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„Ha wohl, ein Hauptjux war's, nvr daß die Sache ein bischen anders kam, als ich gedacht hatte... ich ließ mir von Matthias noch einmal wiederholen, was er zu thun hatte und ging nun wieder nach Hause. Ich war mit dem Baron übereingekommen, daß er mich gegen Va2 Uhr abholen sollte und richtig erschien er auch um die ausgemachte Zeit. Nachdem er von mir die blind geladene Büchse bekommen, in die ich einen tüchtigen Papierpfropfen gethan hatte, damit es bester knallen sollte, brachen wir auf. Die Nacht war, wie gesagt, warm und nicht zu hell, aber auch nicht zu dunkel, es paßte dies also für meinen Plan und rüstig schritten wir der großen Tanne zu. Wir mochten vielleicht noch hundert bis hundertundzwanzig Schritt von dem Baume entfernt sein, als wir es durch die stille Nacht vom Schloste her deutlich Zwei schlagen hörten und ich erwartete natürlich jeden Augenblick, daß stch der Matthias auf seiner Lockpfeife vernehmen lasten sollte, aber zu meinem Erstaunen blieb alles still. Eine Minute nach der andern verstrich, ich wurde schon ganz unruhig und der Baron ebenfalls, der gar nicht begreifen konnte, daß ich immer so horchte... Da plötzlich ging'» mit einem Male los: „Mrr-gurr- purr!" Einen Augenblick war ich überrascht, denn das Balzen, das im Uebrigen außerordentlich natürlich klang, schien mir weiter als von der alten Tanne herzukommen, indeflen ich hatte keine Zeit, lange darüber nachzudenken, denn schon ertönte es wieder: „purr-gurr-purr I" und dies so schön, daß ich insgeheim meine Helle Freude an dem Matthias hatte." Der Erzähler warf bei diesen Worten dem ein recht klägliches Gesicht machenden jungen Burschen einen launigen Blick zu, paffte eine mächtige Rauchwolke von sich und Hub wieder an:
„Wir fingen denn nun an zu springsn, nach dem Commando „Eins — Zwei — Eins!" das ich jedes Mal beim Balzen des Hahn's, oder vielmehr des Matthias — nach meiner Meinung — sofort gab. Na das war eine Götterlust, den Baron anspringen zu sehen — so viel dies eben das Zwielicht erlaubte — der alte Großknecht Hans vom Schloßgute hätte die Sache nicht ungeschickter machen können! Wir kamen aber doch vorwärts, nur wurde ich immer ungewisser, denn das „purr-gurr-purr" schien mir in der That nicht mehr von der Tanne herzukommen.... indessen, mittlerweile hatten wir uns derselben bis auf etwa zwölf Schritte genähert und glücklicher Weise schien uns Matthias jetzt auch bemerkt zu haben, denn er hörte mit Locken auf. Nun mußte das Ende der Comödie kommen; die dunklen Umrisse der ausgestopften Eule auf einem der Aeste, waren ganz gut sichtbar, auch der Baron bemerkte den dunklen Gegenstand, den ihm meine Hand an- dmtete; zitternd vor Aufregung hob er die Büchse, visirte ziemlich lange und dann .... dann ertönte ein fürchterlicher Knall — ich"' hatte allerdings ein bischen viel Pulver in das alte Rohr hineingestopft — der Baron taumelte ordentlich zurück ... und
plötzlich klang ein gellender Schrei von der Tanne her, vermischt mit einem Prasseln und Knacken in den Zweigen, endlich noch ein Ton, wie ein dumpfer Fall, dann war alles wieder ruhig!"
Hennig brannte den ausgegangenen Pfrifrnkopf wieder an und bemerkte dann schmunzelnd:
„Ich kann Ihnen sagen, meine Herren, in einer so sonderbaren Klemme hatte ich seit meinen Ge« hülfenjahren, wo ich auch schon manchen Streich mit ausführen half, nicht gesteckt, es war eine verteufelte Situation — na, um es kurz zu machen: Der <aron hatte ein Tafchenfeuerzeug hervorgezogen und angezündet, ehe ich daran dachte, fein Beginnen zu verhindern, und leuchtete nun nach der Tanne hin. Da bot sich denn freilich ein merkwürdiges Bild dar; der Matthias lag halb aufgerichtet auf dem weichen Moos und guckte uns mit schlaftrunkenen Augen an, in seiner Rechten aber hielt er krampfhaft den Bindfaden mit der Eule d'ran, während seine Linke noch den unglücklichen Auerhahn um- klammerte. Mir war die ganze Geschichte mit einem Blicke klar — Matthias war eingeduselt und von dem starken Büchsenknall aufgeschreckt worden, so daß er unwillkürlich einen Schrei ausstieß und, das Gleichgewicht verlierend, mltsammt dem Eulenvieh und dem Auerhahn nielderplumpste. Das Balzen aber war von einem wirklichen, wahrhaftigen Auerhahn besorgt worden, der, wie .ich später herau«- kriegte, seinen Stand ebenfalls in dortiger Gegend, gar nicht weit von der großen Tanne, hatte . . . d'rum war mir die Sache gleich so seltsam vorge- kommen I
Der Baron, welcher sich die seltsame Gruppe mit seinem Lorgnon kopfschüttelnd ansah und besonders die Eule betrachtete, begriff offenbar, daß wir ihn geutzt hatten, wenn ihm auch der Zusammenhang nicht ganz klar sein mochte. Er warf mir einen bitterbösen Blick zu und befahl mir kurz, ihn nach dem Schlosse zurückzubringen; Matthias aber trabte mit seiner Last zerknirscht hinter uns d'rrin.
Der Baron reiste schon am nächsten Tage ab; natürlich war es mit der Doppelkrone nichts. Beim alten Herrn Grafen hatte er stch zuvor noch bitterlich über mich beschwert und mußte ich dem alten Herrn die ganze Affaire haarklein berichten. Es setzte zuerst einen gewaltigen Wischer, zuletzt mußte der Graf aber selber lachen und das einzige Unangenehme, was für mich und den Matthias aus der vrrunglückteu Auerhahnbalz übrig blieb, ist, daß wir Beide noch heute deswegen ein wenig gehänselt werden. Na, Sie wissen ja, meine Herren, wer den Schaden hat, darf für den Spott nicht sorgen! Geh, Matthias, und füll' mir mein Glas noch einmal."
Redsetionr A. Gchehda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Drucker« Er. Ehr. Pietsch) t* Pich«.


