Hichener Jamilienblätter.

KeSMAischss HEM MW Gießener Ayeiser.

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Ux. 126 ° Dienstag den 26. October. IM

Die Brandstifterin.

Arirninal-N»vell« von An^r« Hug».

(Fortsetzung).

Er stand vor dem Rande eine» sogenannten Erdfalles".

Eine im Innern der Erdrinde zusammengestürzte Höhle hatte vor Jahrzehnten hier ein tiefes Loch gebildet und dasselbe mit Waffer gefüllt. Die Tiefe de« Masters und das Abgelegensein desselben von jeder menschlichen Wohnung hatte vielfach Selbst­mördern al« letzte Zufluchtsstätte in diesem Leben gedient.

Kirchner überlief ein eisiger Schauer, als er sich plötzlich am Rande dieses stillen, dunklen Waffer- spiegel» sah. War e« nicht ein Wink der Vorsehung, wenn sie ihm das Mittel an die Hand gab, durch einen kühnen Sprung die kaum ertragbare Bürde diese« qualvollen Daseins abzuschütteln?--Was

war noch das Leben für ihn? Welche Bilder konnte er von der Zukunft erwarten? Ausgestoßen und verachtet von der menschlichen Gesellschaft, die sich so gern damit brüstet, aus christlichen Elementen zusammengesetzt zu sein, die anstatt die Pflichten der von ihrem Religionsstifter aufgestellten Grund­sätze practisch zu üben sich damit begnügt, dieselben zu kennen, mußte er sich nur zum Ueberdruß leben. Wirre Bilder arbeiteten hinter der hohen Stirn Kirchners, es dunkelte ihm bereits vor den Augen... Muth, sei kein Feigling! . . . rief ihm eine innere Stimme zu.... Krampfhaft faßte er die Barriere... seine Hände zitterten ... die Pulse fibrirten. . . . Was Leben I .. . was Zukunft! ... Wer weiß.. . .

Die Barriöre krachte unter der Last des sich darauf Stützenden.

In das Krachen des Holzes mischte sich plötzlich ein anderer Ton, ein Ton, der ihn in den Tagen seiner Jugend so wundersam berührt, in jener fröh­lichen Zeit, in der ihn seine Mutter über die sonn­täglichen Gefilde geführt.

Rur das WortMutter!" drang noch über seine Lippen, dann brach die Gestalt an der Barriöre zu­sammen.

Wie da» erwärmende Licht des ewigen Osten» | die Eisgebilde des rauhen Nordens verzehrt und schmilzt, so löste die kleine Dorfglocke da drüben eine weichere Stimmung in dem Verzweifelnden los. Lange, lange mochte er in dieser Situation ausge­halten haben, denn die Glocke rief dann schon zum zweiten Male, als er sich aufraffte und die kristall­

hellen Perlen, die sich als edelstes Naß über feine Wangen gestohlen, mit dem Tuche trocknete.

Mechanisch lenkte Kirchmr seine Schritte nach dem kleinen Gotteshause und lauschte hier mit An­dacht der Predigt, welche in schlichten, einfachen aber tief zu Herzen gehenden Worten die Auferstehung der Natur feierte und darauf hinwies, wie im menschlichen Leben eine derartige Auferstehung im Einzelnen wie im Ganzen sich unausgesetzt vollziehe, indem auf dem Zerstörten und Untergegangenen da« neue, schönere Leben sich aufbaue.

Gestärkt und neu belebt schlich er aus dem Kirchlein gegen Ende des Gottesdienstes fort und durchstreifte noch mehrere Fluren, denn nach der Stadt zog es ihn heute nicht. Nach den gehörten Worten des schlichten Landpredigers sah er die Natur plötzlich mit ganz anderen Augen an, als einige Stunden vorher, als noch die düstersten Bilder seinen Geist gefangen gehalten hatten.

Weiter, weiter wanderte er, ohne Ziel, bis dis Nacht herauf zog und ihren dunklen Mantel über die Gegend breitete. Vor ihm tauchten die dunklen Umriffe eines Gebäudes auf. Ein bunte» Stimmen­gewirr, das Anprallen von Kegelkugeln und sonstige Geräusche und Töne, wie sie da» Wirthshausleben mit sich bringt, drang an sein Ohr.

Der Körper verlangte plötzlich seine Rechte. Kirchner betrat den kleinen mit Lauben besetzten Vorplatz des einzeln stehenden Gasthauses und ver­langte ein einfaches Abendbrot mit Bier. Auf die Frage des erschienenen Kellners, ob er sich nicht lieber in die Stube setzen wolle, verneinte er, da der Abend noch gar keine merkliche Temperaturver­schiedenheit vom Tage zeigte. Auch hatte Kirchner sofort erkannt, daß er sich an einem jener berüchtigten Orte befand, deren Thüren sich gewöhnlich nur für den Auswurf der Menschheit oder für Leute öffneten, welche ihrer Sinneslust Orgien feiern lasten wollten. Hätte nicht der Magen sein Recht gefordert, so wäre er wohl umgekehrt, so indcsten blieb er und ver­schlang das einfache Mahl in ziemlich kurzer Zeit. Eben wollte er sein Bier austrinken und davon eilen, als ihm bekannte Stimmen an's Ohr schlugen.

Zwei Personen traten aus der Thür.

Schämst Du Dich nicht, Dein Geschäft im Stiche zu lasten und hier mit diesen verwahrlosten Subjekten von Frauensbildern Dich herumzutreiben ?' keifte die Frau.

-Ist ganz und gar meine Sache .... geht Niemanden etwas an .... am allerwenigsten Dir .... Du willst doch mir nicht etwa Vorwürfe