Ausgabe 
25.11.1886
 
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Herz so beklommen entgegengeschaut. Wieder ist der weite Platz vor der Hofburg dicht gedrängt voll Menschen, aber stumm steht die Menge und blickt wie in wehmuthvoller Theilnahme auf das glanzvolle Haus, aus dem die Tochter jetzt scheiden soll. Auf der Treppe steht die Kaiserin, immer und immer wieder ihr Kind umarmend, das einem so glänzenden und doch so ungewissen Schicksals entgegen gehen soll. Nur zu sehr erinnert sich Maria Theresia der warnenden Stimme wohlmeinender Räthe. Kaum trennen können sich Mutter und Tochter und immer wieder sinkt die Scheidende in die Arme der Mutter, bis sie sich endlich mit einem Blick auf das harrende Gefolge dennoch ermannt und losreißt. Noch ein kurzer Abschied von den Geschwistern und raffelnd fuhren die Wagen davon, Maria Theresia aber starrte noch lange in dumpfem Brüten auf die Stelle, wo soeben noch ihre geliebte Toni gestanden und als sie sich dann endlich zum Gehen wendete, murmelte sie dumpf:

Das war ein Abschied auf ewig, ich sehe mem Kind nie wieder I"----------

Unter großem Geleite deutscher Landsleute legte die Dauphins die Reise zurück und glanzvoll wurde sie in Straßburg auf französischem Gebiete em­pfangen. Von der Grenze bis zur Hauptstadt ein einziger Triumphzua; überall bestrebten sich Adel und Priesterschaft, die beiden einzigen herrschenden Stände, die künftige Gebieterin zu feiern. Marie Antoinette war glücklich in ihrer noch halbkindlichen Freude, sie sah nicht, daß neben allem Jubel das Volk abseits stand; sie ahnte nicht, wie ver- hängnißvoll ihr schon der Mann werden sollte, der sie in Straßburg an der Pforte der Kathedrale be­grüßte und der als Kardinal de Rohan später die berüchtigte Halsbandgeschichte in Scene setzen sollte. In Paris schloß Ludwig XV. die Gattin des Enkels freundlich in seine Arme, und schämte sich nicht, sie desselben Tages noch mit seiner Favorite, der Gräfin Dubarry zusammen speisen zu laffen. Bald sah sie mit offenen Augen in dm Pfuhl des Lasters rings um sich und um so inniger schloß sie sich dafür an ihren jungen gutherzigen Gatten. Aber nur zu bald stieg schon die erste Wolke empor. Am 30. Mai 1770 ereignete sich bei dem Feuerwerk zu Ehren der Dauphine jenes furchtbare Unglück des Zusammensturzes der Seinebrücke, wobei Hunderte von Menschen ihren Tod fanden und des Volkes Flüche gegen den Hof sich schon lauter, regten; bald begeiferte und verdächtigte man auch die Treue und Sittenstrenge der Dauphine, deren herzliche Natür­lichkeit man nicht begriff und als frivol bezeichnete. Ihr Scherz hieß am Hofe schon bald Unanständig« keit, ihre Freundlichkeit war Anlaß zu Verdächtigungen beim Dauphin und als sie zurückhaltender wurde, nannte man sie stolz und hochmüthig. Endlich starb Ludwig XV. Bei der Krönung zu Rheims schnitt die Krone dem jungen Herrscher einen blutigen

Streifen in die Stirn; der ganze Hof erbleichteob des Vorzeichens.

Die Krone drückt mich", klagte der König, und Marie Antoinette schrieb nach Wien an ihre Mutter.

Beten Sie für Ihre unglücklichen Kinder!"

Und drückender wurde wirklich die Last der Krone von Jahr zu Jahr. Eine Hungersnoth brach herein, das Deficit in den Staatskassen, die Ver­kommenheit der hohen Beamten, die Halsbandge­schichte trugen sehr dazu bei, den Horizont zu ver­düstern; dann traten gegen den Willen des Königs die Notablen zusammen, Mirabeau erschien auf der Tribüne der Nationalversammlung, die Bastille, das Bollwerk des absoluten Königswillens, sank vor dem Willen und Haß des Volkes und die Königin hieß nur noch Madame Veto, oder die Bäckerin, oder die Oesterreicherin. Ihre Mutter, ihr Bruder Joseph, sind gestorben, drohender regen sich die Vorbo en des Umsturzes, die Anzeichen der Revolution. Nur Flucht schien noch Rettung zu bringen vor den Dämonen der Haaptstadt. Aber die Flucht mißlingt im letzten Augenblick, König und Königin werden in VarenncS vom Postmeister verhaftet und von den National­garden nach Paris zurückgeführt. Dort ist nun jede Schranke gefallen, es bildet fich> der Convent und beschließt, den König des Hochverraths anzuklagen; es folgen Gefangenschaft, Kerker und Tod.

Am Morgen den 16. October 1793 bestieg Antoinette den Karren, der str dem Ende entgegenbringen sollte.

Lebt wohl, meine Kinder, ich gehe zu Eurem Vater", so rief sie noch im Scheiden ihren Kindern zu.

Ob sie wohl in dem Augenblick des letzten Ab­schiedes ihres Lebens an den ersten damals in Wien gedacht haben mag?-------

Am 7. April 1770, Abends 6 Uhr, war es, als in der Hofburg zu Wien der Marquis von Durfourt den Verlobungsbrief des Dauphins über­reichte, und am 16. October 1793, also nach 23 Jahren, wieder Abends 6 Uhr erschien beim Wohlfahrtsausschüsse zu Paris ein struppiger Mensch, die rothe Jacobiner-Mütze auf dem Kopfe, mit einem Schreiben in der Hand, enthaltend die Rechnung des Todtengräbers Joly, welcher die von dem Revo­lutions-Tribunal Vermtheilten zu bestatten hatte. Die Rechnung lautete:

Den 16. October.

Die Witwe Cape!:

Für den Sarg.....6 Livres

für die Grube und Arbeiter . 25

Darunter stand, nachdem noch eine Reihe anderer Namm aufgeführt waren:

264 Livres erhält Bürger Joly für Mühen und Auslagen aus der Nationalcasse. Jahr II. der Republik Hermann, Präsident.

Zwei Schreiben so verschiedener Art, Anfang und Ende der Laufbahn einer deutschen Kaisertochter bezeichnend, deren Grab man nicht einmal mehr kennt!! Dr. Franz Müller.

Redaktion: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schon Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.