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Christnacht im Forst.
Einer wahren Begebenheit nacherzählt von
Otto Fr. Koch-Frankfurt.
Christnacht dämmert in's Land und ihr versöhnender Zauber, ihr göttlicher Friede breiten sich linde über Erde und Menschheit.
Rings ist nichts als leichter, dichter, weißer Schaum und Flaum aufgeschichtet, wie maßlos herabgeronnener Schutt eines zerborstenen Schneehimmels. Die langen Zweige der Fichten beugen sich unter dieser Last; von ihren Enden baumeln glitzernde Eiszapfen, wie im Frost erstarrte Thränen des Waldriesen. Gleich Crystall funkeln diefe Riesenthränen im Mondeslicht, das über dem weiten, stillen Forste gebreitet ist.
. „Hoi—i—ho!"
Der Ruf drang weit her ans dem Wald. Im Försterhause, das inmitten einer Lichtung sich erhob, wurde hastig ein Fensterladen aufgestoßen, eine Frauengestalt beugte sich lauschend vor, Heller Horn- ton antwortete dann auf den Ruf. Dann fröhliche, lärmende Kinderstimmen: „Der Vater, der Vater!"
Auf dem tiefverwehten Wege schritt ein Mann gegen das Försterhaus; ein großer Hund trottete neben ihm her. Als der Mann aus die Lichtung hinaustrat, hielt er die Hände gegen den Mund: „Hoi—i—ho!" drang es dröhnend aus diesem natürlichen Schallbecher. Jetzt gab's kein Halten mehr da drinnen und die Kinderschaar jagte über den Flur in's Freie, dem Vater entgegen. Selbst der Kleinste entwand sich den Armen der Mutter, die eben das Horn über eine Zacke des Hirschgeweihs gehängt hatte und rasch den Sausewind an dem flatternden Hemdzipfel erhaschte. Der Kleine riß sich aber los und lief den älteren Geschwistern vergnüglich schreiend nach. Die hatten längst den Schneemann umgerannt, den sie am Mittag mit vielem Fleiß und großen! Modellirungstalent aufgebaut hatten und so fiel der kleine, unbeholfene Bursche mitten in des Schneemann's Trümmer. Als er, nun selbst ein Schneemann, sich herausgearbeitet hatte und eben das Mäulchen zum Weinen verzog, da hob' ihn der Vater auf die Arme und küßte ihn auf die kalten Pausbacken. „Richt flennen, Friedel," sagte der Förster, „nur jetzt nicht flennen, Du weißt doch, wer heut' Abend zu uns kommt. Das Christkindl ist mir begegnet mitten im dicken Wald und hat gefragt, ob ihr auch brav seid. Da hab' ich gesagt, alle sind brav, besonders aber der kleinste, der Friedel. Das Christkindl will sich's merken. Es hätte nur noch einen kleinen Gang zu machen in's Städtchen, Du weißt, wo Großmütterchen wohnt, dann käm's herauf mit seinen schönen Sachen."
Der kleine Friedel zerdrückte heldenmüthig zwei dicke Thränen, die in seinen großen Augen perlten und schlang die Aermchen um den Hals des Vaters, der dann mit den Kindern in's Haus trat.
Unter der Thüre begrüßte ihn die Försterin und nahm ihm die schwere Tasche von der Schulter. „Vorsichtig," meinte lächelnd der Förster, „damit nichts zerbricht von dem Kram." „Du bliebst lang, Walther," sagte die Försterin, „die Kinder wollten sich kaum noch bändigen lassen und seit einer Stunde wartet ein Bote des Forstmeisters mit einem dringenden Briefe, wie er sagt. In der Gesindestube sitzt er beim Knecht.
Der Förster hatte sich's bequem gemacht und nahm an dem sauber gedeckten Tische Platz, während ihm seine Frau ein einfaches Abendessen vorsetzte.
„Laß' den Burschen hereinkommen, Lilly!"
Ein hochaufgeschossener junger Mensch, mit schweren Wasserstiefeln an den Füßen, trat wuchtigen Schritts in das Zimmer und wurde freundlich vom Förster begrüßt:
„Ach Du bist's, Jakob, was führt Dich heute, am heiligen Abend, zu uns heraus?"
Der nestelte umständlich das Wollenwams auf und holte ein Schreiben hervor, welches der Förster eilig erbrach.
Tiefe Furchten legten sich über die Stirn des Lesenden, der dann mit einem Kernfluche das Schriftstück auf den Tifch warf.
„Was ist's, Walther?" fragte erschreckt die Försterin.
„Da lies selbst," wetterte jener und reichte ihr das zerknitterte Papier; ein Faustschlag auf'die Tischplatte hallte donnernd nach. „Gleich muß ich wieder fort, heut' am heiligen Abend, 's ist eine Sünd' und Schänd'! Der Forstmeister will gehört haben, vom Oberwald thäten die Schwärzer (Wilderer) herabsteigen in heutiger Nacht und denen wollt' er den Festtagsbraten versalzen. Mich lüstets ja auch, dem Lumpenvolk endlich in die Quere zu kommen und es zu lausen, daß es das Wildern vergißt für alle Zeit. Aber grad heut' Nacht hinauszumüssen auf die Streif', das ist hart für einen Christenmenschen. Die Kleinen warten schon seit Stunden auf mich, daß ich ihnen endlich den Spaß mache und nun kommt mir das dazwischen!" Polternd riß er den Zwilling (Doppelflinte) vom Nagel.
„Dem Herrn Forstmeister kam's auch grad nit gelegen," wandte schüchtern der lange Jakob ein, „aber er hat's bestimmt heraus, daß die Schwärzer heut' Abend herunterkommen. Er hat geschimpft wie ein Türke, Herr Förster, und seine drei Söhne, die von der Schule hereingekommen sind zum Christfest, baten ihn, heut' doch einmal die Schwärzer gewähren zu lassen, sie möchten ja wohl doch nichts schießen, denn der Mond geht schon früh hiuter's Gebirg. Aber er meint, die ewigen Rüffeleien und Nasen von der Forstbehörde hätt' er jetzt mal satt und so bin ich denn, bevor ich zu Euch heraus kam, drüben in H. bei den Landjägern und bei den Förstern in Bühl und Hegwald gewesen und hab' die Streif angesagt." Der Förster brummte auf diese Worte des Burschen etwas Unverständliches in


