Stunde. Ich habe auch heitere Erinnerungen, und die werden uns besser über den Abend hinhelfen, als solche düsteren Reminiscenzen, die doch nur Andeutungen sind und Ihnen unverständlich. Von Amerika wollten Sie Manches wissen. Nun, füllen Sie die Gläser, und Sie sollen genug hören, um keine Müdigkeit zn empfinden, so lange ich rede."
Duprat kam dieser Aufforderung bereitwilligst nach. Ristons Geschichte hatte ihn doch gewaltig angeregt, und seine Neugierde ließ ihn hoffen, daß, wenn Jener erst im Zuge sei, er seine Vorsicht ver- geffen und ihm noch etwas mehr von Dem ver- rathen werde, was er gern wissen wollte.
Der Baron secundirte ihm bereitwilligst darin, denn er hoffte, durch Duprat's Mitwirkung sich endlich eines Verbündeten entledigen zu können, der ihm beim Einlenken in ruhigere sicherere Bahnen ver- hängnißvoll werden konnte.
Ahnungslos von den tückischen Gedanken beider Männer, erzählte Riston jetzt von seinen Reisen und Wanderungen, welche ihn über einen großen Theil der alten und neuen Welt geführt hatten. Er hatte sich einen schlechten Erzähler genannt, aber seinem Vortrage mangelte doch nicht Lebendigkeit und jene Wahrheit, welche das wahrhaft Feffelnde bei allen Berichten und Erzählungen ist.
Währenddeffen näherten sich von der inneren Stadt zwei Männer dem „Fuchsbau", welche ebenfalls in einer sehr bewegten Unterhaltung begriffen waren — Soltmann und sein zu ihm gestoßener Freund Neubert. Sie befanden sich noch in dem belebtesten Stadttheil unweit des Cafs's, in welchem sie zusammengetroffen waren.
„Aber nun sagen Sie mir endlich", drängte der Assessor, „was soll ich in dem Teufelsncst da, wo Sie doch wissen, daß der Schwerpunkt meiner kriminalistischen Thätigkeit gerade nach der entgegengesetzten Seite gravitirt. Führen Sie mich in eine Gesellschaft von Cavalieren, und ich will Ihnen als- bald diejenigen bezeichnen, welche eine nähere Bekanntschaft mit mir zu scheuen haben; aber in diesem „Fuchsbau", unter gemeine Räuber und Mörder — ich danke! Und dann werde ich gleich so auffallen, daß sie sich sagen werden, „Der gehört nicht zu uns."
„Sollen sie auch", entgegnete Neubert, „sollen sie auch. Es handelt sich da um eine veritable Kümmel- blättchengesellschaft, bei welcher ich — angeblich ein früherer und wegen Kirchenraubs entlassener Küster — als Schlepper fungire. Den „Pfaffen" nennen Sie mich mit einer versteckten Anspielung darauf, daß auch deren Treiben eitel Heuchelei sei. Sie sind ein Fremder hier und mein Opfer. Sie werden gerupft."
Der Assessor schüttelte unwillig den Kopf.
„Nein, Neubert", sagte er, „so lautet unsere Abmachung nicht. Sie wissen, daß Sie in allen besonderen Fällen auf mich rechnen können; aber wegen einer Bande von Kümmelblättchenspielern lasse ich pfich nicht ausrauben und nicht um meinen Schlaf
146—
bringen. Ich glaubte anfangs, daß es sich um den Mord in der Schwedengaffe handle, sonst wäre ich gar nicht mitgegangen."
„Und glauben Sie denn", eiferte Neubert, „daß ich Sie sonst belästigt haben würde? Natürlich handelt es sich darum."
„Wie, Sie glauben eine Spur gefunden zu haben?"
„Wenigstens einen Anhalt, dessen Folgen noch nicht abzusehen sind."
„Und dieser ist?"
„Theile eine Maskengarderobe, wie man sie in der Mordnacht im Hause des Kommerzienraths gesehen haben könnte."
,,Woher das?"
„Aus dem Fluß."
„Ein Maskenkostüm aus dem Fluß?"
„Zusammengerollt und umschnürt, als wenn es beschwert gewesen und sich losgerissen habe."
„Ein Kahnführer brachte es nach dem „Fuchsbau." Ich witterte gleich einen Zusammenhang und steckte meine Rase dazwischen. Leider hinderte der trunkene Kerl mich und jeden Anderen es genauer zu durchsuchen."
„Ich sagte, er möge es mir überlassen; ich wolle es ihm abkaufen. Er schlug es mir ab, und ich durfte ihn nicht darum bedrängen. Man betrachtet mich schon mit mißtrauischen Blicken, seitdem mehrfach Verbrechen, bei denen ich mitwirkte, zur Kennt- niß der Polizei gekommen, und ich von Strafe immer frei blieb."
„Können Sie mir keinen bestimmten Gegenstand aus der Maskengarderobe bezeichnen?"
„Nun, das Ganze ist in einen schwarzen Domino eingehüllt. Ich sah in dem nassen Wirrwarr nur bei der schlechten Beleuchtung aber so Etwas wie eine weiße Pelzgarnitur, schwarze Lackstiefelchen und eine rothe Maske hervorschimmern."
Soltmann blieb plötzlich stehen und brachte bä» mit auch seinen Freund zum Stillstand.
„Vielleicht ein Polinnenanzug?" rief er.
„Das kann es wohl gewesen sein, obwohl ich keine Bürgschaft dafür übernehme."
„Eine rothseidene Maske? Woran erinnert mich denn Das — hm — eine rothseidene — ha! Ich hab's."
„Was?"
Aber seine Frage blieb unbeantwortet. Soltmann suchte hastig und mit einem Scheine von Angst in seinen verschiedenen Taschen. Plötzlich zuckte es blitzartig auf seinem umdüsterten Antlitz.
„Nun?" drängte Neubert.
„Da — da — da! Was ist Das?" fragte Soltmann erregt.
„Ein Stückchen rother Seide", sagte sein Kollege etwas enttäuscht.
„Rother Seide? Ha! Wenn es nur das wäre! Aber ein Stück von jener Maske ist es, welche Sie i gesehen — das heißt, kann es sein; und wenn Das


