Ausgabe 
27.2.1886
 
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Hichener Jamiüenblätter.

Belletristischer Beiblatt zum Gießener Anzeiger.

Nr. 25 Samstag den 27. Februar. ^*^1886.

Are Katschmünzer.

Lriminal-Roman von Gustav Lössel.

(Fortsetzung).

Diese Worte bezogen sich natürlich auf den Ge­maßregelten. Für das, was jener gegen seinen Prokuristen vorgebracht, hatte der Kommerzienrath jetzt, wo er das überdachte, nur ein mitleidiges Lächeln.

Jonas suchte sein am äußersten Ende der Bureaux gelegenes Privatzimmer auf, wo er in Er­mangelung einer anderen Beschäftigung an den Scheiben trommelte, wobei er, wie er zu sagen pflegte, seine Gedanken Revue passiren ließ.

Plötzlich wurde diese Gedankenparade unter­brochen. Herr Duprat war an der kleinen Seiten- pforte vorgefahren.

Mit einer Behendigkeit, wie er sie selbst auf ein Klingelzeichen des Chefs nicht entwickelte, und ganz rücksichtslos gegen jede andere dienstliche Anforde­rung, welche an ihn herantreten könnte, eilte Jonas aus dem Büreau und die Treppe hinab, dem all­mächtigen Prokuristen entgegen.

Einen anderen Diener, der eben mit derselben Absicht aus d nt Hause trat, schob er bei Seite, um der Erste zu sein, der Herrn Duprat einergebenes Willkommen" zuflüsterte.

Mit vielen Bücklingen nahm er dann dem An­kommenden seine wenigen Reiseeffekten ab, die er auch, während sie die Treppe hinaufstiegen, fest in Händen hielt.

Dienstbereit, wie immer", sagte Duprat mit selbstzufriedenem Lächeln; man sah es dem elegant gekleideten, noch jungen Mann an, daß er sich gerne in dieser sklavischen Weise bedienen ließ.

Seine Verdienste um das Haus Etwold waren Manchen so zweifelhaft, wie seine Herkunft, die Niemand kannte. Und trotzdem stand er heute in einem Alter, wo Andere noch nach untergeordneten Stellungen zu ringen pflegen, auf einem Platz, der wohl geeignet war, ihm Neider und Feinde zu er­wecken ; und der letztere Umstand war es wohl auch, der Etwold veranlaßte, auf Verdächtigungen Duprats kein Gewicht zu legen.

Der Kommerzienrath nahm an seiner Jugend keinen Anstoß. Er machte ihm sogar Konzessionen, welche mit Recht nur einem Aelteren oder einem Leidenden gebührt hätten. So zum Beispiel hatte er ihm neuerdings aus sein Ansuchen eines der i

prächtigsten Zimmer in seinem Hause eingeräumt, welches Duprat nach Belieben benutzen konnte; es wurde für ihn immer in Bereitschaft gehalten. Und warum? Nur weil des jungen Herrn Privatwohnung etwas entfernt lag und er sie während der Ge­schäftsstunden nicht mit der gewünschten Bequemlich­keit erreichen konnte. Aus demselben Grunde wurde auch für den Prokuristen immer ein Couvert mit aufgelegt, ganz gleich, ob er davon Gebrauch machte oder nicht. War eine Festlichkeit im Hause, so durfte er nicht fehlen. Ueberhaupt war er die rechte Hand Etwold's, welcher ohne seinen Rath kaum etwa» unternahm.

Von der Macht seines Einflusses gab besonders der Umstand Zeugniß, daß er die Versetzung des eigenen Sohnes des Kommerzienraths nach dem Zweighaus in M. durchgesetzt hatte, während er hier die Oberleitung führte und selbst wie ein Sohn des Hauses auftrat und lebte.

In seinem Zimmer angekommen, vollzog Duprat einen hastigen Kleiderwechsel, wobei ihm Jonas hülfreiche Hand leistete; einen anderen Diener hatte er vorher weggeschickt.

Nichts Neues?" fragte er den süßlächelnden Büreaudiener mit scheinbarer Gleichgültigkeit.

Jemand da?" entgegnete Jener, absichtlich miß­verstehend. Er öffnete rasch die Thür, durch welche der Diener hinausgegangen war, und blickte ins Vorzimmer. Es war Niemand da. Nun schloß er ebenso behende die Thür und kehrte zu seiner Be­schäftigung zurück.

Ich fragte nicht, ob Jemand da wäre, ich fragte nur, ob etwas vorgefallen sei, erklärte Duprat.

Wie? Kennen der Herr denn das schreckliche Er- eigniß noch nicht, welches unser Haus"

Duprat winkte ihm zu schweigen.Weiter nichts?" fragte er.

O, doch einiges Herr." Wichtig?"

O ja, das heißt für den Herrn Commerzien- rath. Indessen ich weiß nicht"

Wen betrifft es denn?"

Fräulein Clara und"

Noch Jemand?"

Den rothen Mathies."

Ein spöttisches Lächeln umzuckte die Lippen des Prokuristen.

Eme seltsame Zusammenstellung" sagte er Mathies ist ohne Zweifel der Mörder des Fremden, so viel habe ich schon aus den Zeitungen ersehen.