Ausgabe 
25.11.1886
 
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wunderbarem Spürsinn eins gewisse Richtung ein- schlug, die ihn zu einem moosbewachsenen Stein am Fuße eines gewaltigen Baumriesen führte, wo er sich ruhig niederließ, den Rücken gegen den Stamm festlehnend, den treuen Hund mit beiden Armen umschließend, während die Flinte ein sicher geschütztes Lager hinter dem Stein fand.

Jetzt brausten die Stürme gleich entfesielten Geistern der Tiefe einher, mit mächtigen Stößen die verschlungenen Baumkronen auf- und nieder­wühlend; die Blitze loderten wie ein Feuerbrand durch die schwarze Finsterniß und die Wolken er- gossen ihre Schleusen praffelnd und brüllend auf die ächzenden Bäume herab; deren Stämme krachend auseinander spalteten, oder mit den Wurzeln aus der Erde gerißen wurden, während der feste Boden, wie eine Schlammfluth auseinander getrieben, Wald- und Felrtrümmer donnernd vor sich hinrollte. Alles Gethier schreckte aus seiner Ruhe; das Angstgeschrei übertönte den Aufruhr der Elemente und aus allen Wipfeln und Gründen brüllte es wie das Echo des Chaos zurück.

Ein Augenblick hatte den berauschenden Zauber der Tropennacht in Schrecken und Verderben umge­wandelt und der einsame Mensch, welcher inmitten dieses Grausens ohnmächtig am Riesenstamm lehnte, fühlte den heiligen Schauer der Gottheit im pochenden Herzen.

Schnell, wie es hereingebrochen, zog das Un­wetter vorüber. Roch regnete es aus den zitternden Wipfeln in schweren Tropfen herab, doch schimmerte endlich das wiederkehrende Licht durch die Nacht und rasch erhob sich der Einsiedler, von seinem Hunde freudig umsprungen, um den Morgen zu hegrüßen. Mit einer Art wilden Freude hatte der Mann dem furchtbaren Schauspiel zugeschaut; in diesem Aufruhr der Zerstörung schien er sich in seinem Elemente zu fühlen und ob das Herz auch höher pochte beim An­blick der dämonischen Urkraft, ob die Seele auch des Ewigen Nähe empfinden mochte, so zeigte das kühne Auge doch keine Furcht, es schloß sich nicht vor der feurigen Lohe und dem Odem jener titanischen Mächte, vor welchen der hilflose Mensch als ein winziger Spielball erscheint.

Dieser einsame Mann, welcher unzählige Male solches Unwetter erschaute, fürchtete den Tod nicht, er kannte weder Furcht noch Bangen, sondern er­blickte in dem wilden Aufruhr der Elemente etwas Erhabenes und Göttliches, wogegen das Menschen­getriebe der Welt ihm noch schaaler und verächtlicher erschien.

Langsam, mit sicherem Auge wie ein Indianer, erkannte er den schmalen Pfad, welchen seine Axt gebahnt und täglich zu erweitern suchte. Mit seinem klugen Brutus zur Seite durfte er sich überhaupt so ziemlich sicher in diesem zauberischen Labyrinth, das manchem Verirrten den Tod gebracht, vorwärts wagen.

Plötzlich schlug der Hund an und durchbrach mit lautem Geheul ein Blüthengewinde. Sein Herr

folgte, um dem klugen Thiere Raum zu schaffen, obwohl er nicht gesonnen war, irgend ein Wild zu jagen.

Was giebt's Brutus? Ah!"

Der Jäger blieb wie gebannt stehen, als er seinen Hund erblickte, welcher ein auf dem Erdboden liegendes menschliches Wesen beschnüffelte und dann mit verständnißvollem Blick seinen Herrn anschaute.

Er trat zögernd näher, Menschen liebte er nicht, hatte sie seit langen Jahren geflohen und nur hie und da einem Indianer gestattet, seine Hütte zu betreten, wenn diese Söhne der Wildniß die noth- wendigsten Lebensbedürfniße aus der Stadt ihm ver­schaffen mußten.

Dies aber war ein weißes Antlitz, ein Mann mit blondem verwilderten Haar und Bart, welcher regungslos an dem mächtigen Stamm eines Inga« baumes lag. War er tobt?

Unser Einsiedler stieß einen ungeduldigen Seufzer aus, fuhr mit der braunen, sehnigen Faust durch den langen Bart und setzte dann vorsichtig seine Flinte gegen einen Baum, worauf er sich zu dem Regungslosen niederbeugte und fein Ohr an dessen Mund legte.

Den hat der Sturm niedergeworfen, wenn ihn der Blitz nicht vielleicht getödtet", murmelte er ver­ächtlich,armseliger Geselle! was wagst Du Dich in des Allmächtigen Nähe, wenn sein Hauch Dich schon hinstreckt?"

Er zog deßungeachtet eine Flasche hervor und suchte dem Manne etwas Wein einzuflößen, hob ihn dann mit starken Armen empor, um ihn in sitzender Stellung gegen den Baum zu lehnen und begann mit sicherer Gewandtheit die nöthigen Wiederbeleb­ungsversuche, indem er ihm das leichte Oberhemd löste und Brust und Nacken mit Wein wusch und kräftig rieb. Nach einer halben Stunde, als er be­reits jede Hoffnung aufgegeben und den Mann mit einem, wie wir zu seiner Schande gestehen müssen, erleichternden Seufzer zu den Tobten werfen wollte, athmete dieser leise auf und öffnete plötzlich die Augen, verwirrt, wie im Traume um sich schauend.

(Fortsetzung folgt).

Zwei Urkunden.

Erzählung aus dem Leben einer Kaisertochter.

(Schluß.)

Ueber dem Rauschen des Festesjubels, über all' den glückreichen, zuversichtlichen Verheißungen der Umgebung verstummte allmälig wieder die dunkle Ahnung im Gemüthe Maria Theresta's; Feste folgten über Feste, jeden Tag, den die Tochter noch bei ihr weilte, sollte die Freude verschönern und das Herz sehnte sich instinktiv nach Zerstreuung, um nicht an'S Scheiden zu denken. Und doch kam endlich auch der 26. April, der Tag des Abschiedes, dem das Mutter-