Hichener Zsamilienblätter
Beiletrißifche, Beiblatt Gießener A^eitzer.
Saat und GrnLe.
Roman von Ewald August König.
(Fortsetzung.)
„Und wenn die Polizei Euch überwacht, so kann Euch das auch nicht befremden. Ihr seid als armer Schlucker zurückgekommen und wißt auf die Frage, wovon Ihr leben wollt, schwerlich eine Antwort zu geben! Da braucht Ihr wahrlich nicht die Schuld auf Andere zu werfen, wenn Euch der Aufenthalt in Eurer Heimath nicht angenehm wird. Ihr hättet drüben bleiben sollen, das wäre gescheidter gewesen."
„Sie mögen nicht wissen, was Heimweh ist", sagte der rolhe Fritz. „Sie haben das nie kennen gelernt, d'rum können Sie auch nicht darüber ur- theilen."
„Wohl kann ich das, aber Euer Heimweh begreife ich nicht; Ihr wußtet ja voraus, daß kein freundlicher Empfang Euch hier erwartete."
„Ich konnte nicht wissen, was mir hier während meiner Abwesenheit eingebrockt war! Wenn Sie ein ehrlicher Mann sein wollen, Herr Oberförster, dann beweisen Sie dem Gericht, daß ich schuldlos bin —"
„Wie kann ich das?"
„Ich will den Richter hierher schicken, sagen Sie ihm Alles, was damals sich ereignet hat, machen Sie ihm das Geheimniß so klar, daß er gar keinen Zweifel mehr hegen kann, und sagen Sie ihm auch, daß ich mit der Geschichte Nichts zu thun gehabt habe. Das verlange ich von Ihnen, ich muß es verlangen —"
„Gebt Euch keine Mühe!" fuhr der Oberförster auf. „Ihr verlangt Unmögliches; das Geheimniß, das mir anvertraut wurde, werde ich niemals enthüllen! Eben weil ich ein Mann von Ehre sein und bleiben will, schweige ich, und Nicht» wird mich zwingen können, dieses Schweigen zu brechen. Das versteht Ihr nicht, Keller, es wäre unnütz, es Euch erklären zu wollen! Von einem Verbrechen, ich wiederhole das noch einmal, kann hier keine Rede sein; und wenn trotzdem das Gericht ein solches wittern will, so liegt es leider nicht in meiner Macht, ihm diesen Glauben zu nehmen, denn die Wahrheit darf es nie erfahren."
„Na, wer das verstehen kann "
„Zerbrecht Euch den Kopf nicht darüber, Ihr werdet's nicht herausbekommen — auch Andere nicht, die gescheidter sind als Ihr. — Und wenn man Euch darum hier das Leben sauer macht, so kann ch dies auch nicht ändern — für Euch blüht über
haupt hier kern Weizen mehr, und Ihr könnt nichts Besseres thun, als wieder nach Amerika zurückzukehren. Wollt Ihr das, dann bin ich bereit, Euch die nöthigen Mittel dazu zu geben, auch noch Etwas mehr, damit Ihr nicht mit leeren Händen drüben ankommt."
„Hm — das hat mir schon ein Anderer vorgeschlagen, ein amerikanischer Oberst, der seit einigen Tagen hier ist."
„Nehmt seinen Vorschlag an, Keller — drüben kennt man Eure Vergangenheit nicht. Ihr könnt da immer Etwas erwerben, während Ihr hier niemals auf einen grünen Zweig kommt. Und das will ich Euch auch noch sagen", fuhr der alte Herr mit schärferer Betonung fort, „redet nicht zu viel von den damaligen Ereignissen — ich und auch der Oberst würden die Hand von Euch abziehen und Euch Eurem Schicksal überlassen. Wahrscheinlich habt Ihr Eurem eigenen gedankenlosen Geschwätz die gerichtlichen Nachforschung n zu verdanken; Ihr werdet Euch wohl damit getröstet haben, daß Euch Manches bekannt sei, was das Gericht nicht erfahren dürfe."
„Keine Silbe hab' ich gesagt —"
„Ihr wißt das jetzt selbst nicht mehr — so aus der Luft heraus hat das Gericht den Verdacht auch nicht gegriffen. Beherzigt meine Worte — Ihr wißt nun, woran Ihr seid."
„Sie werden also Nichts thun, um meine Schuldlosigkeit zu beweisen?" fragte der Vagabund, auf den die letzten Worte des Oberförsters Eindruck gemacht zu haben fchienen. „Sie werden Nichts, gar Nichts enthüllen!"
„Nein!" lautete die Antwort in einem fo scharfen, entschlossenen Tone, daß es Thorheit gewesen wäre, sie anfechten zu wollen. „Nehmt meinen Vorschlag an — einen besseren Rath kann ich Euch nicht geben."
Der Referendar hörte, daß ein Stuhl gerückt wurde; er trat rasch zurück und verließ so leise, wie er gekommen war, das Haus. Seiner geraden Natur widerstrebte cs, sich auf dem Lauscherposten ertappen zu lassen, und der Vagabund konnte ihm ' ja jetzt nicht mehr entgehen — er wollte ihn ver- ! haften, sobald er aus dem Hause heraustrat. Dann | aber auch hielt er cs für besser, daß der rothe Fritz ! jetzt noch nicht erfuhr, daß seine Unterredung mit ' dem Oberförster belauscht worden war; man konnte ihn dadurch um so eher in W dersprüche verwickeln.
„Nun?" fragte Hellmuth spöttisch. „Ich wette, Sie sind jetzt nicht klüger als zuvor!"


