Ausgabe 
25.12.1886
 
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Borner jetzt zum ersten Male; die gute Dame sah sehr bleich, sehr unglücklich aus, was doch nicht gut die Folge einer kleinen Erkältung sein konnte.

,,Ei, liebe Borner", sagte Natalie, melancholisch lächelnd, ,,wir dürfen nicht vergessen, daß Herr Rei­mann vor einem ernsten Abschnitt seines Lebens steht und so zu sagen sein Testament machen muh, was wohl Niemand tiefer als ich beklage."

Ja, es ist gräßsich", rief Madame Borner mit weinerlicher Stimme,ist auch just, als müsse sich an die Fußtopsen der armen schuldlosen Vera stets ein blutiger Schatten heften, wie in ihrer frühesten Kindheit. Lieber Himmel, wenn ich bedenke, daß Sie den armen Mylord am Ende todtschießen und so schließlich noch zum Mörder werden."

Nur nicht zu tragisch, werthe Madame Borner!" lachte Reimann spöttisch,will, wie gesagt, dem armen Mylord ein wenig die Ohren stutzen und ihm die blaue Brille sammt den blonden Coteletts wegrasiren. Und jetzt will ich mich Ihnen ganz ergebenst em« pfehlen mit der Bitte, Fräulein Vera mein Bedauern und meine herzinnigsten Wünsche zu Füßen zu legen. Wenn Sie cs erlauben, meine Gnädige, werde ich heute Abend Herkommen, um den Herrn Papa zu begrüßen, der vielleicht unfern Helmuth schon mitbringt."

Er küßte Natalie respectooll die Hand, verbeugte sich vor Madame Borner und verließ mit einem Lächeln auf den Lippen da« Haus.

Man sollte es kaum sür möglich halten, daß ein junger Mann bei solchen Geschichten noch zu lachen vermag", bemerkte die Borner sehr indignirt, ich kann mir nicht helfen, meine aber doch, daß Mylord Archibald, welcher durch und durch Gentleman ist, unnöchiger Weise provocirt worden und der junge Hartung die Hauptschuld trägt. Männer solchen Schlages, welche sich reich und unabhängig fühlen, lieben Zerstreuung und vor Allem das Spiel, weshalb wird denn My'ord so sehr mit Steinen beworfen, wenn er, da keine andere Gelegenheit hier mehr dazu vorhanden, sein Geld in solcher Weise verlieren will?"

Sie haben doch verstanden, daß er jene heim­liche Spielhölle selbst eingerichtet hat, meine Liebe?" sagte Natalie ruhig,doch streiten wir darüber nicht," setzte sie etwas ungeduldig hinzu.Was kümmert uns der widerlich aufdringliche Mensch, welcher es sich vorgenommen zu haben schien, uns lächerlich zu machen und von der Insel zu ver­treiben!"

O, bitte recht sehr, liebes Fräulein!" versetzte Madame Borner ganz erregt,dagegen muß ich doch entschieden protestiren. Mr. Archibald hat sich stets wie ein Gentleman benommen und wenn es ihm beliebte, mich besonders auszuzeichnen, so sehe ich darin weder eine Lächerlichkeit, noch irgend ein anderes Attentat, es märe denn, daß die Eifer­sucht "

Sie verstummte und wandte sich verlegen ab, als Natalien's Augen in komischer Verwunderung

sich weit öffneten und ein unwiderstehliches Lachen ihren Mund umzuckte.

Mit einer gewaltsamen Anstrengung bezwang Letztere ihre Heiterkeit und sagte herzlich:Ich fürchte, daß Sie sich in jenem Gentleman doch ge­täuscht haben, liebe Borner! und hoffe, daß Sie nicht in's feindliche Lager übergehen werden."

Wenn Herr Gotthard nur früh genug käme, um dieses abscheuliche Duell zu verhindern," klagte jene,denn ein Unglück giebt es so oder so."

Leider," gab Natalie kleinlaut zu, ich würde selber viel darum geben, wenn die Sache beigelegt würde, obgleich ich dasWie" nicht zu finden ver­mag, da Herr Reimann zu gröblich insultirt wor­den ist."

Madame Borner hatte sich auf einen Stuhl gesetzt und starrte nun wie geistesabwesend vor sich hin.

Plötzlich erhob sie sich entschlossen.

Mein Kopf schmerzt zum Zerspringen, sagte sie mit zitternder Stimme,Sie erlauben wohl, daß ich ein wenig frische Luft schöpfe."

Natalie sah sie besorgt und überrascht an.

Ziehen Sie es vor, allein zu gehen?"

Aufrichtig gestanden ja, Fräulein Gotthard! Ich muß den Anblick der See und Einsamkeit haben."

Gehen Sie nicht zu nahe an die Klippen, liebe Borner," bat Natalie wirklich besorgt, sie könnten schwindlich werden."

Unbesorgt, Sie kennen meine Furcht, ich bleibe in respectvoller Entfernung.

Dann setzte sie ihren breiten Sonnenhut auf, nahm Schirm und Handschuhe und verließ das Haus, während Natalie ihr kopfschüttelnd uach- blickte.

10. Capitel.

Das Dampfschiff, welches neue Badegäste brachte, war in Sicht gekommen und unter Lachen und Scherzen hatte die sogenannte Läster-Allee sich auf­gepflanzt, welche nach herkömmlicher Sitte oder Unsitte die neuen Ankömmlinge mit einer Lauge von Spott und witzigen Bemerkungen empfängt und je nachdem Grobheiten, oder Scherz und Lachen dafür erntet.

Der Banquier Gotthard, welcher Helgoland un­zählige Male schon besucht, war gegen die See­krankheit und somit auch gegen den Spott der Läster- Allee gestählt, ebenso der Staatsanwalt Helmuth, welcher gleichmüthig den bekannten Strand betrat und mit einem überraschten Lächeln seinem alten Freunde Henning, der in der vordersten Reihe der Allee seinen Platz an Fräulein Gotthards Seite behauptete, die Hand entgegenstreckte.

Sie auch hier?"