden und eines Tages erschienen in den Zeitungen boshafte Inserate,. als sei ich ein großer indianischer Medicinmann. Ein Artikel stellte mich sogar als den Würgengel des neuen Testa­mentes dar und schon wollte sich der Sheriff für mich interesstren, als ich auf einem Ausfluge die Familie meiner jetzigen Frau kennen lernte, mit der ich sehr rasch vertraut wurde. Mein jetziger Schwieger­

vater war Pastor, mein Schwager Sargfabrikant, und meine Frau hatte in Philadelphia Mediein studirt. Schoner konnte ich es gar nicht treffen und es war mir sofort klar, daß mein Hell gefunden sei. Möglichst rasch wurde die Hochzeit betrieben und inzwischen siedelte ich hierher über, wo ich nun besonders Magenkrankheiten beseitige und für Ver­wundungen nicht zu Hause bin, während meine 9ton für Geburtshülfe eine besondere Passion hat. Ich brachte einen ausgezeichneten Rus mit und meine Feinde in Chicago galten als Neider. Ich gedenke jetzt noch eine große Droguerie einzurichten und da­mit Gott besohlen."

Mit diesen Worten schloß meines Landsmannes Lebensgeschichte. Mir selbst war diese Carriöre denn doch zu gewagt, aber seiner Empfehlung verdankte ich bald einen andern Posten und reiste dann ab. Mehrere Jahre lang hörte ich nichts von ihm. Eines Tages führte mich eine Geschäftsreise über Louisville und auf einem Spaziergange durch die Stadt sah ich mit Verwunderung eine Anzahl von Häusern, Bäumen und die Trottoirs mit großen farbigen Zetteln beklebt, worauf zu lesen war: Auf allgemeinen Wunsch sei aus Boston der berühmte Arzt Dr. gekommen und habe auf dem Markte im Hotel So und so sein Domicil aufgefchlagen, um Lungenleiden, Gallensieber, Schwindsucht, Band­würmer und alle übrigen Krankheiten zu heilen, welche von den Aerzten schon aufgegeben seien. Auf dem Markte gab es ein förmliches Gewühl von Wagen und Sänften und mit vergnügten Gesichtern schauten 5 oder 6 der bekanntesten Aerzte diesem Treiben zu. Dursten sie ja doch sicher sein, daß nun doch nicht sie selbst die Schuld zu tragen brauchten, wenn man in Kurzem die von ihnen auf- gegebenen Patienten hinaustrug, während es für den freniden Retter schon nach wenigen Tagen Zeit sein maßte, wieder zu verschwinden. Dieser selbst, dem offenbar ein ganzes Rudel Agenten zu Gebote stand, hatte seine Kuren aber auch nicht auf lange Dauer berechnet, denn an seinem Hotel klebte ein, eine ganze Etage hohes Plakat, auf dem ich las: Kommt Ihr Unglücklichen, die Ihr von Pfuschern um Ge­sundheit und Geld betrogen seid, hier ist Rettung! Kommt selbst oder schickt euer Wasser, woraus ich Eure Leiden ersehen kann, nur einen Dollar für euere Heilung. Werdet Ihr nicht gesund, so be­kommt Ihr Euer Gold zurück, aber ich bin der einzige lebende Arzt, der wirklich helfen kann." Zwei Neger in der Thür schleppten die Kranken förmlich ins Haus. Emen Augenblick nachher ver­nahm ich einen brausenden Jubelruf und auf dem offenen Balkon erblickte ich den Netter der Stadt meinen Landsmann aus Boston- Zwei Tage nachher mar derselbe wie es hieß, nach Kalifornien abgereist. Wie er zu dieser neuen Praxis gekommen, habe ich nie erfahren, jedenfalls aber war es ihm in Boston ähnlich ergangen wie in Chicago.

Dr. Fr. Müller.

Itedacti-n: A- Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schen Aruckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.