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„Wie Sie sehen, Herr Doctor! freut mich ungeheuer, daß Sie gekommen sind, auf Ehre, ungeheuer!"
„Aber, lieb.es Kind!" fagte der Banquier, als er die Brücke überfchritten und seiner Tochter den Arm geboten, „ich sehe weder Vera noch die Borner bei Dir, bist Du ganz allein hier?"
Sein Blick streifte dabei die Menge; er blieb an zwei hohen prächtigen Männergestalten haften, welche die Aufmerksamkeit der Gesellschaft bereits in einem hohen Grad in Anspruch genommen hatten und gegen jeglichen Spott oder Scherz der Läster-Allee gefeit zu sein schienen.
„Herr Henning war so freundlich, mich zu begleiten. Vera und die Borner sind Beide krank; es ist eine verzweifelte Geschichte, welche hier nicht erörtert werden kann. Wer ist denn das?" setzte sie leise mit einem Blick auf die beiden Fremden hinzu, welche in diesem Augenblick vorüberschritten.
„Amerikaner, wenn ich recht gehört!" versetzte der Banquier mit gutgespielter Gleichgiltigkeit, „sollen geradewegs aus dem tropischen Urwald kommen. Famose Kerle, wie?"
„Ja, es scheint so, — nickte Natalie, ihnen nachschauend, „mindestens dem Aeußeren nach, sie haben wirklich etwas Urwäldliches in ihren Gestalten, für welche diese Klippen-Jnsel zu klein erscheint."
„Ganz recht", lachte der Banquier, „der Cur wegen werden sie Helgoland nicht besuchen, da sie nur kurze Zeit hier bleiben werden. Die Herren interessirten mich sogleich, weshalb ich ihre Unterhaltung suchte und sie Dir später, wenn Du es wünschen solltest, vorstellen werde."
Der Staatsanwalt, welcher mit Henning folgte, war mit diesem in einer leisen, eifrigen Unterhaltung begriffen, und schüttelte oft ungläubig lächelnd, den Kopf.
„Wenn Sie nur kein Gespensterseher sind, mein lieber Henning!" sagte er, „es ist sehr gewagt, nach so vielen Jahren einen Menschen am Blick wiedererkennen zu wollen und doppelt gewagt, einen Engländer auf englischem Boden anzugreifen. Ich werde mir den Mann, der, wie es scheint eine ziemlich zweideutige Rolle hier spielt, recht genau auf's Korn nehmen. Aber, wie weit ist es denn eigentlich schon?" unterbrach er sich, seine Uhr ziehend.
„Alle Welter!" — schon halb fünf — wann sollte das Duell stattfinden?"
„Um halb sechs am Nordhorn —"
„Und Sie haben Herrn Reimann kein Wort von dem Anschlag der Engländer gesagt?"
„Nein, Herr Doctor! — er wollte mir einen Maulkorb vorlegen wie dem Papageno, als ob ich ein rechter Schwätzer wäre, das wurmte, mich."
„Ei was, — ist das Patriotimus, Manu? — Gott weiß, was Sie für Unheil angerichtet haben. Eilen Sie zu Reimann und theilen Sie ihm Alles mit, vielleicht kommen Sie noch zeitig genug."
Henning blickte ihn erschreckt an, wagte aber keinen Widerspruch, sondern eilte mit langen Schritten hinweg.
Helmuth gesellte sich jetzt zu dem Banquier und seiner Tochter.
„Was hat denn unser Hutmacher?" fragte Gotthard erstaunt, „wittert er wieder etwas für Sie, Doctor?"
„Na, lassen Sie's gut sein", meinte Helmuth, seine Neugierde ist zuweilen am rechten Platze, — der Mensch hat offenbar seinen Beruf verfehlt. Wollen wir nicht ein wenig uns beeilen", setzte er hinzu, „ich möchte von Fräulein Natalie noch einige Details erhalten und mich dann empfehlen. Wie geht's dem jungen Hartung?"
„O, ziemlich gut, — kann die Geschichte gefährlich für ihn werden?"
Der Staatsanwalt zuckte die Achseln.
„Ich werde mich mit dem Gouverneur in'S Einvernehmen setzen; — der Engländer ist also mausetodt?"
„Leider!" nickte Natalie, „ich glaube, daß ein gewisser Mr. Archibald", die beste Lösung der Geschichte geben könnte, da der Anfang derselben sich in seiner Wohnung zugetragen."
„Mr. Archibald", nickte Helmuth, „es ist derselbe, der sich Ihnen hier angeschloffen und Madame Borner's Spuren, wenn auch nicht heimlich, sondern ganz öffentlich folgte?"
Natalie mußte lächeln, während der Banquier laut auflachte.
„Hat der redliche Henning Ihnen das schon verrathen?" fragte erstere kopfschüttelnd, „er sieht wieder Gespenster, wie Herr Doctor?"
„Na, wir werden denselben bei hellem Tageslicht in's Gesicht schauen, liebes.Fräulein!" versetzte Hellmuth, „was kein Verstand der Verständigen sieht, entdeckt, wie Sie wissen, oft ein einfältig Gemüth. — So, Sie haben Ihre alte Wohnung wieder bezogen, ist auch gemüthlicher als im Hotel. Was macht die schöne Vera?"
„Krank — das arme Kind ist ganz niedergeschmettert —"
„Unsinn! — die Menschen bleiben sich überall gleich in ihrer Bosheit und Verleumduugssucht, dagegen hilft nur Gleichgültigkeit und eine doppelte Quantität selbstbewußten Stolzes, da sich Alles in der Welt rasch überlebt und nur das Neue interessant ist. Wer menschlicher Bosheit sich beugt, wird niedergetreten, das muß ich als Staatsanwalt am besten wissen. Ist Madame Borner auch niedergeschmettert?"
„Versteht sich, ganz und gar — das unselige Duell -"
„Wie? Was ?" unterbrach sie der Banquier erschreckt.
„Weiß schon, der Reimann hat sich wacker benommen," fiel Hellmuth rasch ein, „er wird sich mit dem Anbeter unserer armen Borner schießen oder hauen und darüber ist sie krank?"
(Fortsetzung folgt)


