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„So sagen Sie auch nichts, zu Niemanden - Verstanden."
„Ganz wie Sie wünschen."
„Und hier — machen Sie sich einen vergnügten Tag. Das andere werde ich auch nicht vergessen." (Fortsetzung folgt).
Zur Zcheidung der Kaiserin Josephine.
(Schluß.)
Bei diesen Worten brach Napoleon in Thränen aus. „Wie? Ihr wollt mich verlassen?" sprach er. „Ihr, denen ich Vater gewesen? Nein, Ihr werdet dies nicht thun, Ihr bleibt bei mir; das Loos Eurer Kinder verpflichtet Euch schon dazu. Wie schwer auf beiden Seiten ein solches Opfer fallen möge, es muß ganz und mit der vollen Würde, welches die Umstände uns auferlegen, gebracht werden."
Napoleon erklärte hierauf Hortense Alles, was er für ihre Mutter thun wolle, um ihr so wenig wie möglich die Aenderung fühlbar zu machen, welche sich aus der Scheidung ergeben müsse. Paläste, Schlößer, prächtige Einkünfte, sowie die erste Stelle nach der regierenden Kaiserin, sollten Josephinen zugewtesen werden. Die Königin Hortense verließ hierauf Napoleon und begab sich zu ihrer Mutter, welche sie zu trösten versuchte. Die folgende Nacht war sowohl für Napoleon, als für Josephine eine höchst traurige. Constant, der Kammerdiener des Kaisers berichtet, daß sein Herr die ganze Nacht nicht geschlafen habe, aber mehrmals sich selbst nach dem Befinden der Kaiserin erkundigt hätte. „Während der ganzen Nacht sprach Napoleon, den Constant noch niemals so traurig gesehen hatte, kein Wort. Als am nächsten Morgen die Fensterläden geöffnet wurden, lieb Josephine Mademoiselle Avrillon kommen und sprach zu ihr: „Meine Liebe treten Sie an mein Bett, denn ich habe Ihnen viel zu sagen, aber sehen Sie erst, ob die Thüre fest verschlossen ist." Hierauf erzählte Josephine alles am vorigen Tage Vorgefallene, in von Seufzern unterbrochenen Worten. Als die Kaiserin die Bestürzung der Mademoiselle Avrillon wahrnahm, entschuldigte sie Napoleon und sprach: „Er ist untröstlich, weil er sich von mir trennen muß; seine Thränen haben mir es bewiesen, als er mir versicherte, daß dies das schmerzlichste und größte Opfer wäre, welches er Frankreich brächte. Ich fühle es wohl, er braucht einen Erbten seines Ruhmes, ein Kind, das feine Dynastie befestigt. Er hat Hortense versichert, daß er für sie und Eugen stets derselbe bleiben würde, auch will er mich oft in meiner Zurückgezogenheit besuchen. Er schwur mir, daß er mich nie veranlassen wolle, Frankreich zu verlassen. Er erlaubt, daß ich das Schloß Malmaison bewohne. Er will,
daß ich die größte Achtung genieße, und mich auch künftig bedeutender Einkünfte erfreue." — Die gute Kaiserin hatte kein böses Wort für ihren Gatten, war sie doch eher geneigt ihn zu entschuldigen, als ihn anzuklagen. Nach diesem Gespräche mit Mademoiselle Avrillon fand das Lever der Kaiserin, wie alltäglich, statt. Die wenigen Personen, welche um das Geheimniß wußten, wahrten es sorgfältig, so daß man bei Hofe nur hörte, die Kaiserin sei unwohl gewesen, nicht aber, daß sie schon in kurzer Zeit verstoßen werden solle.
Zur Lösung seiner Civilehe hatte der Kaiser den 15. December 1809 bestimmt. An diesem Tage, einem Freitag, versammelte sich um neun Uhr des Abends Napoleon, Josephine, die Könige von Holland, Westphalen und Neapel, die Prinzessin Pauline Borghese, die Königinnen von Spanien,. Holland, Westphalen und Neapel, sowie der Vicekönig Eugen von Italien, der Prinz von Cambacores, Herzog von Parma und Erzkanzler des Reichs und der Graf Regnault de Saint-Jean d'Angsly, Staatsminister und Secretär des kaiserlichen Civilstandes, in dem ersten Stockwerke des Tuilerien-Palastes, in dem großen Saale des Kaisers, nächst dem Thronsaale und der Diana-Galerie. Napoleon verlas stehend und mit thränenden Blicken eine längere Rede, in welcher er die Gründe, die ihn zu dem ebenso peinlichen als nothwendigen Entschlüsse drängten, klar auseinandersetzte und dabei gleichzeitig der trefflichen Eigenschaften der Kaiserin Josephine in warmen Worten gedachte. Josephine, welche schon bei Beginn jener Rede auf das Tiefste erschüttert war, so daß sie an allen Gliedern erbebte, sank fast in Ohnmacht, als der Kaiser die folgenden Worte sprach: „Ich muß hinzufügen, daß ich weit entfernt, mich jemals über meine vielgeliebte Gattin beklagen zu müssen, nur ihre Zärtlichkeit und An- hänglichkeit zu rühmen habe. Sie hat fünfzehn Jahre meines Lebens verschönt, die Erinnerung an dieselben wird ewig in meinem Herzen eingegraben bleiben. Sie ward durch meine Hand gekrönt und ich wünsche, daß sie die Würde und den Titel der Kaiserin bewahre, aber vor Allem möge sie niemals an meinen Gefühlen zweifeln und mich stets für ihren besten und theuersten Freund halten."
Nun sollte die Kaiserin selbst das Wort ergreifen. Sie versuchte dies vergeblich. Sie warf ihre heißen thränenschwere Blicke auf das Papier, welches sie in der Hand hielt, sie wollte lesen, aber Seufzer erstickten ihre Stimme, und da sie ihre heftige Erregung nicht zu meistern vermochte, gab sie das Papier dem Grafen Saint-Jean d'Angsly zurück, welcher an ihrer Stelle die rührende Rede verlas in welcher die Kaiserin in die Trennung ihrer Ehe, willigte und in der sie die politische Seite des von ihr und dem Kaiser gebrachten Opfers noch nachdrücklich hervorhob. Sobald die Lffung der Rede beendigt war, umarmte der Kaiser Josephine und führte sie in ihre Gemächer, woselbst sie halbtodt in ! die Arme ihrer Kinder sank, Die folgende Nacht


