Ausgabe 
25.11.1886
 
Einzelbild herunterladen

584

dumpfen Raum, und wendete sich der Stadt zu.

Niemand achtete auf ihn. ;

Eine halbe Stunde später hielt eine Droschke ! vor Hillmann's Hotel, der ein eleganter Herr ent- i stieg, welcher zwei Zimmer und ein gutes Souper \ bestellte.

Der Staatsanwalt Helmuth und sein schlauer, ; neugieriger Hutmacher würden sich sehr gewundert ] haben, wenn sie diesen vornehm dreinschauenden Gast ! hätten sehen können, welcher soeben bei seinem - Souper saß und sehr aufmerksam die Weinkarte musterte.

Zweites Buch.

1. Capitel.

Im fernen Westen unter der senkrechten Sonne der Tropen, dort an den Küsten-Cordilleren von f Caracas, wo je nach der Höhe über dem Meere ein ewiger Frühling, Sommer oder Herbst einen unver­gänglichen Teppich von Blumen und Gräsern und Farrenkräutern und Ziersträuchern webt, hier, wo der Urwald in immergrüner Pracht, in einer unan­getasteten Alleinherrschaft mit seinen überwältigenden Eindrücken, seinen geheimnißvollen Stimmen und lauernden Gefahren die Pfadfinder der Cultur in seine ungebahnte Wildniß lockt, hatte ein Mann sich angesiedelt, dessen wirklichen Namen Niemand kannte und der sich nur als menschenscheuer Sonderling in der ganzen Gegend einer gewissen Berühmtheit er­freute. Seine Blockhütte befand sich in einem herr­lichen, üppigen Thale am nördlichen Abhang der Cordilleren, wo dieselben allmälig zum Meere ab­fallen; es schloß alle lieblichen Reize, alle Erzeugnisse, die ganze Fülle der Tropenerde in seinem Schooße ein. Ein breiter Waldbach goß sein frisches, silber­klares Bergquellwasser über den fruchtbaren Boden aus und Alles, Alles schien auf diesem para- diesischen Erdenfleck, eingehegt von des Urwalds mächtigen Baumriesen, den Menschen zur Heimstätte einzuladen.

Einsam hauste der Mann hier schon seit Jahren, Niemand machte ihm die Stätte streitig, da man das finstere Antlitz fürchtete und sich von der Ungesellig­keit des Gottseibeiuns, wie ihn die Menschen nannten, hinlänglich überzeugt hatte. Nur einen einzigen Freund besaß er, das war ein großer, mächtiger Jagdhund, welcher ihn auf Schritt und Tritt be­gleitete.

Zwischen schlanken Palmen stand die einfache Hütte des Einsiedlers; Harz-, Gummi-, Balsam- und Wollenbäume liehen derselben ihr umfangreiches, un­durchdringliches Schattendach und baumhohe Bambus- gräser flüsterten im heiteren Spiel der Lüfte mit dem einsamen Bewohner, der fern von dem bunten Treiben der Welt, aber auch fern von menschlicher Bosheit und Tücke sich in der Freiheit glücklich fühlte.

Er mochte die Vierzig bereits um einige Jahre überschritten haben. Das volle, dunkle Haar, der

starke, ungepflegte, bis auf die breite Brust herab­reichende Bart Zeigten hie und da schon silberne Streifen, während die hohe, kräftige Gestalt mit dem schönen Kops, dem edlen, scharfgeschnittenen Antlitz, den schwermüthig düsteren Augen, aus denen unsäg­liche Menschenverachtung sprach, noch die Spuren einstiger stolzer Schönheit trug.

Mitternacht mar vorüber, das heilige Zeichen des Kreuzes dort oben am glänzenden Firmament der Tropen auf- und untergegangen.

Auf dem schmalen Pfade, welcher, dem uneinge­weihten Auge fast unkennbar, von der Hütte des Einsiedlers in den Urwald hineinlief, schritt dieser, als der Morgen zu tagen begann, von seinem Hunde begleitet, langsam dahin. Seine Kleidung war die denkbar einfachste, hirschlederne Moccasins und Gamaschen, ein Hemd von einfarbiger Baumwolle, durch einen Gürtel zusammengehalten, ein breiter Strohhut, das war Alles; eine kostbare Jagd­flinte, ein Waidmesser mit silbernem Griff bildeten als Gegensatz einen räthselhaften Luxus zu dem Bilde des einfachen Jägers sie mochten ihm als Erinnerungszeichen einer fernen glücklichen Vergangen­heit von unschätzbarem Werthe sein.

Immer weiter schritt er in den Urwald hinein, und immer mehr dämmerte der Morgen durch den grauen Schatten herauf. Die ersten Weckrufe wurden laut, eine Stimme nach der anderen er­wachte, bis der ganze Chor des Waldes in aufge­lösten Harmonien durcheinander lärmte.

Der einsame Mann blieb stehen und horchte den Stimmen, die ihm lieb und traut waren wie alte Bekannte. Dort schritt ein Reiher stolz und gravi­tätisch dem rauschenden Bache zu; der Jäger sah es und rührte sich nicht, obwohl sein Hund verwundert und unruhig mit der Schnauze ihn anstieß.

Wir schießen heute nicht, Brutus!" sprach er, ihn zärtlich liebkosend,komm', wollen nur unsere Welt begrüßen!"

Welch' eine Wunderwelt! Welche Pracht der Schöpfung, wo die Natur wie ein reines, unent­weihtes Kinder-Auge zum Ewigen emporschaut. Den Hund zur Seite schritt der Einsiedler durch die wolkigen Laubgänge, um welche sich ein hundert­fältiges zartes Blatt- und Blumenleben schlingt. Wie das schimmert und blüht in den prächtigsten Farben, wie es duftet und berauschend die Menschen- fecle in Träume wiegt!

Plötzlich, ohne Wind und Wehen, zog ein eigen» thümlichcs Brausen durch den stillen Wald, wie es in den Tropen den nahenden Stürmen und Ge­wittern voranzugehen pflegt.

Ah, Brutus!" rief der Jäger,wir sind über­rumpelt, jetzt heißt es, rasch ein Unterkommen finden."

Der Hund drängte sich ängstlich an seinen Herrn, als plötzlich ein blendender Feuerstrahl hernieder fuhr, dem ein krachender Donnerschlag, welcher den Wald erbeben machte, folgte. Lang und schwer rollte der Donner und tiefe Finsterniß umgab den Jäger, welcher des Hundes Halsband erfaßte und mit