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„Er kann mir Nichts sagen, was ich nicht schon wü$te
„Vielleicht doch!"
„Nein", unterbrach der Oberst ihn scharf. „Er würde mich mit Fragen bestürmen und das liebe ich nicht."
„Auch die Damen haben sehnsüchtig Ihren Besuch erwartet."
„Madame Ackermann soll sich meiner letzten Worte erinnern; die Verhältnisse haben sich noch nicht geändert."
„Diese Aenderung könnte nun eintreten", sagte der Referendar. „Die Untersuchung hat einen be- deutenden Schritt vorwärts gemacht."
Oberst Johnson blieb stehen. Die blauen Gläser seiner Brille hefteten sich fest auf das Antlitz des jungen Manne».
„Darf ich Sie um eine Erklärung bitten?" fragte er.
„Der Vagabund hat endlich ein offenes Geständ- niß abgelegt. Seine Aussagen sind etwas verworren, indessen vermuthe ich, aus ihnen entnehmen zu dürfen, daß die Leiche, die im Walde von Wiesen- thal gefunden wurde, nicht identisch ist mit dem Tobten oder dem Schwerverwundetrn, den der rothe Fritz beraubt hat. Dieser Letztere ist derzeit spurlos verschwunden, und der Oberförster allein kann uns darüber Aufschluß geben."
„Wird der Oberförster hier als Zeuge ver- Kommen werden?" sagte der Oberst nach einer kurzen Pause, während er seine Wanderung wieder ausgenommen hatte.
„Er ist bereits vorgeladsn; wir erwarten ihn übermorgen."
„Was er auch wiffen mag, er wird Nichts aussagen!"
„Dem Richter muß er Rede stehen."
„Er kann sein Zeugniß verweigern und sich darauf berufen, daß sein Ehrenwort ihm dies gebietet. Er wird dem Richter sagen, daß ein Verbrechen damals verübt worden sei —"
„Verzeihen Sie, er muß uns Aufschluß darüber geben, wohin er damals den Tobten oder den Schwer- verwundeten gebracht hat", erwiderte Rommel ungeduldig. „Ich halte an der Vermuthung fest, daß jene Person nicht tobt, sondern nur schwer verwundet war. Herr von Reizenstern konnte ja kein Jntereffe daran haben, eine Leiche verschwinden zu laffen."
„Und hat Ihr Gefangener mit Bestimmtheit erklärt, der Oberförster habe diese Person verschwinden laffen?"
„Aufrichtig gesagt: nein! Wohl aber behauptet er, derzeit Spuren entdeckt zu haben, die bis zum Forsthause führten."
„Kann daraus ein sicherer Beweis gezogen werden?" fragte der Oberst kopfschüttelnd. „Wohl schwerlich, und ich sage Ihnen noch einmal, alle Ihre Mühe wird fruchtlos bleiben. Die Vorstellung hat wieder begonnen, wir wollen ins Buffetzimmer gehen."
Der Referendar begleitete ihn schweigend, es ärgerte ihn, daß er immer und immer wieder diesen Zweifeln begegnete. Sie waren die einzigen Gäste am Buffet, der Oberst forderte eine Flasche Wein und ließ sich mit seinem jungen Freunde in einer Ecke des geräumigen Zimmers nieder.
„Erinnere ich mich recht, so ist der rothe Fritz damals verhaftet worden, weil er einen falschen Paß führte", sagte er. „Auf welchen Namen war dieser Paß ausgestellt?"
„Franz Krüger", erwiderte Rommel.
„Ah — ah, Krüger?"
„Ist der Name Ihnen bekannt?" fragte der Referendar, überrascht von dem seltsamen Ton, den der Oberst angeschlagen hatte.
„Hm, es ist ein gewöhnlicher Name; ich mag ihn früher wohl einmal gehört haben."
„Dieser Franz Krüger war der Banquier, der Madame Schirmer, die Schwester Salberg'«, derzeit um ihr Vermögen betrogen hat. Er ergriff die Flucht, und man hat seitdem nie wieder Etwa» von ihm gehört."
„So, so, das wußte ich noch nicht."
„Und nun vermuthe ich, da der Paß Krüger's im Wiesenthaler Walde gefunden wurde, daß dort auch der Mann selbst gesucht werden muß."
„Jetzt noch, nach so langer Zeit?"
„Könnte der ruinirte Banquier mcht auch sich entleibt haben? '
„Unb was folgt aus dieser Vermuthung, deren Möglichkeit ich nicht bestreiten will?"
„Daß damals eine Verwechselung stattgefunden haben kann", erwiderte der Referendar.
„Du lieber Gott, wie viele Sorgen machen Sie sich um diese Sache, die aufzuklären sich nicht einmal der Mühe lohnt!" spottete der Oberst, während er die Gläser wieder füllte. „Man hat derzeit nicht zwei, sondern nur eine Leiche gesunden, und e» ist festgestellt, daß es die Leiche Hermann von Sal- berg's war —"
„Wodurch ist das festgestellt?"
„Durch den Rock, den er trug, und durch die Briefe und andere Gegenstände, die man in den Taschen dieses Rockes fand."
„Der Andere soll auch einen .Hellen Paletot getragen haben."
„Da« beweist ja gar Nichts —"
„Und bann hat der rothe Fritz in der Hand des Andern ein Pistol gesehen, das den Namen ©al« berg's trug. Dieses Pistol ist im Besitz des Oberförsters, und neben der zweiten Leiche fand man einen ^Revolver/*
Der Oberst hatte die Brauen finster zusammengezogen. Er drückte die blaue Brille dichter vor die Augen und zuckte ärgerlich mit den Achseln.
„Sie haben sich nun einmal in Ihre Ver- muthungen so fest hineingebifsen, daß es nutzlos wäre, Sie eines Besseren belehren zu wollen", erwiderte er.
„Sie können diese dunklen Räthsel lösen —"


