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Kameraden, dann winkte er mir zu und verschwand mit ihnen im Walde, mich mit den drei Kranken am Ufer des Flusses allein zurücklassend. Nach einer Weile kamen die schwarzen Kerls wieder zum Vorschein, zu meinem großen Erstaunen, einen förmlichen Wald von langen, dünnen Stämmen und Ranken- gewachsen mit sich schleppend, ich begriff jetzt ihre Absicht, ein Floß zu bauen und mit einer wirklich wunderbaren Geschicklichkeit verstanden es die Burschen, aus diesem primitiven Material eine Art Floß zu- sammenzufügen. Die Stangen wurden einfach kreuzweise übereinandergelegt uud durch die elastischen Ranken, welche ein ganz vortreffliches Bindematerial abgaben, zusammengebunden. Auf diese Weise war bis Mittag ein allerdings seltsames, aber ziemlich festgefügtes Fahrzeug, welches bequem fünf bis sechs Menschen tragen konnte, fertig geworden und zugleich in Gebrauch genommen. Zuerst wurden — nachdem noch die sechs Maulthiere, die uns übrig geblieben waren, erstochen worden waren, denn die Thiere hatten jetzt doch keinen Nutzen mehr für uns — die drei Officiere behutsam auf das Floß gelegt und da» letztere von mir und Sadik mit langen Stangen langsam, aber sicher nach der Insel dirigirt, wo wir eine geeignete, wenn auch nur schmale Stelle zum Landen fanden. Hier legten wir die Kranken nieder und fuhren dann nach dem Ufer zurück, um zunächst die Proviantvorräthe nach der Insel zu schaffen. Diesmal blieb ich am User, während an meine Stelle Sabbi Datscho eintrat und sich zugleich noch zwei der Soldaten mit ihren Gewehren ,,einschifften"; alsbald kehrte das Floß, von Sadik und dem einen der Soldaten gelenkt, an's Ufer zurück, um den Rest des Proviants zu holen. Sadik sagte mir, daß es mit dem Bey zu Ende zu gehen scheine und dies bestimmte mich, mit dem Floß wieder überzufahren, um unserem Commandeur wenigstens die letzte Hilfe angedeihen zu lassen.
Wir stießen ab, doch kaum waren wir vielleicht dreißig Schritte vom Ufer entfernt, als vom Walde her ein wahrhaft höllisches Geheul ertönte und wir sahen nun unsere Feinde in dichten Haufen, mitten unter ihnen die meuterischen Soldaten des Regiments, vom Waldessaums nach dem User zu strömen — jedenfalls war es den Spähern der Mompurru gelungen, den letzten Treuen des Regiments auf die Spur zu kommen! In einem Augenblicke waren die am Ufer zurückgebliebenen Soldaten, welche beim Hervorbrechen der Gegner aus dem Walde sofort ein Gatte gebildet hatten, von den Aufständischen umringt, zugleich sandten die letzteren unserem Floß einen Schauet von Lanzen und Kugeln nach, ohne daß indessen einet von uns drei irgend eine Verletzung erlitten hätte. Als alter Jäger führte ich meine Doppelbüchse stets bei mir, auch Sadik hatte glücklicherweise sein Gewehr nicht abgelegt und eben wollt n wir auf den dichtesten Haufen der Aufständischen Feuer giben, als Sadik meinen Arm anstieß und, eine grimmige Verwünschung murmelnd,
nach der Front des von den Soldaten gebildeten Carrä's zeigte. Ich ließ vor Ueberraschung die Büchse sinken — wenige Schritte vor den Soldaten stand Baber Mandschera, der lange Unterofficier und eigentliche Anstifter der niederträchtigen Em- pörung, und sprach unter allerhand Gesticulationen auf die Soldaten anscheinend lebhaft ein; ihm aber zur Seite tauchte das spitzbübische Gesicht unseres treulosen Führers auf! Rasch rief ich Sadik zu, Baber Mandschera aufs Korn zu nehmen, während ich auf den beturbanten Schädel des Schuftes von Führer visirte . . . unsere Schüsse krachten fast gleichzeitig und Baber Mandschera wie der gewesene Führer sanken nieder — den letzteren mußte meine Kugel mitten in die Stirn getroffen haben. Aber, Signor" — der Italiener preßte, erregt durch die Erinnerung an die furchtbare Scene heftig meine Hand in der seinen — „Sie hätten dgs gellende Rachgeheul hören sollen, welches den beiden Schüssen folgte — mich durchschauert's noch, wenn ich daran denke! Ein paar von den Hitzigsten stürzten sich sogar in's Wasser, um uns anzugreifen, der große Haufe der Aufständischen aber fiel über die unglückliche Schaar der treuen Soldaten her und wenn sich diese auch tapfer mit Bajonett und Kolben ver- theidigten, so konnten sie dem rasenden Ansturms doch nur kurze Zeit Stand halten. Bluttriefend sank. Einer nach dem Andern nieder und nach kaum zehn Minuten waren alle 40 zurückgebliebenen' Soldaten niedergemetzelt und noch auf die Leichname hieben und stachen die schwarzen Schufte wie in blinder Wuth ein."
Der alte Jäger war bei der Erzählung dieser Scene, die auch mich tief erschüttert, selbst ganz bleich geworden und erst nach einer Pause fuhr er fort:
,,Wit drei auf dem Floß konnten natürlich nicht das Geringste thun, um unseren armen Kameraden beizuspringen, sondern mußten daran denken, uns selbst in Sicherheit zu bringen, denn die schwarzen Satans schienen nicht übel Lust zu haben, uns im ersten Anlauf durch das Wasser nachzufolgen. Nachdem ich jedoch dem Schwarzen, der uns am nächsten war, eine Kugel durch den Schädel gejagt, kühlte sich die Verfolgungslust der übrigen btbeutenb ab und wir erreichten mit unserem gebrechlichen Fahrzeuge unangefochten die Insel. So waren wir Acht also die einzigen Treuen, welche von dem Regiment übrig geblieben, aber selbst diese kleine Zahl sollte noch vermindert werden, denn als die Nacht herein- brach, hauchte der Bey seinen letzten Seufzer aus und in der Nacht, die übrigens ungestört verlief, starben auch die beiden anderen Officiere. Im Morgengrauen des nächsten Tages versenkten wir die drei mit Steinen beschwerten Leichname im Nil und berathschlagten dann über unsere Lage, die, wie Sie zugeben werden, Signor, wiederum eine ganz verteufelte war.
(Schluß folgt).
Südaktion: «. Echeyds. — Druck und Verlag der Brühl scheu Druckerei (Fr. Lhr. Bietsch) in Gießen.


