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dem Referendar die Hand; ein Lächeln des Glücks umspielte ihre Lippen.
„Entschuldigen Sie mich gütigst", sagte er; „Sie werden begreifen, wie gerne ich diesem Wunsche nachkomme. Ich bitte Sie, auch meinen Burschen wissen zu lasten, daß ich erst gegen Abend heim« kommen werde."
In gehobener Stimmung verließ der junge Mann das glückliche Paar; er durfte sich sagen, daß die Beiden hauptsächlich seiner Vermittelung, das Glück verdankten. Ihm hatte der Hauptmann kurz vor seinem Besuch bei der Sängerin sein Herz eröffnet, und er hatte ihm zugeredet, offen und ohne Rückhalt die Gründe seiner damaligen plötzlichen Abreise zu berichten; Vertrauen erzeugte Vertrauen, und das Uebrige werde dann ja sich finden.
Dem Hause, in welchem die Sängerin wohnte, schräge gegenüber lag eine Weinschenke, und aus dieser Schenke trat der Landrath, als der Referendar eben an ihr vorbeigeschritten war.
„Auf ein Wort, Herr Referendar!" rief er ihm nach.
Emil Rommel blieb stehen; er erschreck, als er in das todesbleiche, verzerrte Antlitz des sonst so stolzen und ruhigen Mannes blickte.
„Wo ist der Hauptmann von Görlitz?" fragte Ackermann mit bebender Stimme.
„Er blieb bei der Signora Barlotti", erwiderte der Referendar ruhig.
„Sie haben ihn dort eingeführt, Sie —"
„Allerdings, Herr Landrath; indeffen geschah dies auf den ausdrücklichen Wunsch der Signora, die gestern Abend den Herrn Hauptmann im Parauet entdeckte."
„Er wurde also heute Morgen erwartet?"
„Jawohl." (Fortsetzung folgt.)
Die Kroöerung der WaMe.
(Nach einer Denkschrift der Besatzung).
Eines der wichtigsten Ereigniffe der .ersten Zeit der französischen Revolution war unstreitig die Erstürmung der Bastille, welche seit Jahrhunderten und namentlich unter der Herrschaft der drei Ludwige so vielen Opfern der Willkürlichkeit zum Kerker gedient hatte. Den gerechtfertigten Haß, den das Volk gegen dieses Staatsgefängniß genährt hatte, und der an jenem denkwürdigen 14. Juli 1789 in mächtigen Flammen aufschlug, schürte wohl ein einige Jahre zuvor erschienenes Werk „Les memoires sur la Bastille“ von Linguet an. Dieser früher Advokat gewesene, dann als Schriftsteller mit herbem Tadel die Mißbräuche seines Vaterlands, in den außerhalb Frankreich's von ihm herausgegebenen „Annales politiques, civiles et litteraires du dix-huit Tieme sie ole „ bekämpfende Mann, war selbst nahezu zwei Jahre in der Bastille gefangen gehalten worden und hatte sofort nach seiner Freilassuch in ebengenannter Zeit
schrift die obenerwähnten „Denkwürdigkeiten über die Bastille" veröffentlicht. Einer in dem letzten Monat in dem rührigen Verlage von Philipp Reclam jun. in Leipzig, in der Universal-Bibliothek, erschienenen Uebersetzung des Linguet'schen Werks von Robert Habs, ward von dem Bearbeiter in umfassenden Ergänzungen und Berichtigungen eine Reihe der wichtigsten Aufschlüsse über jenes Staatsgefängniß, seine Einrichtungen, Verwaltung, Bewohner und seinen endlichen Untergang beigegeben, die den vorzüglichsten Quellenwerken entnommen wurden. Ein Abschnitt „Kurze Geschichte und Beschreibung der Bastille" ward von Habs nach dem bedeutenden Charpentier'schen Werke bearbeitet, und lehnt an diese Bearbeitung nachstehende Entnahme mehrerer weniger bekannter Einzelnheiten über die Eroberung jenes Staatsgefängnifles an.
Am 14. Juli 1789 beherbergte die Bastille nur sieben Gefangene, Tavernier, der, ehe er in der Bastille eingekerkert war, zehn Jahre auf den Inseln Sainte-Marguerite gefangen gewesen und dessen Geist bei der Erstürmung der Bastille bereits völlig zerrüttet war, Pujade, la Roche, den Grafen de Solages, de Whyte, la Caurege und Bechade. Diese wurden von drei Schließern bewacht. Wie die 82 Invaliden der Besatzung in einer Denkschrift ausführten, fand man, außer jenen sieben Gefangenen, weder Leichen, noch Angekettete, noch Skelette. Letztere wurden freilich später bei der Demolirung gefunden, und zwar stellt Habs fest, daß es die Ueberreste jener in der Bastille gestorbenen Opfer gewesen, die wegen ihres Glaubens nicht in geweihter Erde bestattet wurden. Wegen der in jenen Juli-Tagen in Paris stets wachsenden Aufregung und namentlich seit dem Auflaufe der in der Vorstadt Saint-Antoine vor dem Hause des Sieur Reveillon stattgefunden, hatte de Launay, der Gouverneur der Bastille, diese in Vertheidigungszu- stand setzen lassen. Auf den Thürmen befanden sich am 14. Juli 1785 fünfzehn Geschütze, welche so aufgestellt waren, daß sie nur einmal abgefeuert werden konnten. Ein neues Laden mußte die Bedienung dem feindlichen Feuer aussetzen, wenn man nicht anders zu dem auf Kriegsschiffen bräuchlichen Verfahren des Zurückziehens der Geschütze während des neuen Ladens greifen wollte. Auf dem großen Hofe der Bastille, dem Eingangsthor gegenüber, standen hingegen drei erst kurz zuvor aus dem Arsenal herbeigeschaffte Vierpfünder, die mit Kärtätschen geladen waren. Außerdem hatte der Gouverneur noch zwölf Wallbüchsen oder Böller (amusettes) aus dem Waffenmagazin nehmen und in das Schloß bringen lassen. Obwohl sechs dieser Wallbüchsen in Stand gesetzt wurden, konnte doch nur eine, welche die einen Theil der Besatzung bildenden Schweizer in einer am Thor der großen Brücke angebrachten Schießscharte aufgestellt hatten, verwendet werden. Dieses einzige Geschütz hat aber hier für sich allein mehr Unglück angerichtet, als alle übrigen Feuerwaffen der Besatzung, Kanonen wie Musketen, zu-


