Ausgabe 
27.3.1886
 
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stimmt, haben wir einen bedeutenden Schritt vor- s- wärts gsthan."

Neubert bat ihn um eine Erklärung, und Solt- mann ertheilte sie ihm. Wir wiffen, wann und wo er das Stückchen rother Seide gefunden. Es war am Morgen der Visitation des Etwold'schen Hauses; es lag am Eingänge zum Wintergarten.

Wie konnten Sie nur einen so wichtigen Um­stand so ganz ignoriren", sagte Neubert kopfschüttelnd- Dieses Stückchen Seide ist ein untrüglicher Finger' zeig."

Aber ein Fingerzeig ins Leere", entgegnete Soltmann.Er gewinnt erst Bedeutung durch ein Rendezvous, das ich heute Abend belauschte, und ohne welches Ihre Meldung von dem gefundenen Polinnenkostüm keineswegs mich so erregt haben würde, wie sie es gethan."

Und während sie nun weiter schritten, erzählte Soltmann seinem Freunde, was er hinter der Zelt­wand im Cafe belauscht hatte.

Neubert lauschte aufmerksam.

Das ist allerdings ein merkwürdiges Zusammen­treffen von Umständen", sagte er.Ich glaubte es handle sich nur um eine Spur. Aber das ist mehr als das, das ist ein bestimmter Hinweis. Da genügt mir Ihre Beihülfe allein nicht mehr. Jetzt laffe ich den ganzenFuchsbau" aufheben, um in den Besitz des unschätzbaren Bündels zu kommen. Freilich wird das einer großen Polizeimacht be­dürfen, denn das Nest ist vollgepfropft mit zwei­deutigem Gesindel."

Gelegenheit zu einer Razzia", sagte Soltmann. Aber, wo jetzt mitten in der Nacht die Polizeimacht herbekommen?"

Das ist es eben", entgegnete verdrießlich Neubert.Und wir haben auch keinen Augenblick zu verlieren, wenn wir es nicht erleben wollen, daß Schiffer und Bündel inzwischen verschwinden. Einer aber ist ihm nicht gewachsen, der die ganze Bande hinter sich hat. Wir müssen Beide ihn so lange aufhalten, bis die Polizei kommt."

Polizei!" lachte Soltmann.Welche?"

Halt! Wächter da drüben!" rief Neubert einen solchen an. Er eilte sogleich über die Straße und ertheilte dem Anderen einen Auftrag an das nächste Polizeirevier-Büreau.

Kommen Sie, Soltmann!" rief er dann diesem zu.Jetzt einen Wettlauf auf dem Eise!"

Mit hochgeschlagenem Rockkragen, den Kopf ein­gezogen und die Hände in den Taschen, eilten Beide jetzt schweigend über das glatte Straßenpflaster nach demFuchsbau".

Es war ein schmutziger, krummwinkliger Stadt- theil, in den sie jetzt einlenkten. Wenn hier der Schnee die Straßen nicht mit seinem Lichte erhellt hätte, die wenigen, trübe brennenden Lampen hätten es sicher nicht gethan.

Endlich hatten sie die Penne des Vater Christoph erreicht. Sie kamen zum Stillstand.

Was. das Nest so gefährlich macht", flüsterte Neubert,das ist sein großer Umfang und der Umstand, daß es mehrere Zugänge hat, die nach verschiedenen Straßen münden. Dazu nun noch die vielen Fenster! Sie können sich denken, wie schwer es ist, hier alle Oeffnungen zu besetzen. Aber nun hinein! Lassen Sie mich vorangehen."

Beide Beamte erschienen mit möglichst unbe­fangenen Mienen in der unterirdischen Verbrecher­welt. Neubert lenkte sofort seine Schritte nach dem Zimmer, wo er den Kahnführrr gelassen. Als er diesen und in der Ecke das Bündel noch sah, athmete er erleichtert auf. Auch Soltmannn, der ihm zum Tische des Schiffers folgte, gewann bei dem Anblick des Letzteren seine Fassung und Zuversicht wieder.

Einen tödtlichen Schreck aber bekam Duprat, als er die beiden Herren eintreten und so Platz nehmen sah, daß er, ohne von ihnen gesehen zu werden, das Zimmer nicht verlassen konnte.

Er trat seinem Freunde auf den Fuß und be­fragte ihn mit den Augen, ob er jene Beiden kenne.

Der Baron schüttelte verneinend den Kopf.

Duprat nahm hierauf sein Notizbuch hervor, schrieb Etwas hinein, riß das betreffende Blatt heraus und schob es dem Baron über den Tisch zu.

Dieser las zu seiner großen Beunruhigung das Folgende:Zwei gewiegte Kriminalbeamten. Wie kommen wir ungesehen hinaus?"

Dryden griff in seine Westentasche, um ein Blei' stiftstückchen daraus hervor zu nehmen und unauf­fällig eine Antwort zu schreiben.

Unglücklicherweise fegte er dabei mit dem Ellen­bogen das ihm zur Seite liegende Blatt vom Tisch, und da Duprat sich eben wieder zu Riston gewendet hatte und heimlich nach den Beamten hinüber schielte, bemerkte keiner der Drei das Verschwinden des Blattes, bis ein hinter dem Baron sitzender Kerl es diesem mit einem verschmitzten Lächeln wieder über­reichte.

Haben ein Blatt verloren", sagte er. Und sich noch weiter über den Tisch hinneigend, raunte er dem erschreckten Duprat zu:Haben Nichts zu fürchten. Nur sitzen bleiben. Die gehen noch ohne Licht hinaus."

Dann zog sich der Andere, ein Mensch mit ab­stoßend häßlichen Zügen, wieder hinter seinen Tisch zurück. Als Duprat dann nach einem entsetzten Blick auf feinen Freund noch einmal zu ihm hin­über blickte, nickte Jener ihm gemeinvertraulich zu, als wenn sie nun Verbündete wären.

Dem Prokuristen war die Gegenwart dieses Menschen momentan fast unheimlicher als die An­wesenheit der Kriminalbeamten. Jene kannte er nur vom Sehen, und wenn es ihm und Dryden jetzt gelang, unbemerkt zu entkommen hatte er von ihnen auch Nichts weiter zu fürchten. Dagegen konnte dieser Verbrecher unter Umständen sehr lästig und sogar gefährlich werden, zumal wenn man ge-